Operation mit Herz – kulturelle Wiederbelebungen im Zentrum Portugals

Malerisch mutet die ausladende Ebene der Serra de Estrela vor dem Ort Belmonte in Portugal im portugiesischen Hinterland auf der rede de Juderias der Route der portugiesischen Judenviertel an. Belmonte gehört zu den aldeias historicas de Portugal und bekam im Jahre 1199 das Stadtrecht und eine Burg mit einem Wappen in der sonst so recht eintönig wirkenden Gegend. Doch die Familie Cabral die von Sancho dem ersten dich das Stadtrecht und die Burg verliehen bekam, hatte es in sich, denn aus aus dieser Familie stammte niemand geringeres als Gonzales Velho Cabral und vor allem der Admiral Pedro Alvarez Cabral, die um 1500 einen unbekannten Landstrich entdeckten, der heute unter dem Namen Brasilien bekannt ist. Das kann ja spannend werden denke ich bei mir werde ich auf die scheinbar öde Landschaft schaue, denn diese Gegend scheint es in sich zu haben. Es sind vor allem die Menschen, die in dieser Gegend für Abwechslung und Spannung sorgen. Und so genieße ich den ersten Abend in meiner Pousada in einem ehemaligen Kloster und erfreue mich der außerordentlich schön gestalteten Räumlichkeiten während ich der dem Spektakel der untergehenden Sonne beiwohne.

Die Serra de Estrela erhebt sich im Osten Zentralportugals an der Grenze zu Spanien. Die Landschaft ist skurril und es sieht aus als ob Riesen hier Granitblöcke in die Landschaft geworfen und sie anschließend in skurril anmutenden Figuren aufeinander getürmt hätten. Während die Hügel in den Sommermonaten geprägt sind von extrem trockener Atmosphäre, rollen sich die saftig grünen Täler unterhalb trocknen Steinwüste aus. Ich fahre durch die kurvenreiche Landschaft die in den Höhen vor allem durch schimmerndes Pampasgras geprägt ist das vor dem Hintergrund der schwarz- grauen Felsen wie ein Hain aus goldfarbenen Gräsern wirkt. Diese Landschaft ist tatsächlich geprägt durch Erstaunlichkeiten, wie ich in den nächsten Tagen noch erfahren werde.

Bendada Music Festival oder wie Musik ein Dorf am Leben hält

In dem versteckt liegenden Bergdorf Bendada treffe ich auf Ines Andrade. Die portugiesische Pianistin ist eine begeisterte und vielseitige Solistin und Kammermusikerin und Preisträgerin des portugiesischen Preises für junge Musiker. Sie studierte an der Musikuniversität in Lissabon in New York und in Boston und unterrichtet dort als promovierte Musikerin die Fächer Klavier und Gehörbildung. Ihre Heimat ist jedoch Bendada in Zentralportugal, denn obschon sie in Lissabon aufgewachsen ist, stammt ihre Familie aus diesem Bergdorf. Und genau hier liegt ihre Passion und Leidenschaft und das Engagement für das Bendada Musikfestival. Ines ist Gründerin und künstlerische Leiterin des Bendada Musikfestival. Ihr Ur-Ur-Urgroßvater gründete im Jahr 1870 mit anderen Dorfbewohnern zusammen ein Ensemble, in dem sich die meisten Dorfbewohner engagierten. Es ist die Sociedad Filarmonica Bendadense, eine der ältesten und führenden musikpädagogischen Einrichtungen der Region, die einst gegründet wurde, um die Gemeinde zusammenzubringen und um Vokale und instrumentale Werke für verschiedene Instrumente zu spielen. Seit der Gründung dieser Musikvereinigung steht die gesamte Region für musikalische und kulturelle Tradition.

Jedoch war Bendada wie viele dieser Dörfer in der Gegend durch starken Wegzug der Bevölkerung geprägt und die Dörfer drohten zu sterben. Da gelang es der Familie Andrade im Jahr 2012 mit Zuschüssen der Europäischen Union eine hochmoderne Musikschule die Casa da musica zu erbauen und damit jungen Leuten die Möglichkeit zu geben, sich in dieser Musikschule auf höchstem Niveau ausbilden zu lassen. Zunächst diente diese Musikschule vor allem dazu, Menschen aus der Region musikalisch zu bilden.

Heute genießt die Musikschule einen weitreichenden Ruf und zieht auch junge Menschen aus weiten Teilen Portugals und anderer Länder an. Ines Andrade war es, die dank Ihrer Kontakte nach New York und Boston tatsächlich Spenden und sehr gut ausgebildete Musiker nach Bendada brachten, die mit Hilfe der Dorfbevölkerung dieses Festival auf die Beine stellten und es ermöglichten, das seit 2016 dieses Fest jedes Jahr im Juli stattfindet. Obschon Ines Andrade in Boston lebt, ist sie mehrmals jährlich in ihrer Heimat und sie liebt es an der Musikschule zu unterrichten und junge Menschen dafür zu begeistern sich für klassische und traditionelle Musik zu engagieren.

