Helsinki: Teilnahme an der Kultur ist finnische Freiheit

Tuoman Holopainen hat unlängst in einem Interview gesagt, warum er Helsinki, die Hauptstadt Finnlands, so oft besuche: Wegen der Arbeit, wegen des Spaßes. Er ist Bandleader von Nightwish und wohnt in Kitee in Nordkarelien. Die Antwort ist nicht besonders erschöpfend, aber, was er in dem Interview noch erzählt hat, er arbeitet an einem neuen Album. Nun wird nicht jeder die Songs von Nightwish mögen, aber sie sind, Elvenpath zum Beispiel, für mich der Sound of Finnland, mystisch, eine Geschichte von der Schönheit des weiten Landes und des drohenden Biests, der Einsamkeit.

Helsinki ist, am südlichen Rand des Landes gelegen, der Antipode zu Finnland. Die Stadt sprüht vor Leben, wenn die Sonne Häuser und Meer umhüllt, enthüllen sich die Menschen und stürzen sich am Hietaranta Beach ins Meer oder in den Alla Sea Pool, ein Freibad mitten im Zentrum. Alles ist hier in greifbarer Nähe, das Riesenrad, die Madame Clicquot Champagner Bar. Und ein Besuch tut gar nicht weh, weil man mit der Karte bezahlt, jedenfalls im Moment nicht. Anschließend ein virtueller Rundflug über Helsinki im Flying Cinema. Dann kann man das Touristen-Pflicht-Programm absolvieren. Die finnisch-orthodoxe Uspenski-Kathedrale ist direkt nebenan, von dort zur Helsinki-Marina und ins Katajanokka Kasino der Seeoffiziere, der einzige Platz, der mit einer martialischen Skulptur an den Winterkrieg erinnert. Nicht weit ist es dann zur Jäänmurtajien Laituri, wo die Eisbrecher im Sommer der Untätigkeit frönen.

Die Straßenbahn bringt uns zum weißen Dom, protestantische Kirche und ein weiteres Wahrzeichen der Stadt, auf dessen Stufen man noch ungestört Getränke zu sich nehmen darf. Der von Carl Ludwig Engel im klassizistischen Stil entworfene Bau erinnert nicht zufällig an Karl Friedrich Schinkel, er war sein Studienfreund. Nun könnte ein Weg der Betrachtungen tief in die finnisch-deutschen Beziehungen hineinführen, auch der Senatsplatz könnte in Potsdam stehen. Hier befinden sich weitere von Engel entworfene Bauwerke: das alte Senatsgebäude, das heute die finnische Regierung beherbergt, das Hauptgebäude der Universität Helsinki, das Sederholm-Haus von 1757, das älteste Steingebäude der Stadt, das Haus der Ritter und das Universitätsmuseum. Aber der Vergleich endet in der Architektur. Nun gut, Schnaps heißt auf Finnisch snapsi, Prost heißt kippis. Dahinter versteckt sich: kipp es, und die Kaffeepause ist die Kaffepaussi.

Reizvoller ist das Maßnehmen an Stockholm, der Konkurrentin auf der anderen Seite der Ostsee. Beide sind modern und fröhlich, dabei scheint es, dass die Tochter Helsingfors, eine schwedische Gründung, es geradezu genießt, den Ballast von Königs- und Zarenherrschaft – und die Erinnerung daran – losgeworden zu sein. Natürlich lohnt eine Exkursion mit dem Schiff nach Suomenlinna. Diese Inselgruppe, mit Brücken verbunden, erzählt die finnische Geschichte seit 1748 bis zur Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes. Nicht die Kruppschen Kanonen sind die Hingucker, sondern die Szenerien, die von Gebäuden, Festungen und Wasser geschaffen werden.

Das intensivste Flair der Stadt schafft die Symbiose, die sie mit der Kultur eingegangen ist, und die sich ständig erneuert. Da ist – natürlich – die Architektur, der nationale Jugendstil, der am Bahnhof mit seinen überlebensgroßen Skulpturen zu bewundern ist. Dann der finnische Modernismus. „Form muss einen Inhalt haben, und dieser Inhalt muss mit der Natur verknüpft sein,“ sagte Alvar Aalto. In der Finlandia Halle ist die Umsetzung zu bewundern. Ihre Lichter und Fassaden spiegeln sich in unterschiedlichen Farben, je nach Tageszeit, im Wasser des Meeres. Dann gibt es die Literatur, die auch begierig übersetzt wird. Bertolt Brecht hat behauptet, dass die Finnen in zwei Sprachen schweigen, in Finnisch und Schwedisch. Doch geschrieben wird auch in Saamisch. Nur in Island werden im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr Bücher veröffentlich. Olli Jalonen, Satu Taskinen und Johan Ludvig Runeberg dürften die bekanntesten Autoren sein. Nun fährt niemand nach Helsinki um zu lesen. Vielleicht aber um ins Kino zu gehen. „Die andere Seite der Hoffnung“ von Regisseur Aki Kaurismäki über einen syrischen Flüchtling in Helsinki wurde auf der Berlinale 2017 mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet.

Der Zugang zur Welt des Wissens und des kreativen Ausdrucks ist ein für Finnen ein wichtiges Element der Freiheit und der Gleichberechtigung. Daher gibt es auch für die 650 000 Einwohner eine beeindruckende Zahl von Museen.

Bleibt die Musik. Das ist nicht alleine Tuomas Holopainen mit Nightwish. Basis der Musikszene sind zwei Symphonieorchester, Helsinki Philharmoniker und Radio-Sinfonieorchester, die Oper, Kammerorchester und Ensembles leichter Musik. Das Helsinki Festival im August-September ist eine Demonstration von Anspruch und Vielfalt, das UMO Jazz Orchestra seit 40 Jahren eine Größe, und das ganze Jahr über beben die Clubs in Helsinki mit Pop und Rock. Die Leningrad Cowboys sind Finnlands bekannteste Rock-Band, ursprünglich eine Musikkombo für Aki Kaurismäkis Film „Leningrad Cowboys go America“. Und natürlich Heavy Metal; in symphonischer Ausprägung: die Band aus Kitee. Leider konnten wir das versprochene neue Nightwish-Album nicht aus Helsinki mitnehmen. Es erscheint erst im Frühjahr 2020.

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