Die Farben Umbriens

Eingebettet zwischen der Toskana mit der Mittelmeerküste und den Marken und Abruzzen mit den Adriastränden findet das „Grüne Herz“ Italiens eher wenig Beachtung. Umso überraschter ist man über die vielen Gesichter dieses Landstrichs. Ob Kunst oder Kulinarik, religiöse Kultur oder kuriose Feste, diese geschichtsträchtige Region bietet eine Vielfalt an Erlebnissen.

Perugia, die Hauptstadt Umbriens, gilt als eine der schönsten Städte der Region im Herzen Italiens. Auf einem 450 Meter hohen Hügel thront das historische Zentrum. Fahrzeuge sind tabu in der Altstadt. Dennoch gelangt man ohne schweißtreibenden Anstieg über die schier endlose Rolltreppe, die in das historische Gemäuer der Rocca Paolina am südlichen Rand Perugias vor einigen Jahren eingebaut wurde, hinauf. So landet man ganz bequem von der Unterstadt direkt in der beliebten Altstadt-Flaniermeile Corso Vannucci.

Mittelalterlicher Brunnen in Perugia

Vorbei an eleganten Boutiquen und Läden mit lokalen Spezialitäten wie den Schokonüssen Baci Perugina legen wir im traditionsreichen Café Pasticceria Sandri eine kleine Kaffeepause ein und schmökern im Reiseführer ein bisschen zur Vergangenheit dieser geschichtsträchtigen Stadt. Im sechsten Jahrhundert wurde Perugia von den Etruskern gegründet und entwickelte sich schnell zu einer mächtigen Metropole im Reich dieses Volksstammes. Noch heute zeugen einige Bauwerke aus dieser Blütezeit, allen voran die etruskische Stadtmauer mit der Porta Marzia, der Porta Trasimena und dem Arco Etrusco, dem etruskischen Torbogen. Im Mittelpunkt steht die Piazza Grande mit dem einzigartigen mittelalterlichen Brunnen Fontana Maggiore. Ein weiterer Blickfang auf dem Hauptplatz ist der prachtvolle Palazzo dei Priori. Im Innern glänzt dieser Prachtpalast mit seiner umfangreichen Gemäldesammlung. Darunter Werke von Pietro Vannucci, der als bedeutendster Maler seiner Zeit vor über 500 Jahren galt. Besonders in Umbrien hat er unter seinem Künstlernamen Perugino viele Spuren hinterlassen hat.    

Assisi – Schmelztiegel religiöser Macht

Von der erhabenen Altstadt Perugias aus öffnet sich ein weiter Blick zu den Gipfeln des Apennin-Gebirges, dem Trasimenischen See und über die Landschaft der tausend Farben mit ihren historischen Dörfern und Städten. Eine davon ist Assisi. Die weltweit bekannte Pilgerstadt gilt seit dem Mittelalter als wichtiges Zentrum des Glaubens. Den Grundstein gleichsam hatte Franz von Assisi mit seinen mystischen Erlebnissen gelegt. Zu Ehren des Heiligen wurde kurz nach seinem Tod vor knapp 800 Jahren die monumentale Basilika errichtet, in der neben der herausragenden Architektur und mittelalterlichen Malerei auch der Ausdruck religiöser Macht beeindruckt.

Blick über die Dächer von Assisi

Über Jahrhunderte war Umbrien Kornkammer des päpstlichen Kirchenstaates. Weizen, Wein und Öl brachten dem einstigen Landadel erheblichen Reichtum. Zum Zeichen seiner Bedeutung ließ der Geldadel  der Landwirtschaft pompöse Stadtpaläste bauen. Viele Landgüter breiteten sich in privilegierter Lage wie das Poggio degli Olivi inmitten der Hügel um das mittelalterliche Dorf Bettona, einen Steinwurf von Assisi entfernt. Tradition und Moderne sind in diesem Agriturismo harmonisch aufeinander abgestimmt. Hier das historische Bauernhaus und die altbewährte Ölmühle, da der eindrucksvoll platzierte Infinitipool. Wer möchte, kann bei der herbstlichen Olivenernte Hand anlegen und nach getaner Arbeit den traumhaftem Blick über die sattgrüne Landschaft vom Pool aus genießen.

