Auf dem grünen Dach Europas – Eindrücke aus dem Böhmerwald

Jenseits der deutschen Grenze zwischen Bayern und Tschechien dehnt sich der Nationalpark Šumava aus. Ein noch wildes Mittelgebirgsrevier, dreimal so groß wie der Nationalpark Bayerischer Wald. Viele sprechen hier noch Deutsch. Eine gastfreundliche Region, wo sich Naturliebhaber und Genussreisende gleichermaßen wohl fühlen.

„Dort hinter der Brücke fängt der Weg an.“ Ein freundlicher Hinweis der Einheimischen führt uns in die gesuchte Richtung, zu einem Wanderpfad entlang des Flusses. Immer wieder begegnen uns Wanderer mit Körben, gefüllt mit Steinpilzen und Pfifferlingen. Der Böhmerwald ist bekannt für ihre Verbreitung. Unten rauscht die Vydra der rechte Quellfluss der Otava. Ungeachtet riesiger Felsblöcke bahnt sie sich ihren Weg. Am Ufer bleibt Treibholz hängen. Das vom Wasser glatt geschliffene Holz glänzt in der Sonne. Neben dem Pfad sind erste reife Blaubeeren zu sehen und eine Mischung aus bunten Wiesenblumen. „Bis zur Turnerova Chata ist es nicht mehr weit. Genießt dort die selbst gemachten Kuchen!“ Diesem Rat folgen wir nur allzu gern, bevor es wieder zurück zum Parkplatz geht. Dieser Berggasthof mit dem deutschen Namen Turnerhütte wurde 1934 errichtet und blieb in der traditionellen Holzarchitektur des vorigen Jahrhunderts erhalten. Ein beliebtes Ausflugsziel für Besucher dies- und jenseits der Grenze.

Foto: Die wilde Otava kommt aus dem Grenzgebiet zu Deutschland 

Dunkel, geheimnisvoll, unheimlich: so liest sich die Beschreibung des Böhmerwaldes in Märchen. Tatsächlich finden sich in diesem Teil urwaldähnliche Überbleibsel: übereinander gestürzte Bäume, Stümpfe, die unter Moospolstern verschwinden, verrottendes Holz, aus dem neues Leben hervordrängt. Heutzutage können Besucher auf gepflegten Wanderwegen teilweise noch urwaldmäßige Natur erleben.

Glatt geschliffene Felsblöcke erschweren den Flusslauf

 

Mit ca. 68.000 ha ist der Nationalpark Šumava – gegründet 1991 – der größte des Landes und etwa dreimal so groß wie der benachbarte Nationalpark Bayerischer Wald. Dazu kommen noch Landschaftsschutzgebiete wie die Region um den Moldaustausee im Süden. Zusammen mit seinem bayerischen Nachbarn bildet er eines der größten und artenreichsten Schutzgebiete Mitteleuropas. Es ist das größte zusammenhängende mitteleuropäische Waldgebiet überhaupt und wird oft auch als Grünes Dach Europas bezeichnet. Mehr als 80% des Nationalparks sind von Wäldern bedeckt, die überwiegend im Staatseigentum geblieben sind, und werden von der Verwaltung des Nationalparks und Naturschutzgebiets Böhmerwald in Vimperk, zu deutsch Winterberg, verwaltet.

Mountainbikes kommen uns entgegen. Sie biegen gleich ab auf Waldwege. Familien mit Kindern tummeln sich am Ortsrand von Srni. Hier ist ein Zentrum für Aktive. Das Plateau ist über 1000 Meter hoch gelegen. Zwei Wildschutzgebiete locken Naturschützer und Tierliebhaber. Wir entscheiden uns für einen Besuch des Wolfszentrums. Wunderschön wurden die in einer modernen Fassung der historischen Böhmerwald-Architektur erstellten Informationszentren der Umgebung angepasst. Familienfreundlich führt ein zwei Kilometer langer Rundwanderweg mit Informationstafeln und überdachten Aussichtsplattformen durch das Gehege.

