Von der Küste Taiwans hoch auf 2.400 Meter: Die historische Alishan Forest Railway fährt durch drei Klimazonen in einen jahrtausendealten Zypressenwald. Wer früh aufsteht, erlebt mit etwas Glück den spektakulären Sonnenaufgang über der legendären „Sea of Clouds“.
Es rumpelt und ruckelt. Mit lautem Tuten verlässt der gelb-rote Zug der Alishan Forest Railway den Bahnhof Chiayi nahe der Westküste Taiwans. Vor mir liegt eine Fahrt, die mich von Meereshöhe aus in den Alishan-Nationalpark auf 2.216 Metern Höhe bringen wird. Die höchstgelegene Station Zhushan nahe der „Sea of Clouds“ liegt sogar auf 2.451 Metern. 71 Kilometer Strecke, fünf Stunden Fahrzeit, das Abenteuer beginnt.
Zeitreise rückwärts

Unterwegs bin ich mit einem befreundeten Paar und meinem Partner. Vor einer Stunde saßen wir noch im Taiwan High Speed Rail und schossen von Taipeh kommend mit 300 km/h durch die Landschaft: lautlos gleitend, klimatisiert, die Außenwelt als ein verwischter Streifen wahrnehmbar. Hightech pur. Jetzt, auf der nur 762 Millimeter schmalen Spur der Alishan Forest Railway, ist alles anders. Der Boden vibriert unter meinen Füßen, die Fenster lassen warme Luft herein und alle Reisenden wiegen sich im Rhythmus des Zuges, damit der Nacken später nicht schmerzt. Was für ein Gegensatz – von der Zukunft direkt zurück in die Vergangenheit! Die Alishan Forest Railway weckt nicht nur bei uns nostalgische Gefühle. Wenn der Zug durch Dörfer fährt und an Reisfeldern und Teeplantagen vorbeiruckelt, unterbrechen viele Menschen ihre Arbeit und winken uns freundlich zu.
| ALISHAN FOREST RAILWAY: PRAKTISCHE INFOS Zugverbindungen: > Täglich ein Zug Chiayi–Alishan 10 Uhr, Alishan-Chiayi täglich 11:50 Uhr > Teilstrecke Chiayi–Shizilu: 9 Uhr, Rückfahrt 13:21 Uhr; Preise: ab 600 TWD > Buchung (dringend empfohlen): https://afrts.forest.gov.tw/TP01_1_E.aspx oder einige Tage im voraus direkt am Bahnhof Chiayi Sunrise Train zur Sea of Clouds: > Abfahrt täglich 1 Std. vor Sonnenaufgang ab Alishan; Tickets am Vortag ab 13 Uhr am Bahnhof kaufen (schnell ausverkauft) > Zeiten Sonnenaufgang: https://afrch.forest.gov.tw/EN/0000300 Bus nach Alishan > Linien 7322 & 7329 ab Chiayi (2,5 Std., ca. 280 TWD) > Buchung: https://alishan.welcometw.com > Fahrpläne: https://www.taiwantrip.com.tw/Frontend/Home/Index_en Beste Reisezeit März–Mai (Kirschblüte) und Oktober–November |
Alishan Highway
Die Schmalspurbahn fährt täglich in die Alishan National Scenic Area im zentralen Hochgebirge Westtaiwans. Die beste Reisezeit ist im Frühling von März bis Mai zur Zeit der Kirschblüte sowie im Herbst von Oktober bis November, wenn es weniger regnet. Als Alternative zur oft ausgebuchten Forest Railway gibt es in Chiayi mehrere Busverbindungen, mit denen man den Nationalpark über den Alishan Highway in zweieinhalb Stunden erreicht. Aber Vorsicht: Die 109 Kilometer lange Bergstraße ist eng und kurvig und eine Herausforderung für empfindliche Mägen. Wer mit einem gemieteten Auto unterwegs ist, für den bietet sich von Alishan aus die Weiterfahrt nach Tatajia im Yushan-Nationalpark mit dem 3952 Meter hohen Jadeberg an. Ein weiteres landschaftliches Highlight der Insel.
47 Tunnel, 72 Brücken

Zurück zur Waldbahn: Sie wurde 1912 während der japanischen Okkupation (1895–1945) erbaut, um das wertvolle Holz der Formosazypresse aus den schwer zugänglichen Bergwäldern an die Küste zu transportieren. Erst ab 1918 gab es auch Personenwagen. Was die japanischen Ingenieure damals schufen, erleben wir heute noch als technisches Glanzstück: Die Waldbahn überwindet ohne Zahnräder Steigungen bis 6,26 Prozent. Unser Zug passiert 47 Tunnel und 72 Brücken sowie spektakuläre Spitzkehren. Durch Weichen gelenkt fährt er im Zickzack vorwärts und rückwärts, um im steilen Gelände an Höhe zu gewinnen.

