Die Schätze der Normandie: Zwischen Calvados und Meer liegt viel Mehr


von Philip Duckwitz \\\\ Rot leuchten die Äpfel auf den Feldern allerorts in den Gemeinden des Bezirks Calvados, der in der französischen Normandie liegt. So rauh die Küste hier ist, so malerisch ist das Hinterland. Und Äpfel spielen hier eine wichtige Rolle. Denn wie der Name des Bezirks schon verkündet, kommt hier der berühmte Calvados, das flüssige Gold der Normandie her. Auch die Vorstufe des Apfel-Branntweins, der Cidre, stammt von hier. Und allerorts duftet es nach dem frischen runden Obst, dass reif an den Bäumen hängt.


Monsieur Bedù, den ich hier treffe, ist ein Experte in Sachen Calvados, denn er lebt und liebt diesen Branntwein. Und so ist eine Führung über das Chateáu du Breuil im Herzen der Normandie, nur 30 Kilometer vom bekannten Küstenort Honfleur entfernt, allein schon ein Erlebnis für sich.

Seit nunmehr 20 Jahren beschäftigt sich der aus Saint Quentin in der Picardie stammende Monsieur mit dem flüssigen Gold der Normandie, nachdem er sein Handwerk bei der berühmten Cognac-Brennerei Hennesy gelernt hat und 1994 beschoss, in einer kleineren Destillerie Fuß zu fassen. Seitdem widmet er sich dem Calvados und trägt dessen Ruf in alle Welt, als dass auch dieser hochqualitative Branntwein eine internationale Berühmtheit erlange. So schwärmt Monsieur Bedú vom Calvados, vom Leben in der Normandie und seinen geistreichen Früchten, dass der Funke der Leidenschaft für Land und Leben in der Gegend überspringt zu mir als Reisendem und sich das Gefühl von Bodenständigkeit gepaart mit der Erhabenheit der regionalen Erzeugnisse bei mir ausbreitet.


Geistreiches vom Kellermeister

Ich treffe auf Philippe Etignard, den Kellermeister auf dem Cháteau. Ursprünglich aus der Weinwirtschaft kommend, zog es ihn vor sieben Jahren zur Calvados-Produktion. Die Apfel-Spirituose inspirierte ihn und die anspruchsvolle Herausforderung, die Calvados-Produktion zu überwachen, bildet Jahr für Jahr ein neues Erlebnis für ihn. Denn ein Calvados reift über Jahre, manchmal Jahrzehnte. Entsteht ein Fehler, so ist es anders als beim Wein ein schwerer Verlust, wenn das geistreiche Getränke verdirbt, etwa weil die Lagerung oder die Konsistenz nicht ausreichend geprüft wurden. Philippe kreiert zusammen mit Monsieur Bedú und der Prduktionsdirektorin die Rezepte des Calvados. Etwa, wenn eine neue Geschmacksnote geplant ist, ein Trend aufgegriffen wird oder der Reifeprozes verändert werden muss.

Dem Kellermeister zur Seite steht das Team aus den Herren Thilique und Musson, die sich um das Finish des Calavdos kümmern und Philippes Rezeptvorgaben umsetzen.


Vom Apfel in die Flasche – der Weg des Calvados

Und dann will ich es genau wissen: Wie entsteht der Calvados? Gewaschen, gemaischt und vom Fruchtfleisch getrennt ergibt sich ein Maischesaft, der nach Gärzeit von sechs Wochen bereits 4,5% Alkoholgehalt enthält. Das Fruchtfleisch selbst wird als Viehfutter verwendet. Nur der reine Saft ist Grundstoff für den hier produzierten Calvados, denn würde man Zucker hinzugeben, verlöre der Saft an Bukett. Mit viel Geduld, genauer Überwachung des Gärungsprozesses und einer gehörigen Portion Erfahrung des Kellermeisters wird zunächst Cidre aus dem Saft. Erst jetzt, so lerne ich, beginnt die Destillation, die zweimal vollzogen wird, bevor aus 27 Kilo Äpfeln schließlich 20 Liter zur Reife bereitstehender Calvados entsteht. In Eichenfässern, deren Auswahl, Maße und Qualität von besonderer Bedeutung sind, lagert der Calvados nun bis zu 20 Jahre. Je jünger und kleiner das Fass ist, desto schneller verläuft der Reifeprozess, denn desto mehr Branntwein tritt in Verbindung mit dem Holz. Junge Calvados-Sorten werden daher vom Kellermeister oft in neue Fässer gefüllt, bevor sie später in alten Fässern zu Ende reifen können, sie „wandern“ also regelmäßig von einem Fass zu anderen.