„Beim Wolfsrudel sorgen meist nur die Anführer für Nachwuchs. Damit ist gewährleistet, dass die besten Gene weitergegeben werden,“ erklärt der Parkranger im Wolfszentrum Srni. Er ist studierter Biologe und seit einigen Jahren hier tätig. In dem modernen Holzgebäude informiert eine Ausstellung über interessante Tatsachen dieser Spezies.

Ein Wolf auf der Pirsch im Wolfszentrum bei Srni

Vier Welpen aus dem diesjährigen Wurf spielen das ewig gleiche Spiel dieser Altersgruppe: angreifen, verfolgen und sich unterwerfen; Verhaltensweisen die ausgewachsenen Wölfen das Überleben sichern. Inzwischen ist der Wolf auch außerhalb des Nationalparks wieder heimisch geworden, was nicht immer auf Verständnis bei der Bevölkerung stößt. Oft ist es eine Gratwanderung zwischen Naturschutz und Zivilisation. Weitere Freigehege bieten Lebensraum z. B. für Eulen im nahegelegenen Borova Lada, sowie für Hirsche und Luchse bei Kvilda

Friedrich Smetana und Adalbert Stifter – Kultur an der Moldau

Stille an der Quelle der „warmen Moldau“. Die Querflötenmelodien mit denen das berühmte Musikstück von Friedrich Smetana beginnt kommen in den Sinn. Erst eine Querflöte für die „warme Moldau“, dann die zweite: sinnbildlich für die aus dem Bayerischen Wald kommende „kalte Moldau“. Einige Kilometer flussabwärts werden sich die beiden Bäche vereinen. Der Nationalpark Šumava ist seit 1978 Wasserschutzgebiet.

Ein leckerer Steinpilz am Wegesrand

Die Moldau, der längste und meistbesungene tschechische Fluss, entspringt im Hochmoor an der Wasserscheide unterhalb von des 1315 Meter hohen Cerná Hora unweit der deutschen Grenze. Sowohl von der tschechischen als auch von der deutschen Seite aus führt eine Wanderung zur Moldauquelle über Hochplateaus, entlang kleiner Wildbäche und Hochmoore. Wir kommen von Osten aus Bučina, machen einen kleinen Umweg über die Grenze und besteigen den 1263 Meter hohen Siebensteinkopf auf deutscher Seite. Zwischen Granitblöcken und Tannen öffnet sich der Blick schließlich über die meist sanften Höhenrücken des Böhmerwaldes. Zeit zum Innehalten und für ein Picknick.

Blick vom Siebensteinkopf nach Mauth in Bayern

Irgendwo zwischen tiefen Wäldern versteckt bahnt sich die Moldau ihren Weg. Der sagenumwobene Fluss richtet seinen Lauf zunächst nach Süden und fließt mitten durch Cesky Krumlov, oder Krumau,  eine Stadt in der tschechischen Region Südböhmen. Über ihren Häusern ragt ein Schloss empor. Neben dem Schlossgebäude, das Elemente aus der Gotik, der Renaissance und dem Barock aufweist, gehören auch ein großer Park und ein Barocktheater zur Anlage. Vom runden Glockenturm des Schlosses hat man einen Panoramablick auf die historische Altstadt und den Fluss. Im Zentrum der historischen Altstadt liegt, nur wenige Schritte vom Marktplatz entfernt, das Altstadthotel „Konvice“, bzw. „Zur Kanne“. Das bereits 1539 urkundlich erwähnte Gebäude wurde 1992 vollständig renoviert. Jedes Zimmer ist unterschiedlich und ein Unikat.

