Nüchtern betrachtet verbinden Treppen einfach eine Etage mit einer anderen. Durch die Kameralinse sehe ich aber kunstvoll geführte Geländer, ein spannendes Spiel von Licht und Schatten und immer wieder einzigartige Architektur. Neben öffentlichen Treppenhäusern wecken vor allem halb-private oder versteckte Aufgänge hinter abweisenden Fassaden bei City-Trips meine Sammelleidenschaft für diese Art der Stadtfotografie.
Hoch hinaus in Berlin
Im Herzen des pausenlos rotierenden Kreisverkehrs des Großen Sterns reckt sich mit der 61 Meter hohen Siegessäule eines der Wahrzeichen Berlins in den Himmel. Mit der „Goldelse“ on top wirklich hübsch anzusehen. Und legt man die Finger in die deutlich erkennbaren Einschüsse aus dem Zweiten Weltkrieg, wird Geschichte greifbar.
Im Inneren führt kein Weg an den 285 Stufen der engen Wendeltreppe vorbei.


Stairway to Shopping-Heaven bei Harrods
Im Londoner Nobel-Kaufhaus verteilen sich über 300 Abteilungen auf immerhin 7 Etagen. Für ein stilvolles Up & Down entschied sich Harrods 1898 für die ersten automatischen Rolltreppen Großbritanniens. Nachdem Mohammed Al-Fayed 1985 Harrods gekauft hatte, wollte er gerne seiner Heimat ein Denkmal setzen. Und so beauftragte er den befreundeten Bildhauer William Mitchell, einen Teil des Treppenhauses als “Egyptian Hall” mit Säulen, Reliefs und Skulpturen im opulenten antiken Stil zu gestalten.

Wenn in Hamburg die Haustür nur angelehnt ist …
Dann siegt die Neugierde allzu schnell – gerade, wenn es sich um ein historisches Kontorhaus wie das „Körnerhaus“ in der Poststraße beim Gänsemarkt handelt. Wie will man dem verschnörkelten Jugendstil-Eingangsbereich als Stadtfotografie-Victim auch widerstehen? Noch mehr Art Nouveau zieht sich dann durch das asymmetrisch verwinkelte Treppenhaus mit seinen gekachelten Wänden.


Und dann sind da in Hamburg natürlich die großen Lagerhäuser in der Speicherstadt. In viele davon sind nach gelungener Restaurierung längst hippe Start-ups, Werbeagenturen und IT-Firmen eingezogen. Andere Gebäude befinden sich gerade im Umbruch: Hat auf der einen Etage noch ein Import-/Export-Händler sein Teppich- oder Teelager, verbirgt sich hinter der nächsten klapprigen Holztüre vielleicht das Büro einer kleinen NGO. An genau so einem Haus hatten die Handwerker an einem lauen Sommerabend die Türe nicht ganz hinter sich zugezogen … und mit dem vagen Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, entstanden diese Fotos.



Unter Locals in Barcelona
Man mag städtepolitisch zu Airbnb stehen wie man möchte: Eine bessere Möglichkeit, den Städtetrip unter Einheimischen in einem typischen Barrio zu verbringen, gibt es nicht. Schon gar nicht, wenn man in Eixample in einem Wohnblock unterkommt, in dem die Appartements für eine gute Luftzirkulation in den heißen Sommermonaten traditionell über Fenster zum Innenhof und zum Treppenhaus verfügen. Beim „Nachhausekommen“ vom Strand oder der Sagrada Familia ist man gleich mittendrin in den Gerüchen und Gesprächen der Nachbarküchen.

Stadtfotografie-Fundstücke aus München
Zwei Treppenhäuser – zwei ganz unterschiedliche Orte in München. Der elegante Aufgang schmückt den legendären Bayerischen Hof. Über den Seiteneingang in Richtung „Komödie“ ist er auch für Nicht-Verteidigungsminister und Nicht-Weltstars unkompliziert zu erreichen.
Über das deutlich kärgere Treppenhaus in der Akademie der Bildenden Künste bin ich eines winterlichen Abends quasi gestolpert – und mag es deshalb umso lieber. Eigentlich wollten wir nur im Außengelände der Kunsthochschule ein bisschen die imposanten Holz- und Steinrohlinge der Bildhauer begutachten. Dann war auf einmal das Tor verschlossen und der einzige Weg nach draußen führte durch das Gebäude und dann durch die Hauptpforte. Ein sehr willkommener Umweg!


Text & Fotos: Vera Nitsch | www.wortzentrale.de