Ungewöhnlich ist es, so erzählt Ines, dass dieses Dorf eine außerordentlich hohe Begabung für Musik aufweist, besonders stimmlich sind die Bewohner des Dorfes und der Region sehr gut ausgeprägt. Die Lehrer des Musikfestivals, das jährlich stattfindet kommen aus der ganzen Wel, aus der Schweiz den USA und sogar Argentinien. Dank dieses Musikfestivals zeichnet sich in den letzten Jahren tatsächlich eine Tendenz ab, dass die Familien in Bendada bleiben. Ines Andrada selbst ist eine solche Rückkehrerin, denn sie erinnert sich oft an ihre Kindheit in dem Dorf, in dem sie das Klavierspielen von ihrer Nachbarin, einer Klavierlehrerin erlernte und in der sie die Geborgenheit der Dorfgemeinschaft kennen lernte, die heute noch gut sichtbar ist. Ihr Vater ist mit 28 Jahren aus Bendada mit der Familie weggezogen, um in Lissabon eine Stelle als Lehrer anzunehmen und lebt dort heute immer noch. Ines erinnert sich dass das gesponserte Klavier für die Musikschule am Tag vor Weihnachten ankam und die Dorfbevölkerung es wünschte, dass sie ein Konzert am 1. Weihnachtstag dort geben sollte. Und so kam die Idee des Musikfestivals, das nun seit 2016 zum vierten Mal stattfindet.

Um tatsächlich auch die Menschen aus den umliegenden Dörfern zur Musikschule bringen zu können, wurde vor einigen Jahren ein Musik-Shuttle eingerichtet der die Leute aus den entlegenen Dörfern abholt und zur Musikschule bringt. In der Philharmonie sind heute tatsächlich 40 Leute ständig anwesend, die dort ein Instrument lernen, oder Stimmbildung erhalten. Neben dem Bendada Musikfestival gibt es sogar seit vier Jahren noch ein Event “Musik in der Serra da Estrela”, bei dem die Musiker tatsächlich auf dem oberhalb des Dorfes gelegenen Berg Serra da Senhora do Castelo spielen, inmitten der Felsen und dadurch eine Atmosphäre der Verbindung der Musik mit der urwüchsigen Landschaft der Umgebung schaffen. Dieses Musikfest entstand auf Initiative des Bürgermeisters Jorge Diaz.

Mit Spannung lausche ich den Worten von Ines Andrada, die begeistert und voll Energie von ihrem Projekt den Bendada Music Festival erzählt und die Leidenschaft für dieses musikalische Ereignis auf den Zuhörer überträgt, Menschen begeistert und für diese Idee gewinnt. Mit dem Erhalt der Dorfgemeinschaft durch dieses Musikfestival in Bendada, ist es gelungen, internationales Publikum in diese Region der Serra da Estrela zu bewegen, Künstler zu finden, die sich hier gemeinsam mit den ansässigen Dorfbewohnern kulturell engagieren. In Zeiten von Nationalisierung und Beschränkung auf das eigene Ich ist dieser Schritt sicherlich ein wesentliches Signal für die Öffnung einer Region. Nur durch ein gemeinsames Zusammenspiel gelingt es, in der Region etwas zu bewegen, denke ich bei mir. So unpolitisch dieses Festival sein möchte, so hochaktuell ist es doch im Gesamtkontext gesehen tatsächlich.

Und tatsächlich erfahre ich an zwei Abenden, was es bedeutet, an einer Veranstaltung, wie dem Bendada Music Festival teilnehmen zu dürfen. Klassisch und traditionell geht es zu auf dem Konzert, da werden Werke von Brahms oder Bartók neben Stücken von Joaquin Nin, Luis Cardoso oder Celso Machado gegeben. Die Verbindung von internationaler Musik und traditionellem Liedgut funktioniert, die Zuhörer sind begeistert, die Stimmung könnte an diesem lauen Sommerabend im Burghof von Sabugal kaum romantischer sein. Auch das Musikfest auf dem Dorfplatz von Bendada zeigt, wie sehr diese Veranstaltung die Menschen des Ortes zusammenbringt. Da spielt ein Ukulelen-Ensemble mit älteren Dorfbewohnern zusammen mit den jungen Musikern des Orchesters aus aller Welt zusammen und begeistert mit ihren Liedern alle Altersgruppen. Und dabei sind es die Jungen, die hier die Alten hier musikalisch mitziehen. Das Bendada Music Festival ist ein Erfolg.

Belmonte – verstecktes Zentrum der portugiesischen Juden

Weiter zieht es mich durch die Serra do Estrela und ich gelange zum kleinen Ort Belmonte der eine große Vergangenheit und ein lange gehütetes Geheimnis in sich trägt. Alvares Cabral, der auf dem Weg nach Indien per Zufall Brasilien entdeckte, stammt just aus diesem kleinen Ort Belmonte. Ein markantes Denkmal und ein Museum erinnern heute an dieses denkwürdige Ereignis und an den großen Sohn des Dorfes.

