„Eckfahnenflüsterer“

Es gibt Zeiten, in denen die Fußballseele leidet. Wenn keine Spiele stattfinden, ganze Europameisterschaften abgesagt werden müssen und von den Profi-Ligen bis zu den Amateurklassen der Ball im Zeugwart-Schrank verschwindet. Das bietet allerdings auch die Gelegenheit, sich mit dem Fußballspiel sehnsuchtsvoll auseinanderzusetzen, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, als dem Fußball noch nicht die Übermacht der Kommerzialisierung und der allgegenwärtigen Marketingstrategien drohte, seinen Kern zu rauben: Gewinnmaximierung statt Spielcharakter.

In dem soeben erschienenen Band „Eckfahnenflüsterer – Als Fußball noch ein Spiel war“ begibt sich Autor Jörg Berghoff auf eine Reise in die Saison 2000/2001 in die Amateurligen rund um Nürnberg/Fürth und Umgebung und geht dabei der Seele des Spiels nach mit all ihren Begleitumständen. Dabei liegt es nahe, nach der wahren Seele des Spiels im fränkischen Raum zu suchen. Auf Plätzen bei Kreis- und Bezirksligisten, die mit unverfälschtem Enthusiasmus ihrer Leidenschaft für das Fußballspiel folgen. Ein Blick zurück, durchaus. Nicht verklärend und immer mit Respekt, auch wenn die ein oder andere Formulierung in den Vereinsgeschichten und Spielabläufen dem Boulevard der Eitelkeiten gerecht wird. Sie ist niemals abwertend gemeint, sie bewundert den Enthusiasmus, die Hingabe, die Ernsthaftigkeit der Anstrengungen, die spannenden Spielverläufe und die besondere Atmosphäre des Miteinanders. Um was geht es also? Der große Fußball-Lehrer Dettmar Cramer brachte es in einem Interview-Kapitel aus der damaligen Zeit auf den Punkt: „Fußball ist keine Wissenschaft, es ist ein Spiel. Die Taktik ist ganz simpel: Wenn man den Ball hat, muss man Angreifen, wenn der Gegner den Ball hat, muss man ein Tor verhindern, das ist alles.“

Dieser Band ist zugleich der Auftakt einer Fußball-Nostalgie-Trilogie, die noch in diesem Jahr mit dem Band „Ersatzbankgemurmel“ eine Fortsetzung findet. Ein schönes Buch und Geschenk für alle Fußball-Romantiker, Retro-Kicker, Fans und Liebhaber/innen des runden Leders. Das Buch kann als eBook im PDF-Format für 11,- € inklusive Mehrwertsteuer unter info@prberghoff.de bestellt werden. Auch als Hardcover (19,- €) oder Paperback-Ausgabe (16,- €) lieferbar.

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Kapitel IV

  1. August 2000. A-Klasse Nürnberg/Fürth Mitte

Comeback mit Hindernissen. ATV Nürnberg ist nach unendlicher Odyssee wieder da. Nach der 2:1-Pausenführung vom FK Makedonija ausgekontert.

Der gute alte Albrecht Wenzel Eusebius von Wallenstein, streitbarer Feldherr und Staatsmann im Dreißigjährigen Krieg, wird sich in den letzten fünf Jahren des Öfteren im Grabe herumgedreht haben. Und der Begründer der abendländischen Dichtkunst, der Schöpfer von „Ilias“ und „Odyssee“, der große Homer, sollte er tatsächlich im 8. Jahrhundert v. Chr. in Smyrna geboren und auf Ios gestorben sein, wird in seinem Poetenhimmel den 28 000 Versen seiner beiden Epen ein drittes Werk über die Irrfahrten des ATV Nürnberg hinzugefügt haben. Was das alles mit dem Allgemeinen Turnverein Nürnberg zu tun hat?

