Anna Boch in Ostende

Text und Fotos © Wolfgang Grüner

Bis Anfang November 2023 gibt es in diesem Sommer, außer dem breiten Sandstrand, einen weiteren guten Grund, in das belgische Ostende zu fahren: Anna Boch im Mu.Zee.

Das Kunstmuseum aan Zee, Mu.ZEE, ist ein Museum für Moderne Kunst in Ostende, Belgien. Es bietet einen umfassenden Einblick in die belgische Kunst seit Beginn des 20. Jahrhunderts, insbesondere der flämischen Expressionisten. Einen Schwerpunkt bilden die Werke der Maler James Ensor (1860–1949) und Leon Spillaert (1881–1946), die in Ostende geboren wurden und ihrer Heimatstadt und der Region eng verbunden waren. Es möchte die faszinierende, unvollendete Geschichte der Kunst in Belgien, Künstler für Künstler, erlebbar und verständlich machen. In einem ikonisches Gebäude von 1947, früher mal ein Warenhaus, verfügt es über eine großartige Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst in Belgien von 1880 bis heute.

Und da gibt es nun eine wahre Entdeckung zu sehen die bisher immer irgendwo, aber nie im breiten Licht der Öffentlichkeit, stand.

Das Mu.ZEE zeigt Werke von Anna Boch (1848-1936), Malerin und Mäzenin, 175 Jahre nach ihrer Geburt. Die Ausstellung würdigt sie als Künstlerin und als Frau am Ende des 19. Jahrhunderts in Belgien. Sie galt als sehr fortschrittlich: Sie besaß ein Auto, das sie aber nicht selbst chauffierte, reiste viel und oft allein – für eine Frau zu dieser Zeit nicht selbstverständlich. Wie ihre impressionistischen Zeitgenossinnen Berthe Morisot (1841- 1885) in Frankreich oder Mary Cassat (1844-1926) in den Vereinigten Staaten wurde Anna Boch in ein sehr wohlhabendes Milieu hineingeboren. Ihre Familie besaß die Manufaktur Boch Frères Keramis in La Louvière. Auch in Deutschland ist die Firma vertreten, der Sitz von Villeroy und Boch befindet sich in Mettlach im Saarland. Das gab ihr den notwendigen finanziellen Hintergrund für eine gute private Ausbildung als Malerin, studieren an einer Akademie durfte sie zu dieser Zeit noch nicht.

Annas Bruder Eugène (1855-1941) wird ebenfalls Maler in Paris und freundet sich dort mit Vincent van Gogh an. Ihr Cousin, der Rechtsanwalt und Schriftsteller Octave Maus (1856-1919), ist der Gründer der impressionistischen Künstlergruppen Les XX und La Libre Esthétique in Brüssel.

Klug, sehr überlegt und einfühlsam haben nach mehr als zwei Jahren Recherche die Kuratoren Virginie Devillez, Stefan Huygebaert und Wendy Van Hoorde die Ausstellung zusammengestellt. Nur schade, das es nicht mehr Bilder geworden sind, man kann gar nicht genug davon bekommen. Knapp 30 Bilder von Anna Boch selbst gibt es in der Ausstellung zu sehen, dazu einige Keramikarbeiten. Besonders interessant sind Möbel und andere Gegenstände von Victor Horta, am Ende des 19. Jahrhunderts einer der frühen Wegbereiter der stilistischen Revolution des Art nouveau /Jugendstils. Sein Wirken ist In diversen originalen Häusern in Brüssel noch heute gut erhalten und besonders sehenswert.

Die impressionistische Künstlerin Anna Boch genoss internationales Ansehen. Sie war eine große Musikliebhaberin und Kunstsammlerin: Sie sammelte Werke von Paul Gauguin, Vincent van Gogh und Paul Signac und hatte ein Gespür für junge Talente. Wie bei ihren französischen Künstlerkollegen nehmen Seestücke, Natur und Reisen einen wichtigen Platz in ihrem Oeuvre ein. Auch die Nordsee als Thema taucht in ihrem Werk auf: Die belgische Küste und insbesondere Ostende waren ihr nicht fremd, lag ihr am Herzen. Für diese Ausstellung konnten außergewöhnliche Leihgaben erworben werden, wie von Paul Signac, La Calanque (KMSKB), Paul Gauguin, Conversation dans les prés, Pont-Aven (KMSKB), Vincent van Gogh, Porträt von Eugène Boch (Musée d’Orsay, Paris) u.a.

Auf keinen Fall sollte man sich den feinen Ausstellungskatalog: „Anna Boch Eine impressionistische Reise“ entgehen lassen, durch harmonischen Farbeinsatz und zarte Farbakzente ein wunderschönes, kenntnisreiches und interessantes Überblickswerk. Gibt es in mehreren Sprachen für knapp 50 €.

Fazit: Wenn man etwas Besonderes, etwas sehr Schönes und etwas Bewegendes sehen möchte, muss man diesen Sommer nach Ostende.

Infos unter: info@muzee.be

Wo: Mu.ZEE, Romestraat11, 8400 Oostende, Belgien

Wann: 01.07. bis 05.11.2023, danach im Musée de Pont-Aven, Pont-Aven, Frankreich.

Hinkommen: mit dem Zug von Dortmund oder Köln über Lüttich und Brüssel am Besten mit Thalys. Wesentlich pünktlicher und angenehmer als mit der DB.

Die Recherche wurde ermöglicht mit freundlicher Unterstützung von Benedeluxe für Mu.ZEE in Zusammenarbeit mit Tourismus Oostende und Partnern.

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Wolfgang Grüner

Autor Kurzvorstellung:

Wolfgang Grüner aus Köln ist freier Fach- und Fotojournalist aus Leidenschaft. Erfahrung in Themen zu Musik und durch viele Reisen in mehr als 100 Länder.

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

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