Bereits berauscht von den Erläuterungen des Monsieur Bédu wandle ich durch die düsteren Lagerhallen, in denen mir der moderig-ehrwürdige Duft alter Eichenfässer entgegenschlägt. Fässer, so weit das Auge reicht, gefüllt mit flüssigem Gold in verschiedenen Stadien denke ich bei mir. Und ein Duft reifen Calvados strömt in meine Nase, als der Monsieur eines der Fässer öffnet um ein Stück Lebensgefühl in die Luft entweichen zu lassen. Holz, Luft und Alkohol verbinden sich hier zu einer wunderbaren Mischung, die mit Geduld und Leidenschaft des Kellermeisters zu einem flüssigen, geistreichen Elixier werden. Vermählung nennt man es hier, wenn der Meister junge und alte Branntweine wie bei einer Hochzeit zu einer erlesenen Sorte Calvados verbindet.

Dennoch werden jedes Jahr neue Fässer angeschafft, denn irgendwann ist das Tanin der Fässer, dass dem Calvados die Farbe verleihen, erschöpft. Etwa alles sieben Jahre werden die Eichenholz-Fässer ausgetauscht.

Ist das geistreiche Getränk der Normandie dann endlich zur Abfüllung bereit, wird es in handversiegelten Flaschen ausgeliefert. Ich schaue zu, wie der Korken dabei geschickt um die Flasche gebunden und in die Versieglung integriert wird, damit er nicht verloren geht.


Probieren geht über studieren – eine Verkostung ist mehr als tausend Worte

Je älter ein Calvados ist, desto vollmundiger, abgerundeter und weniger nach Alkohol schmeckend wird er. Und wieder treffe ich auf die Zahl fünf, denn fünf Reifegrade werden im Chateau du Breuil in Flaschen abgegeben. Der einjährige Calvados ist nicht trinkbar und fast reiner Schnaps. Aber der acht-, zwölf-, fünfzehn- und zwanzigjährige Calvados sind ein Hochgenuss mit Steigerung nach Altersklasse. Charakterisiert sich der 8-jährige noch als eine Komposition aus kräftigen Parfums der Normandie und komplexen Aromen, aus Haselnuss und Mandeln mit Vanille-Abrundung, so kennzeichnet den 12-jährigen als guten Kompromiss zwischen 8 und 15 Jahren ein weiches voll-fruchtiges Tannin, das ihm eleganz verleiht. Angekommen beim 15-jährigen Calvados erkennt man den subtilen Geschmack nach Apfel wieder, der erst in seinem Abgang von holzigen Aromen der Eichenfässer dominiert wird. Der 20 jährige Calvados schließlich eröffnet sich mir wie ein Tor zum Himmel. Die angenehme Bernsteinfarbe verspricht bereits den Genuss reichhaltiger und ausgewogener Aromen, deren Fruchtigkeit und Eleganz bei mir auf der Zunge ein wahres Wohlgefühl auslöst. Keine Spur von erkennbarem Alkoholgehalt hinterlässt diese Krönung der Calvados-Produktion trotz seiner 41% bei mir. Wohlig ist derAbgang, ein Getränk für warme Kaminabende im Winter, wenn man den Sommer in der Normandie Revue passieren lassen möchte.

Ja und natürlich gibt es noch verschiedene Sorten, die veredelt wurden, mit Schokolade als exzellente Komposition, mit Whiskey als Zugeständnis an alle Unentschlossenen zwischen Schottland und Frankreich, oder solche Calvados-Sorten, die als Mixgrundlage für Cocktails gut geeignet sind. Und der neuste Trend ist die Kombination des Calvados in einem Weinfass. Das Ergebnis ist ein süßer Nachgeschmack, der vor allem die weibliche Kundschaft begeistert. Nicht zuletzt gibt es den Pommeau, ein aus vergorenem Apfelsaft und Calvados kreiertes Getränk, der einen hervorragender Aperitif ergibt.


