Grünes Band statt Eiserner Vorhang

Der Eiserne Vorhang trennte im Eichsfeld eine historisch gewachsene Region. Seit der Grenzöffnung ist sie wieder vereint und hat sich zu einer attraktiven Tourismusregion entwickelt.

„Machen Sie sofort zurück“

Zeitzeugen erinnern sich an die Grenzöffnung im Eichsfeld, wo eine historisch gewachsene Region wieder vereint ist und sich zu einer attraktiven Tourismusregion entwickelte

Text & Fotos von: Heidi Siefert

Den Grenzer mit Kalaschnikow hat Horst Dornieden noch heute vor Augen. Am 9. November 1989 war der Vorsitzende des Fördervereins Grenzlandmuseum Eichsfeld mit seinem Trabi von der großen Demo in Leinefelde gekommen, bei der mit 20.000 anderen gegen die politischen Verhältnisse in der DDR protestiert hatte.

Es hatte sich herumgesprochen, dass um 21:15 Uhr der Grenzübergang Helmstedt – Marienborn geöffnet worden war. Ob sich auch bei ihnen etwas tat? Nichts. Nur besagter Grenzer trat ihm entgegen und forderte ihn unmissverständlich auf: „Machen sie sofort zurück!“ Dornieden fuhr nach Hause und ging zeitig ins Bett. Am nächsten Tag wollte die Familie schlachten. Die Grenzöffnung sollte ihm dazwischen kommen.

Wenn er sich nach 30 Jahren erinnert, schwingt noch immer Wehmut in der Stimme des 61-Jährigen, der bis 2018 Bürgermeister von Teistungen war: „Die ganzen Jahre hast du Sehnsucht nach der Freiheit und dann hast du sie verpennt.“ Um 0:35 Uhr hatte der Grenzübergang Worbis als erster in Thüringen geöffnet. Dornieden hat das Schlachten sein lassen, seine Frau und die drei Kinder ins Auto gepackt und sich eingereiht in die nicht enden wollende Schlange in Richtung Duderstadt. Jenes hübsche Fachwerkstädtchen, dessen Kirchturmspitze sie immer schon hinter den Hügeln sehen konnten und das für sie hinter dem Eisernen Vorhang doch unerreichbar war. Auch wenn es ebenso Teil des seit Jahrhunderten historisch gewachsenen Eichsfeld war, wie sein Heimatort Teistungen.

Grünes Band statt Eiserner Vorhang Thüringen Grenzland Den Grenzposten gibt es heute noch. Ein weitläufiges Areal mit Flachbauten aus grauem Beton und viel asphaltierter Fläche drum herum. Bis zum 9. November 1989 wurde hier der kleine Grenzverkehr abgewickelt. Heute ist der Originalschauplatz Museum, Mahnmal und ein Ort der Begegnungen und Gespräche mit denen, die hier lebten. So, wie der langjährige Ortsteilbügermeister Horst Dornieden, dessen in den Westen geflüchtete Eltern aus Not wieder auf den Hof im Sperrgebiet zurück gekommen waren. Oder Ursula Apel (71), die voller Elan durch die Räume führt, weil sie überzeugt ist, dass man der Jugend als Zeitzeuge erzählen muss, wie es wirklich war und der man in jedem Satz anmerkt, wie froh sie ist, dass das Regime zu Ende ist, das ihren Kindern ein Studium verwehrte, weil die Eltern keine Arbeiter und Bauern waren. Froh und dankbar sei sie und appelliert an alle Dauerpessimisten zur Ehrlichkeit: „Es geht uns gut!“

Direkt vor der Gedenkstätte zieht sich der alte Kolonnenweg aus Lochbetonplatten wie ein Band über die Hügel, in denen saftig Grün das Wintergetreide sprießt. Gegen das Vergessen haben die Eichsfelder bei aller Freude über die offenen Grenzen nicht all ihre Spuren beseitigt. Den Weg zu gehen macht gleichermaßen nachdenklich wie hoffnungsfroh. Wo einst Grenzsoldaten patrouillierten, genießen heute Jogger das Laufen über kupiertes Gelände. Spaziergänger können unbesorgt einen der rotbackigen Äpfel pflücken, die noch an einigen Bäumen der Streuobstwiesen im ehemaligen Niemandsland hängen. In den Bunkern mit den schmalen Sichtschlitzen sitzt keiner mehr. Und auch nicht oben im weißen Turm, in dem ein junger Grenzer unbedacht Rias Tanzmusik im Radio hörte und dafür ins Gefängnis wanderte.

Weit sieht man von hier über das hügelige Land, das von Landwirtschaft geprägt ist und vor seiner Teilung an einer Kreuzung wichtiger Handelswege lag. Links hinter den Hügeln liegt Duderstadt, in dessen imposantem Rathaus mit dem roten Fachwerk und den steilen Giebeln damals die kostbaren Waren gelagert waren. Als die Grenzen fielen, war dort Tage lang nur Party. Umso ausgelassener, als sich ehemalige Freunde und Familienmitglieder wieder trafen. Nicht nur die Alten, denen der Grenzverkehr in Maßen erlaubt war und nun ohne komplizierte Formalitäten. Im „Ambiente“ habe man keine Gefäße mehr fürs Bier gehabt, weil die Gäste aus dem Osten die Gläser mit dem goldenen Aufdruck als Souvenir mitnehmen durften.