Flussabwärts ist die Moldau aufgestaut zum weinverzweigten Lipno-Stausee, der auch mit einer gemütlichen Autofähre auf dem Weg von und nach Österreich überquert werden kann. In Horní Planá kann eine museale Gedenkstätte an den Dichter Adalbert Stifter besucht werden. Sein Geburtshaus steht am Rand des Ortes und wurde wahrscheinlich bereit im Jahre 1600 erbaut. Der berühmte Dichter wurde hier 1805 geboren. Sein Elternhaus, die Landschaft und das Wallfahrtskirchlein oberhalb des Ortes mit der wunderbaren Aussicht auf den Moldau-Stausee und den Böhmerwald sind in Stifters Werk verewigt: ausführlich in der Erzählung “Der beschriebene Tännling” oder im “Hochwald”. Am 23. Oktober 1960 wurde hier eine erste Ausstellung eröffnet: “Adalbert Stifter und seine Heimat”. Das Erdgeschoß ist zur Gänze der Stifter-Biografie samt Familie gewidmet. Dabei wird auch der Bezug zu seiner Jugendliebe Fanny aus dem nahe gelegenen Friedberg hergestellt.  Hauptsächlich befassen sich konzentrierte Dokumentationen zu Stifter allgemein: als Maler, Hauslehrer, Konservator und Schulreformer.

Portal zum Schlosshotel Zamek Zdikov. Genuss vor und hinter historischen Mauern

„Den alten Gewölbekeller muss ich euch noch zeigen“, meint der aus Passau stammende Helmut Müller. Hier lagern kostbare Weine. Er hat mit seiner tschechischen Frau Helena vor etwa 25 Jahren das Schloss Zdikov im gleichnamigen Ort im Böhmerwald gekauft.

Abendlicher Genuss unter der Linde

Das Gebäude blickt auf eine fast 400- jährige Geschichte zurück. Während unruhiger Zeiten wechselte es fünfmal den Besitzer. Pferdestall und Kutschenremise, Gärtner- und Verwalterhaus wurden errichtet, ein Teich mit Insel angelegt. Mit dem Aushub wurde das Gelände rund um das Schloss begradigt. Teilweise hat der Staat das Gebäude übernommen und als Schulhaus genutzt, ab 1979 diente es als Erholungsheim. Seit 1997 ist es als Schlosshotel bekannt.

Einer der Speisesäle in Zamek Zdikov

Dazu gehört ein neuer Wellnessbereich mit Innenschwimmbecken. Einer Tochter des Ehepaares gehört das Hotel zur Kanne in Krumau. Vor geschmackvoll eingerichteten Räumen ist der Schlossgarten rund um eine mächtige Linde der Besuchermagnet schlechthin. Beim sommerlichen Abendessen mit heimischem Wild, Böhmischen Knödeln und Pilsener Urquell sind entspannte Gespräche ebenso von Nachbartischen zu hören wie das Rauschen der Blätter über uns.

 

Inneneinrichtung in Zamek Zdikov

 

Informationen:

Für Wanderaufenthalte eignen sich die Monate von Mai bis Mitte Oktober. Als Standort für den Nationalpark Šumava liegt das Hotel Zamek Zdikov sehr günstig; Doppelzimmer inkl. Frühstück ab Euro 78,- ; für den südlicher gelegenen Teil am Moldaustausee und Krumau das Hotel Konvice (Zur Kanne) im Besitz der gleichen Familie; Doppelzimmer inkl. Frühstück ab Euro 73,-.

Einen Überblick über die Region des Nationalparks Šumava  gibt es unter https://www.npsumava.cz/de/

Freigehege für Wölfe, Hirsche, Eulen und Luchse https://www.npsumava.cz/de/besuchen-sie-sumava/besucherzentren/

Die beiden Hotels in Krumau und Zdikov sind buchbar unter der Seite für Schlosshotels und Herrenhäuser https://www.experiencecharacter.com , bzw. unter http://www.boehmerwaldhotels.de/

Allgemeine Auskünfte zu Reisen nach Tschechien:Tschechische Zentrale für Tourismus-CzechTourism; Wilhelmstr. 44, 10117 Berlin; Tel. +49 0 30 204 47 70 mailto: berlin@czechtourism.com 

www.visitczechrepublic.com

 

Im Garten des Schlosshotels Zamek Zdikov

 

Text: Monika Hamberger

Fotos: Rainer Hamberger

 

 

 

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