Die Umgebung – Honfleur und Deauville als malerische Seebäder der Normandie

Nach so vielen Freuden flüssigen Goldes zieht es mich zur Erkundung der Gegend rund um das Chateau du Breuil. So besuche ich am Nachmittag das kleine und beliebte Städtchen Honfleur mit seinem malerischen Yachthafen, umrahmt von dicht zusammengedrängten Häuschen, die bunt und anmutig daherkommen. Enge, verwinkelte Gassen, in denen sich Galerien und Kunsthäuser jeder Ausrichtung finden, gepaart mit Angeboten süßester und geistreichster Leckereien aus der normannischen Gastronomie und zahlreiche größere und kleinere Cafès und Restaurants prägen das Stadtbild dieser Hafenstadt, von der ausgehend einst die Seeleute zur Entdeckung des kanadischen Quebecs aufbrachen. In der Sonne dieses herbstlichen Nachmittags flanieren Besucher entspannt an den Ufern des Hafens, genießen das Flair des Seebads, das auch zu dieser Jahreszeit zu einem erholsamen Spaziergang an seinen Ufern einlädt.

Der Markt rund um das Hafenbecken ist eine Augenweide für Leib und Magen. Frischer Meeresfang, Jakbobsmuscheln, Lobster, Seebrassen oder Rochen liegen lachen den Kulinariker an. Fleisch, Wurst und vor allem Käsesorten der Normandie füllen die Stände, dass sich die Balken biegen. Im Land der guten Küche verwundert es mich kaum, dass die Schätze des Meeres und die Spezialitäten des Lands allerorts in höchster Qualität zu finden sind.


Auch mein nächstes Ziel, Deauville, zeigt sich in der Sonne des Oktobers von seiner besten Seite. Weiß glänzend erhebt sich das Städtchen über seinem prachtvollen Yachthafen. Das Flüsschen Toques ist zu dieser Zeit gerade ob seiner Nähe zum Ärmelkanal auf Ebbe und die Gezeiten rufen ein lustiges Bild des Flusses hervor, denn alle Schiffe liegen nun buchstäblich auf dem Trockenen. Bemerkenswert ist auch die breite Promenade am Strand, die zu einem ausgedehnten Flanieren am Meer einlädt. Dabei fällt mir als interessantes Detail des Badestrandes auf, dass die Umkleidehäuschen nach berühmten Film-Schauspielern aus aller Welt benannte sind.


Le Mont Saint Michel – manchmal eine Insel

Wie ein spitz zulaufender Kegel, ein Berg aus dem Nichts erhebt sich plötzlich der Klosterberg Mont Saint Michel in der Landschaft aus dem morgendlichen Nebel. Ich habe mich aufgemacht, um dieses wohl beliebteste und bedeutendste Kulturgut der Normandie zu besichtigen, gut zweieinhalb Stunden vom mondänen Küstenort Deauville südlich gelegen. Noch bevor ich die Insel im Wattenmeer der Normandie näher erkunde, bin ich schon überwältigt von dessen Erscheinungsbild. Die Kirche mit dem Erzengel Michael auf der Spitze, die dicht gedrängten Bauten und engen Gassen auf der kleinen Insel, die von Ferne wie eine Fantasie-Welt anmuten, faszinieren mich an diesem sonnigen Herbsttag im Oktober. Das Klima ist mild und das Wetter für einen Besuch des UNESCO-Kulturguts ausgezeichnet. Seit dem Jahr 708 existiert die Gemeinde auf der 55 Quadratkilometer kleinen und 92 Meter hohen Insel an der Grenze zur Bretagne, die je nach Gezeiten auch mal keine solche ist. Denn bei Ebbe kann man auf dem Sandbett des Watts zu Fuß in etwa einer halben Stunde zur Insel laufen. Ein schmaler Damm verbindet Mont Saint Michel mit dem Festland, ein Shuttlebus oder eine Pferde-Kutsche bringt die Besucher zum Insel-Berg. Hier lebten und wirkten seit 1022 n. Chr. die Benediktiner, seit einigen Jahren sind es Ordensleute der Gemeinschaften von Jerusalem, die hier ihr geistliches Werk ausüben. Im Jahr 708 wurde Bischof Aubert von Avranches vom Erzengel Michael aufgefordert, eine Kirche für ihn zu bauen. Der Bischof tat es nach einigem Zögern. Aus dem zunächst einfachen Bau wurde im 11. Jahrhundert mit dem Bau einer Abtei begonnen, die sich 500 Jahre lang hinziehen sollte. Während der französischen Revolution befand sich hier ein Gefängnis statt einer Abtei und erst seit Mitte der 1960er Jahre leben hier wieder Mönche. Eng, verwinkelt, für den Laien kaum zu durchschauen ist das Netz aus Gängen, das mich im Inneren der Kirche hinauf und hinab führt. Durch mehrere Kapellen und Säle gelange ich zur obersten Plattform mit einem beeindruckenden Ausblick auf die umliegende Gegend des Wattenmeers.