Doch Belmonte hat noch eine andere Geschichte, nämlich die der Juden. Denn der Ort ist vielleicht derjenige, in dem die Juden in größter Anzahl auf der iberischen Halbinsel vertreten sind. Doch sie lebten versteckt und heimlich über Jahrhunderte, nachdem sie 1492 aus Spanien vertrieben worden waren und sich nahe der spanischen Grenze auf portugiesischen Boden niederließen. Hier hatten sie zunächst ihre Ruhe unter den relativ toleranten Belmonter Bürgern. Die Juden konnten hier unbehelligt ihrem Alltag nachgehen und lebten in friedlichem Miteinander mit den Christen.

Aber damit sollte es im 17. Jahrhundert vorbei sein, als der portugiesische König Manuel die Tochter des katholischen, spanischen Königs heiratete. Die Spanier hatten bereits alle Juden und Mauren aus ihrem Reich verjagt und verlangten eben solches von dem portugiesischen König, der sich dem Druck der Spanier beugen musste. Der aber entschied sich dafür die Juden nicht zu vertreiben, sondern zu christianisieren. Und so begann landesweit eine Zwangs-Taufe der Juden. Die aber ließen das nicht so einfach mit sich machen und wurden zwar offiziell getauft, blieben aber ihrer Tradition insgeheim verbunden. Sie praktizierten das Judentum in ihren Häusern weiter. “Christaos Novos”, “neue Christen” nannte man die umgetauften Juden, die nun dem Anschein nach christlichem Glauben anhingen.

Sehr trickreich gaben sich die Juden nach außen, um nicht enttarnt zu werden. Beispielsweise aßen sie kein Schweinefleisch und entwickelten daher ein Rezept für eine Hühnerwurst, die ähnlich der Wurst aus Schwein vor den Fenstern zum Trocknen aufgehängt wurde. Statt einer Mesua, die normalerweise am Eingang eines jüdischen Hauses eingemauert ist, benutzten sie eine Art Taschen-Mesua, welche die Gläubigen unauffällig berühren konnten ohne dass christliche Passanten das etwa bemerkten.

Wie aber konnte es gelingen, dass sich die jüdischen Bräuche nicht mit der Zeit verloren und das Christliche übrig blieb?

In der Synagoge Beteliao treffe ich auf den 69-jährigen Joao Diago, der als Leiter des Gotteshauses hier lebt. Er erzählt mir, dass die Familien die ihren versteckten jüdischen Glauben in der Gemeinde lebten, sehr miteinander verbunden waren und über Jahrhunderte immer untereinander geheiratet haben. Dadurch entstand zwar eine Art Inzucht, aber die jüdischen Tradition wurden in den Familien weitergegeben und so konnte sich das Judentum in Belmonte erhalten. Von ihm höre ich über den Bergbauingenieur Samuel Schwarz, der in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts nach Belmonte kam und dort einige merkwürdige Dinge entdeckte. Er selbst war Jude und stammte aus Polen und gewann nach und nach das Vertrauen der Bevölkerung. Und so erfuhr er von den versteckten Glaubens-Ritualen der christianisierten Juden in Belmonte, den sogenannten Kryptojuden. Samuel Schwarz schrieb daraufhin zwei Bücher über seine Entdeckung, die er 1923 und 1925 veröffentlichte. Senhor Joao erzählt mir weiter, das heute nur noch rund 50 Mitglieder zur Gemeinde in Belmonte gehören, viele sind nach Israel ausgewandert, nachdem sich das jüdische Leben nach dem Ende des “Estado Novo” 1974 langsam geöffnet hatte. Erst seit 1997 ist das jüdische Leben und die jüdische Gemeinde in Belmonte tatsächlich öffentlich sichtbar. Und trotz des Wegzugs vieler Familien ist der Ort immer noch eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden und zudem auch eine der ältesten in Portugal.

So könnte ich wohl doch viel entdecken in dieser Gegend in Zentralportugal, die auf den ersten Blick wie ein trockenes Land anmutet in Wirklichkeit bei näherem Hinsehen aber voll Leben steckt. Grund genug, hierher auch zu einer anderen Jahreszeit einmal wieder zu kehren und zu schauen wie sich diese Region Portugals entwickelt.

Kurz notiert:

Wie kommt man hin?

In die Serra do Estrela gelangt man von Deutschland aus am besten mit dem Flugzeug nach Porto oder nach Lissabon und von dort mit dem Mietwagen aus Lissabon über die A1 und die A 23 in etwa drei Stunden Fahrt oder von Porto über die A29 in zweieinhalb Stunden Fahrt.

www.flytap.com

Unterkunft:

Traumhaft wohnt man in Belmonte in der Pousada Convento de Belmonte

www.ConventodeBelmonte.pt

Mehr zum Bendada Musikfestival gibt es hier:

https://Bendadamusicfestival.com

Mehr über das Judentum und die Attraktionen in Belmonte findet man hier:

www.Cm-Belmonte.pt

Diese Reise wurde durchgeführt mit freundlicher Unterstützung von Turismo Centro Portugal www.centreofportugal.com

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