Fußball ist in Zeiten des Pay-per-View, Pay-TV, D-Box und Internet-Live-Übertragungen schon lange kein reines Vergnügen mehr. Koste es was es wolle, dabei sein ist alles. Und kompliziert ist er geworden, der gute alte Kick. Wer sich alleine nur einmal am Wochenende einen Überblick über die beiden neuen Regionalligen verschaffen will, muss zehn Regionalprogramme, Sendestrukturen und Zapp-Strategien beherrschen. Fußball ist auch in der untersten Klasse kompliziert geworden. Da spielt ein Verein nach anderthalb Jahren Abstinenz endlich wieder mit, aber mit einer Elf, die sonst als Privatmannschaft dem Leder hinterher jagt. Weil die eigentliche 1. Mannschaft noch in Griechenland in Urlaub weilt. Die Fußballabteilung des ATV Nürnberg hat in den letzten Jahren eine Irrfahrt hinter sich gebracht, die durchaus mit der des Odysseus zu vergleichen ist. Vor fünf Jahren schon einmal in den unendlichen Weiten des Fußballmeeres verschwunden, gab es im Dezember 1998 den nächsten Untergang. Abteilungsleiter samt Spieler bis hin zum Jugendbereich verließen nach internem Streit den Klub. Wie es schon einmal bei Vereinen mit starken Abteilungen außerhalb des Fußballs vorkommt, ging es um die Verteilung der ewig knappen Gelder. Jetzt das Comeback an der Wallensteinstraße, doch der Stapellauf stand unter einem ungünstigen Stern.

Um das ATV-Schiff wieder flott zu kriegen, hat man zu den eigenen sechs Nachwuchsmatrosen die griechischen Segler vom soeben aufgelösten GSV Homer Fürth hinzugewonnen. Doch die kreuzen noch in heimischen Gewässern, erst wenn die Urlaubszeit vorbei ist, kommt die homerische Vollmannschaft wieder an Bord. Bis dahin hält die tapfere Privatmannschaft ATV-IIA das Segel in den Wind und der blies ihnen zumindest in der zweiten Halbzeit aus Makedonien kräftig um die Ohren.

In der ersten Halbzeit dominierten noch die Blauen vom ATV, gingen durch Roland Adler und Alper Aksu schnell in Führung. Doch die Roten vom FK Makedonija schöpften neue Hoffnung, als nach einer halben Stunde der Ausgleich gelang. Daran war offensichtlich der verführerische Gesang der Sirenen Schuld, denn bei einem eher harmlosen Ball-Gekuller im ATV-Strafraum fielen plötzlich alle, der Torwart, die Abwehr und die Angreifer wie vom Blitz getroffen um und der Ball ins Tor. In der Pause noch mahnte Siegfried Smyrek – der hier in der griechischen Mythologie eigentlich nichts zu suchen hat und keineswegs in Smyrna geboren ist – seine Mannen zur Konzentration, Zeit für die hübschen Sirenen am Spielfeldrand gab es später. Doch es nutzte wieder einmal nichts.

Wer den schönen Fabelwesen verfallen ist, hat anderes als Manndeckung im Kopf. Nur so ist es zu erklären, dass die Gäste dem ATV noch drei Sturmwellen in die Kombüse warfen. Da half auch der Anschlusstreffer von Aksu kurz vor Schluss nicht mehr, die Suppe war versalzen. In der Vereins-Gaststätte „Zum Wallenstein“ werden sie also eine neue Strategie aushecken müssen. Trotz digitaler Fußballwelten lohnt dann der Blick in die Vergangenheit. Bei Wallenstein lernt man, dass das Leben ein stetes Auf und Ab ist und man dem eigenen Kaiser nicht trauen sollte. Der ließ den verdienten Feldherren ermorden. Haltet euch lieber an Homer, denn auch die wildeste Irrfahrt des Odysseus fand einmal ein Ende. Beim Zeus und allen anderen Fußballgöttern, der ATV ist wieder da!

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