Goldgelb leuchtet der Sand an diesem Tag und lässt meine Erinnerung zurück schweifen in die heiligen Hallen des Monsieur Bedú, zu seinem goldenen Calvados, der die flüssige Krönung der Normandie bildet. Viel mehr könnte ich in diesem eindrucksvollen Landstrich Frankreichs entdecken und erleben. Der frühe Herbst mit seinem milden Klima und den leuchtenden Farben erzeugt eine eindrucksvolle Symbiose, aus Stimmungsbild, Genussmoment und Naturzustand, die den Wunsch nach Mehr hervorruft. Ein Paradies für Genießer.

Fotos und Text: Philip Duckwitz

Infos:


Wie kommt man hin?

Empfehlenswert für eine entspannte Anreise ist eine Anfahrt über Paris mit dem Thalys (ab Köln oder München) und eine Weiterfahrt mit dem TGV direkt nach Deauville. Hier empfiehlt es sich, ein Auto zu mieten, um die Gegend zu erkunden, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erobern ist. Nicht empfehlenswert ist eine Anreise von Deutschland mit dem eigenen Auto, da so neben den in Frankreich hohen Kraftstoffkosten auch die extrem teuren Autobahngebühren anfallen.

Unterkunft rund um Breuil-en-Auge

Gut wohnen kann man in Deauville, um die Gegend zu erkunden. Aber auch das vorgelagerte Festland vor Mont Saint Michel bietet zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten. Die Hotelsuche empfiehlt sich mit dem Anbieter boking.com

Essen und Trinken

Ein wahrhaftiger Restaurant-Tipp ist das familiengeführte Haus „le Comptoir la Table“. Hier erlebt der Gast nicht nur original französisches Flair gepaart mit echter Gastfreundschaft und Offenherzigkeit. Nicht zuletzt sorgt auch der quirlige Küchenchef, der sehr an einen bekannten, französischen Schauspieler der 70er Jahre erinnert, für eine positive Stimmung unter den Gästen.

Die frische Küche des Restaurants bietet vor allem Muschel- und Fischprodukte aus der Region, wie Jakobsmuscheln oder Hummer. Die Wohnzimmer-artige Einrichtung der Speisedestination sorgt zudem für eine heimelich-wohlige Atmosphäre.

http://tinyurl.com/8qsqp8s

Excellent ist das Restaurant „Le Dauphin“ in Breuil en Auge unweit des Chatéau du Breuil. Der liebevoll eingerichtete Gastraum und die hochklassige Küche des Spitzenkochs Regis Lecomte, der das Gault Millau-Restaurant führt, lassen beim Gast keinen Wunsch offen und spiegelt hervorragend die normannische Küche der Region wieder.

http://www.ledauphin-restaurant.com/

Ebenfalls ausgezeichnet und hochklassig speist man in Deauville frischen Fang aus dem Meer im Restaurant La Villa Gabrielle http://www.deauville.fr/restaurants/villa-gabrielle

Und wer bodenständige, normannische Küche der Spitzenklasse sucht ist auf dem Land an einem echten Tipp an der richtigen Adresse. Denn das Restaurant La Mare au Lievre kommt nicht nur im tpischen Stil der Normandie daher, sondern offeriert auch excellent zubereitete Speisen der Region. http://lamareaulievre.wifeo.com/

Das Chateau du Breuil en Auge

Das Chateau du Breuil und die Calvados-Produktion können täglich eingehend und in vollem Umfang besichtigt werden. Täglich geöffnet von 9-12 und 14-18 Uhr ist das Schloss ganzjährig (außer an Weihnachten) geöffnet.

Bei einem geführten Besuch des Chateaus erwartet den Gast in der Orangerie seit 2017 eine beeindruckende Überraschung für die Sinne, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

www.chateau-breuil.fr

Käserei E. Grandorge

Typisch für die Region ist auch die Käse-Produktion. Es empfiehlt sich daher der Besuch der größten Käserei im Gebiet mit ausführlicher Schaukäserei in Livarot.

https://www.graindorge.fr/

Le Mont Saint Michel

Informationen zum Besuch des Klosterbergs:

http://de.normandie-tourisme.fr/entdecken/absolut-sehenswerte/mont-saint-michel-106-3.html

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