Jazzfestival 2024:  Ganz Südtirol wird zur Bühne

Es ist wieder so weit: Am 28. Juni 24 eröffnet in Bozen das 42. Südtiroler Jazzfestival, das sich im Lauf der Jahre zu einem renommierten europäischen Musikevent entwickelt hat. Weiterhin betreibt es programmatisches Free-Climbing mit Biwaks an unorthodoxen Spielorten. Ganz Südtirol ist Bühne: Die atemberaubende alpine Landschaft wird in mehr als 50 Konzerten von Bands und Solisten aus den jungen experimentellen Szenen Europas bespielt.

Ensembles und Solisten finden sich auf Almen und in Felswänden, aber vor allem auf Straßen und Plätzen, in Parks und Schlössern, Hotels und Fabrikhallen. Überall hallt ihr innovativer Sound. Einzigartige Musikerlebnisse entstehen!

Auch in diesem Jahr sind wieder viele originelle Spielstätten ausgewählt: die vielfach prämierte Brennerei Roner in Tramin, der für allerlei kulturelle Leckerbissen bekannte Ost West Club Meran, der Poschhausstollen in der Bergbauwelt des Ridnauntals, der Stanglerhof in Völs mit seinem geräumigen Stadel. „Basislager“ bleibt weiterhin der Kapuzinerpark in Bozen. Malerische Orte sind jedes Jahr die gepflegten Parks der Bozener Hotels Laurin und Mondschein. Neu hinzugekommen sind etwa das Meraner Landhaus Ottmannsgut mit seinem weitläufigen mediterranen Garten, das Rittner Horn mit seinem imposanten Ausblick auf die Dolomiten oder der Gasthof Jocher auf dem Vigiljoch.

Opening Night

Die „Opening Night“ am 28. Juni findet in diesem Jahr in den Industriehallen des Quartier Rombrücke statt. Highlight ist die „Mass of Mary“, präsentiert von der mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten estnischen Saxophonistin und Komponistin Maria Faust und 20 Sängern. Sie verbindet Einflüsse geistlicher Musik des Mittelalters mit sonoristischer zeitgenössischer Musik sowie älterer estnischer Volksmusik. Liturgische Messtexte werden mit Samples aus Texten des estnischen Dramatikers Eero Epner verwoben. Die Opfern häuslicher Gewalt gewidmete „Messe“ ist ein ergreifendes Hörerlebnis.

Am 29. Juni hat der Tiroler Tubist Tobias Ennemoser auf Rollschuhen seinen doppelten Soloauftritt: zuerst im Stadtzentrum Merans, dann nachmittags in Brixen. Bei seiner One-Man-Show „TubAffinity“ holt er sein Instrument radikal aus der Blasmusikecke raus. Ein wunderbar skurriler singender Entertainer, der mit seiner Tuba, einem Megaphon, mit Keyboard und Trommel sowie quietschenden Hupen augenzwinkernd übersehen lässt, wie virtuos er sein kunterbuntes Instrumentarium beherrscht.

Spannend ist das Projekt „Jazz & Hike“ – eine dreitägige musikalische Wanderung mit dem von Matteo Paggi zusammengestellten Trio W O R D S. (Zwei Übernachtungen vom 30.6. – 2.7., Anmeldung erforderlich). Zuerst geht´s zur Gardenaccia Hüte in 2050 m Höhe mit einem Konzert des Trios auf der Almwiese vor der malerischen Kulisse der ringsum aufragenden Dolomiten. Dann weiter zur Puez Hütte, gut 300 Meter höher auf einem Hochplateau gelegen, natürlich wieder mit Konzert wie auch am Abstiegstag vor der Juac-Hütte. Die Musik der W O R D S folgt einer inspirierten Improvisation, die nicht klassifizierbare Klanglandschaften kreiert.

Workshop „Sound, Time & Space“

Noch eine Besonderheit bietet das diesjährige Jazzfestival: am 30.6. den Workshop „Sound, Time & Space“ mit dem in Berlin lebenden hervorragenden Schlagzeuger und Komponisten Tilo Weber, der auch in der Kammermusik bewandert ist.  Sein Anliegen: zu lernen, warum Musik „Space“ braucht. Dafür sind Pausen und Stille nötig sowie eine gute „Time“. So entwickle sich der eigene Sound. Weber ist in Bozen mit mehreren Projekten vertreten: ein Solo-Abend am 30.6. sowie am nächsten Tag ein improvisiertes Konzert zusammen mit dem französischen Geiger Theo Ceccaldi  (für beides Anmeldung  nötig!).