Grünes Band statt Eiserner Vorhang Thüringen GrenzlandNach der ersten Freude über die neue Freiheit gingen viele weiter als nur nach Duderstadt. „Heute ist das Eichsfeld die Region mit der höchsten Rückkehrerquote“ sagt Christian Zöpfgen vom Tourismusamt Duderstadt. Das ist auch Leuten wie Horst Dornieden zu verdanken, denen von Anfang an bewusst war, dass man die neu gewonnene Freiheit auch aktiv nutzen müsse. Auf dem Gelände des historischen Klosters, das in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gesprengt worden war, weil es im Sperrgebiet stand und historische Bauwerke dem neu entstehenden Sozialismus ohnehin nichts wert waren, errichteten sie ein Sporthotel, wie sie es in der Eifel gesehen hatten. Sporthalle, Squashplätze, großes Schwimmbad und Spa gehören zur Anlage, die damit nicht nur für Familien und Erholungssuchende geeignet ist.

 

Namhafte Bundesligaclubs wie St. Pauli, VfL Wolfsburg, Eintracht Frankfurt, Borussia Mönchengladbach oder Mainz 05 waren hier schon im Trainingslager. Die Nachwuchs-Nationalteams des Deutschen Fußbalbundes gastieren regelmäßig in Teistungenburg, wo sie gleich neben dem Hotel Victor‘s die bundesligatauglichen Plätze von Wacker Teistungen nutzen können.

Grünes Band statt Eiserner Vorhang Thüringen Grenzland

Für Hotelgäste, die gern aktiv sind, stehen Fahrräder bereit, um direkt vor der Haustür ein Stück in den Iron Curtain Trail einzufädeln oder einfach nur in einen der Nachbarorte zu strampeln. Direkt vor der Tür geht es auf den Grenzlandweg, der nur eine von zahlreichen Möglichkeiten für gemütliche Spaziergänge und aussichtsreiche Wanderungen in einer ebenso ländlichen wie kulturell geprägten Region ist.

Informationen

Victor‘s Residenzhotel Teistungenburg, Klosterweg 6-7, 37339 Teistungen, Tel. 036071/840,
www.victors.de

Modernes Haus auf historischem Grund im ehemaligen Sperrgebiet. Sehr aufmerksames Personal, geschmackvolle, geräumige und großteils barrierefreie Zimmern, gute Küche, großes Sport- und Wellnessangebot und von 6 – 22 Uhr geöffnete Bäderwelt.

Festakt und Gedenkgottesdienst im Rahmen des LichtKunst-Projektes am 9./10. November in der Kongresshalle ihm ehemaligen Klostergebäude. Aktuelle Informationen zum Festprogramm am 9./10. November unter
https://www.facebook.com/grenzlandmuseumeichsfeld/

Grenzlandmuseum Eichsfeld e. V., Duderstädter Straße 7-9, 37339 Teistungen, Tel. 036071/97112,
www.grenzlandmuseum.de

Dienstag bis Sonntag 10 – 17 Uhr und nach Vereinbarung. Der 6 km lange Grenzlandweg ist jederzeit zugänglich.

Gästeinformation der Stadt Duderstadt, Marktstraße 66, 37115 Duderstadt, Tel. 05527/841200,
www.duderstadt.de

Neben klassischen Stadtführungen gibt es die Möglichkeit individuell einem vorgeschlagenen Weg zu folgen, der mit einer Chipkarte unter anderem auch in den Stadtturm führt.

Eichsfeld Touristik, Conrad-Hentrich-Platz 1, 37327 Leinefelde-Worbis, Tel. 03605/2006760,
www.eichsfeld.de

Teistungen ist an den Fernradweg Iron Curtain Trail angeschlossen, der über 7650 km zwischen Barentsee und Schwarzem Meer entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs verläuft.

Das Grüne Band zieht sich wie eine Perlenkette entlang der innerdeutschen Grenze auf einer Breite von 50 bis 200 m, ein Naturschutzprojekt im ehemaligen Sperrgebiet. Berühmt wurde es durch den Sielmann-Film „Tiere im Schatten der Grenze“ (1988)

https://www.sielmann-stiftung.de/natur-erleben-schuetzen/biotopverbund-eichsfeld-werratal

Fußball-Trainingslager für Amateure, Soccatours, Mangfallstr. 37, 83026 Rosenheim, Tel. 08031/2378910
www.fussballtrainingslager.com

3-Tage-Camp mit Vollpension, 2 x tgl. 90 Minuten auf dem Platz, einem Freundschaftsspiel und Nutzung von Sporthalle, Bäderwelt und Kraftraum

Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis zum etwa 25 Minuten entfernten ICE-Bahnhof Göttingen.

 

Grünes Band statt Eiserner Vorhang – Thüringen Grenzland
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