Auf einem der Hügel zwischen Assisi und Foligno liegt das zauberhafte Städtchen Spello, das wohlverdient Mitglied im Club der „schönsten Städte Italiens“ ist. Schon unter den Römern war „Hispellum“ mit dem Titel „Wunderschöne Julia-Kolonie“ ausgezeichnet worden. Durch die monumentale Porta Consolare aus römischer Zeit geht es über die antike Via Flaminia zwischen römischen und mittelalterlichen Bauwerken bergauf. In dem Labyrinth der mittelalterlichen Gassen, in denen jedes Haus fantasievoll mit Blumen geschmückt ist, kann man sich leicht verlieren. „Die Leute schmücken ihre Fassaden mit großem Ehrgeiz, weil jeder den Wettbewerb für das schönste Haus gewinnen will“, erklärt unsere Begleiterin. Voller Stolz präsentieren die Hausbesitzer dann die Tafeln, auf denen das jeweilige Jahr ihrer Auszeichnung für den schönsten Blumenschmuck vermerkt ist. Höhepunkt der Blütenpracht ist der Tag des Corpus Domini im Blumenstädtchen Spello. Die ganze Stadt ist eifrig dabei, wenn es heißt, für den beliebten Infiorata Tag (jeweils Anfang Juni) große Blütenteppiche kreativ zu gestalten.

Der Lauf der Verrückten

Farbenprächtig gestaltet sich auch die Festa dei Ceri, die alljährlich am 15. Mai im nördlich gelegenen Gubbio stattfindet. Der Wachskerzenwettlauf zu Ehren des Heiligen Ubaldo, der die Stadt einst erfolgreich gegen feindliche Angriffe verteidigte, gilt als eines der kuriosesten Feste Italiens. Drei Mannschaften laufen dabei mit Kerzen, die auf sieben Meter hohen und 280 Kilogramm schweren Holzgestellen befestigt sind, durch die Stadt und hinauf auf den Hausberg mit der Kapelle des Heiligen Ubaldo. Für welchen der drei Heiligen die jeweiligen Kerzenträger den schweißtreibenden Lauf hinlegen, erkennt man an ihren verschiedenfarbigen Halstüchern: gelb steht für Sankt Ubaldo, blau für Sankt Giorgio und schwarz für Sankt Antonio. Ganz gleich, wer das Ziel als erster erreicht, der Gewinner, Sankt Ubaldo, steht schon vor Beginn des Wettkampfes fest. Deshalb nennt der Volksmund das Spektakel auch „Lauf der Verrückten“.

Nach dem Bad in der Menge der zahlreichen Zuschauer des Wachskerzenwettlaufs sind wir reif für die Insel. Auf gehts zum Trasimeno See, dem viertgrößten See Italiens. In Tuoro am nördlichen Seeufer, wo die Truppen Hannibals einst das römische Heer besiegten, steigen wir auf das regelmäßig verkehrende Schiff und nehmen Kurs auf die Isola Maggiore. Schon in römischer Zeit war die Insel bewohnt. Im einstigen Haus des Stadtherrn aus dem Mittelalter ist heute das historische Dokumentationszentrum untergebracht. Hochwertige Kunstwerke mittelalterlicher Malerei und Bildhauerei sowie filigrane Exemplare aus Klöppel- und Häkelspitze kann man hier bestaunen. Neben der Fischerei hat dieses Handwerk einst zur Lebensgrundlage der Inselbewohner beigetragen.

Nach der kulturellen wird es Zeit für die kulinarische Seite der Insel. Im Ristorante da Sauro direkt am See genießen wir fangfrischen Fisch im weitläufigen Gastgarten des Hauses. Das Haustier, der Fasan, steht derweil auf der Gartenmauer und wacht über das tierfreundliche Anwesen.

Fotos: Renate Wolf-Goetz

Informationen

Italienische Zentrale für Tourismus, Enit, www.enit.de

Umbrien Tourismus, www.umbriabenessere.eu

Trasimeno See, www.lagotrasimeno.net

Fahrradverleih: www.umbriabike.eu

Agriturismo Poggio degli Olivi, www.poggiodegliolivi.com

Tipps

Der alljährliche Friedensmarsch von Perugia ins 24 km entfernte Assisi findet dieses Jahr am 9. Oktober statt.

Das Museum MUVIT in Torgiano nahe Perugia zeigt eine private Sammlung zu 5000 Jahren Weingeschichte auf Weltniveau, www.muvit.it

Auf der Straße des Weins und der Kunst kann man sich durch das Städtchen Brufa und Umgebung treiben lassen, begleitet von zeitgenössischen Kunstwerken unter freiem Himmel.

www.scultoriabrufa.it

Festa dei Ceri in Gubbi o, www.ceri.it

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