Der deutsche Jazzsaxophonist Daniel Erdmann gründete 2015 mit dem Jazz-Violinisten Théo Ceccaldi und dem Vibraphonisten Jim Hart das Trio „Velvet Revolution“, das am 1.7. im Bozener Kapuzinerpark auftritt. Eine ziemlich seltene Kombination. Musikalisch mixt sie ihr Material, das von  Barockmusik bis zur Atonalität reicht, zu raffiniert mehrdeutigen Stücken. Bisher hat das Trio drei Alben vorgelegt.

Gleich anschließend ist im Semirurali Park in Bozen ein reizvolles Bandformat in bisher ungehörter Besetzung zu hören:  die Jazzflötistin Nancy Meier mit ihrem Querflötenquartett, ergänzt durch Schlagzeug. Seit 2020 schreibt sie für Ihre Formation „Nancelot“ stark verspielte ausgelassene Stücke, mit denen sie dem Jazz neue Aspekte vermittelt.

Am gleichen Abend ist in Meran der schwedische Saxofonist Otis Sandsjö mit seiner vierköpfigen Band Y-Otis zu hören. In den letzten Jahren hat er sich zu einem der innovativsten Jazzmusiker in Europa entwickelt. Mit seinem „Liquid Jazz“ verfolgt er ein Konzept, bei dem Jazz von anderen populären Musikstilen permanent durchflutet wird, so dass ein unverwechselbarer Gesamtsound entsteht. Sandsjös komplexes Klanggewebe ist auf Offenheit und Überraschungen angelegt.

Das neue Format „Kabarila“

Seit 2023 gibt es das neue Format „Kabarila“. Ziel ist es, für fünf Jahre mit denselben Künstlern jeweils eine fünfstündige Performance zu veranstalten: mit vier Musikern und drei Tänzern unbd Tänzerinnen. Man darf gespannt sein, wie sich am 4.Juli dieses besondere Jazz-Ritual im Bozener Batzen Sudwerk entwickeln wird…  

In der Brennerei Roner in Tramin braucht man am 3.7. nicht den zu hohen Konsum von Destillaten als Grund bemühen, warum hier die Amerikanerin Pamelia Stickney auf dem 1920 erfundenen Theremin berührungslos Jazz und andere zeitgenössische Musikgenres zu einem meditativen Sound verwandeln kann. Mit Handbewegungen vor zwei Antennen werden im elektromagnetischen Feld Tonhöhe und Lautstärke in feiner Variation beeinflusst. Der geisterhafte Klang wird geerdet durch den österreichischen Jazz-Gitarrist Peter Rom. Am Abend gibt es eine Wiederholung im Treffpunkt Mals im Vinschgau.

Das Südtirol Jazzfestival hat das Jazztrio mit der mehrfach ausgezeichneten Sängerin Camilla Battaglia,  dem führenden italienischen Jazzpianisten Simone Graziano und dem Perkussionisten Julian Sartorius zu einer Residency nach Bozen eingeladen. Am 3.7. werden die drei im Kapuzinerpark um 21 Uhr ihr virtuoses Spiel präsentieren.

Französische Quintett mit Düsenjet-Sound

Am gleichen Ort am nächsten Tag versucht das französische Quintett der Flötistin Fanny Martin den führenden Komponisten Brasilien in den 50-er Jahren zu imitieren. Heitor Villa-Lobos hatte mit seiner bekannten Produktion „Jet Whistle“ das Kreischen eines abhebenden Düsenjets nachzuahmen versucht. Auch die erst 24-jährige Fanny Martin will mit ihrem Quintett bei großer Spielfreiheit neue Soundeffekte und elektronische Atmosphären entdecken.

Wie jedes Jahr sind gegen Ende des Festivals sind zwei Hotel-Events am 5.7. recht gefragt. Vormittags am Ritten auf der Panoramaterrasse des Parkhotel Holzner trifft sich das Olga Reznichenko Trio, das 2023 für den Deutschen Jazzpreis nominiert war. Die Bandleaderin  liebt als Jazzpianistin sowohl extreme rhythmische Strukturen wie auch schöne, friedliche Klänge mit simpler, fast minimalistischer Textur.

Abends spielt dann das Nils Kugelmann Trio in dem gepflegten Park des Hotels Laurin. Ihr junger deutscher Jazz gehört mit zum Elegantesten, was derzeit geboten wird. Die pure Freude am gemeinsamen Musizieren wird inspiriert von Kugelmanns Hintergrund als klassischer Komponist. Seit 2023 nach dem Debütalbum „Stormy Beauty“, das für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert war, kommen die Preise für Kugelmanns Kompositionen und den unverwechselbaren Bandsound.

Info:  Die meisten Konzerte sind kostenlos, im Übrigen liegen die Preise zwischen 10 und 20 €, reduziert: zwischen 5 und 12 €. Für Musikstudierende kosten alle Ticket je 5 €.

© alle Fotos: Südtirol Jazz Festival

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Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

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