Mythos Azoren

Die Azoren. Sie sind ein Mythos, in jedem Fall. Ist es das versunkene Atlantis, von dem die Krater und Vulkane zeugen? Liegen Städte unter den Walen, Delfinen und Fischen, die wir beobachten, die aber nichts verraten? Hier, auf den Azoren, mitten im Atlantik, treffen sich die Segler aus aller Herren Länder mit den Einheimischen bei einem Super-Bock oder einem lokalen Wein, essen Ananas mit Blutwurst. Und je nach Wetter steuern alle ihren Kurs, immer dorthin, wo die Sonne scheint. Atlantis, im ewigen Dunkel des tiefen Meeres, viele Orte beanspruchen, sein Erbe zu beherbergen. Bewiesen ist nichts. Aber feststeht, dass die Azoren mehr sind als die „neun Blumentöpfe“ im Atlantik. Man könnte sie auch die neun Kuhweiden nennen oder das Käseparadies. Sie sind auch nicht die spröde Geliebte, wie gerne Urlaubsgebiete bezeichnet werden, die sich nicht direkt von den Touristen in die Arme nehmen lassen. Die Azoren wahren die Distanz, sie sind nicht die Heimat der gleichnamigen, klimatischen Hochs, die liegt tausende Kilometer weiter im Süden, sie sind unberechenbar. Erdbeben und Vulkanausbrüche kommen zum Glück nicht jeden Tag vor, aber die kleinen Eigenarten genügen. Da sind der Regen, der Nebel, der Sturm, sie kommen ohne Vorwarnung und gerne auch punktuell, aber sie gehen auch wieder. Da sind die Krater, die Caldeiras, in die man besser nicht hinabsteigt, sondern auf luftiger Höhe umwandert, da sind brodelnde Tümpel, in denen der Cozido, ein Eintopf gekocht wird, den man vorbestellen kann, dessen unglücklicher Bestandteil aber man besser nicht wird.

Trotzdem kann man und wird man sich in den Mythos Azoren verlieben, wenn man ein paar Tipps beherzigt: Die neun Inseln, São Miguel, Santa Maria, Terceira, Graciosa, Faial, Pico, São Jorge, Flores und Corvo, eignen sich nicht für Inselhopping, see Acores in a fourtnight, whales included, das funktioniert nicht. Die größte, São Miguel, mit der Hauptstadt Ponta Delgada ist (etwas) größer als Madeira, alle zusammen aber kleiner als Mallorca, die östlichste, Santa Maria liegt 600 Kilometer von der westlichsten, Flores, entfernt. Alle liegen sie etwa auf der Höhe von Sizilien. Von Lissabon ist Punta Delgada 1445 Kilometer entfernt, von Flores nach Neufundland sind es 1930 Kilometer.

Die Insel liegt mithin strategisch günstig im Atlantik, und als nach der Nelkenrevolution 1974 kurzfristig linke Obristen nach der Macht griffen, hatte der amerikanische Außenminister Henry Kissinger schon eine Lösung in der Tasche: eine Unabhängigkeitsbewegung auf den Azoren. Ja, derselbe Kissinger, der den Türken die Besetzung von Nordzypern erlaubte, und kürzlich den Ukrainern den kollektiven Selbstmord als Reaktion auf den russischen Überfall empfahl. Hätten einige in Europa nicht die portugiesische Demokratiebewegung unterstützt, das „europäische Hawaii“, wie die Azoren auch genannt werden, wären wohl längst ein amerikanischer Bundesstaat. Als einmal eine Insel auf dem Meer auftauchte, hisste dort ein Brite die Flagge seines Königsreiches, nach einem Jahr versank die Insel wieder.

So aber genießt man auf den Azoren die Segnungen der Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Es ist wie daheim, wenn nicht die Eigenarten des Mythos wären. Damit kann und muss man umgehen. Also: Egal ob es regnet oder nicht, es ist stets warm – und feucht. Daher blüht auch alles, was Wurzeln geschlagen hat, vor allem Hortensien, Lilien, Callas. Auch die Ananas wurde heimisch, und was passt besser zu einer Scheibe dieser Frucht? Na klar, Blutwurst. Wäre eine Idee für die Kölner und ihre Flönz. Und wenn es regnet, kann nebenan die Sonne scheinen, also benötigt man neben der Landkarte eine Wetterapp. Und wenn es stürmt, fliegen keine Flugzeuge, man sieht die Berge, die Picos, nicht – und natürlich auch nicht den Pico aller Picos, den Pico auf der Insel Pico, den höchsten Berg Portugals mit 2351 Metern Höhe.

Was ist die Empfehlung? Bei dem Besuch weiterer Inseln – außer der Hauptinsel Sao Miguel, auf der man ankommt von Lissabon oder Porto aus, immer einen Tag Schlechtwetter und Flugausfall einkalkulieren. Das Ärgerliche allerdings: Kann man die Flugtickets regulär zu einigermaßen erträglichen Kosten erwerben, wird es teuer, wenn man nachsteuern muss. Und ein eigenes Thema sind die Mietwagen, vor Ort findet man keine, nur wenn man Glück hat zu Preisen, zu denen man andernorts Autos kaufen kann. Man sollte versuchen, unbedingt vorher zu reservieren und zwar so, dass wetterbedingte Verspätungstage einkalkuliert sind. Wir waren trotzdem glücklich mit dem Mythos, wurden nur einmal richtig nass. Auf São Miguel haben wir die Westtour zu den Vulkanseen und die Osttour nach Furnas zu den Eintopföfen, den Küsten und Naturparks gemacht. Und überall war das häufigste Verkehrsschild: Miradouro. Das heißt auf Deutsch Aussichtspunkt. Dann flogen wir nach Faial zum Whalewatching, dem Beobachten von Walen und Delphinen – und wieder blieb das Wetterglück uns treu. Diese Insel haben wir umrundet bis zu der Mondlandschaft an der Ponta dos Capelhinos. Und eine Schiffsreise nach Pico war auch noch dabei. Tatsache ist aber, dass man auf jeder anderen der neun Blumentöpfe/ Kuhweiden ähnliche oder andere Abenteuer erleben kann. Einem haben wir uns versagt, dem Genuss des Vinho de Cheiro, der nicht in die EU exportiert werden darf, weil er einen Stoff enthält, den man auch im LSD findet. Vielleicht sind ja die Leute hier deswegen so gut drauf, und es ist nicht der Mythos.

Diese Leute sieht man bevorzugt im Peter Café Sport in Horta auf Faial. Hier treffen sich die Weltenbummler aus aller Welt, nachdem sie sich auf den Kaimauern der Stadt mit Bildern, Texten und Reiserouten verewigt haben. Sie kommen aus und fahren in alle Himmelsrichtungen, und wenn die Crew noch einen Skipper sucht, heftet sie einen Zettel über den Tresen. Wir haben uns nicht beworben, aber eine kleine Erinnerung im Cafe, das dieses Jahr seinen 118. Geburtstag feiert, zurückgelassen. Der Kellner weiß mehr. Der Mythos weiß alles.

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Hans-Herbert Holzamer

Autor Kurzvorstellung:

Freier Journalist und Autor

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