Die längste Eisenbahn-Spirale der Welt

Um maximalen Höhengewinn geht es auch bei der Dulishan-Spirale. Sie ist im Guinness-Buch der Rekorde als längste Eisenbahnspirale der Welt verewigt. Zwischen den Dörfern Zhangnaoliao und Shibijao galt es, auf einer sehr kurzen horizontalen Distanz von 570 Metern einen Höhenunterschied von über 230 Metern zu überwinden. Da Züge nur eine begrenzte Steigung bewältigen können, wurden die Ingenieure kreativ. Die von ihnen designte Strecke wickelt sich auf einer Länge von 5,1 Kilometern dreimal um den Duli-Berg. Dabei passieren die Züge elf Tunnel und fahren zehnmal über und unter sich selbst durch – und schon ist der Anstieg geschafft!

Von den Tropen ins Hochgebirge
Während ich noch versuche, die ingenieurtechnischen Raffinessen der Strecke zu verstehen, verändert sich die Vegetation ständig vor unseren Augen. Innerhalb kurzer Zeit passiert der Zug drei Klimazonen. In Chiayi waren wir noch von üppiger tropischer Vegetation mit Palmengärten, Reisfeldern und Gemüseanbau umgeben. Bei der Dulishan-Spirale beginnt ab einer Höhe von 750 Metern die subtropische Klimazone mit Teeplantagen, Bambus- und Eukalyptuswäldern. Und ab einer Höhe von 1.800 Metern ziehen die ersten einen Pulli über, denn der Alishan-Nationalpark begrüßt uns mit gemäßigtem Klima.


Übernachten in Alishan
Wir bleiben zwei Nächte in einem der zahlreichen Hotels im Dorf Zhongzheng direkt am Alishan-Bahnhof. Hier gibt es auch kleine Restaurants und einen 7-Eleven für Brotzeit und Getränke. Da Alishan ein begehrtes touristisches Ziel ist, sollte man das Hotel mehrere Monate im Voraus vorbuchen. Eine authentische Übernachtungsoption sind auch die zahlreichen Homestays und Guesthouses entlang der Bahnstrecke. Da sie oft malerisch inmitten von Teeplantagen liegen, sind sie ohne eigenes Fahrzeug nur schwer erreichbar. Bei der Buchung sollte man deshalb unbedingt darauf achten, dass der Vermieter einen Shuttleservice zum jeweiligen Bahnhof anbietet.
Im Zypressenwald


Zypressenwald, Sonnenaufgang und die Wanderung durch Teeplantagen: Ein straffes Zwei-Tages-Programm liegt vor uns. Im Zypressenwald schlängelt sich der Giant Trees Plank Trail zwei Kilometer lang über den Waldboden. Es duftet nach Pilzen und Moder. Ich genieße die Beschaulichkeit und atme die feuchte Luft ein, während die anderen schon zu den Riesenzypressen vorauseilen. Die taiwanischen Rot- oder Formosazypressen wachsen nur hier. Der Xianglin Giant Tree ist der älteste und höchste Baum im Nationalpark. Mit einer Höhe von 43,5 Metern reckt sich der über 1000-jährige Gigant in den Himmel. Sein Stamm ist so gewaltig, dass acht Menschen nötig sind, um ihn zu umfassen.
Über dem Wolkenmeer

In der Abenddämmerung legen sich erste Nebel um die Berge. Durch Zufall biege ich auf einen schmalen Seitenpfad ab und stehe plötzlich an einem versteckten Aussichtspunkt. Ich winke die anderen zu mir. Sprachlos vor Glück beobachten wir, wie die Sonne hinter den Bergketten versinkt und den Himmel und das Wolkenmeer unter uns in rotgoldenes Licht taucht. Die perfekte Einstimmung auf die legendäre Sea of Clouds am nächsten Morgen.
Es ist 4:30 Uhr und noch tiefschwarze Nacht, als wir zum Bahnhof aufbrechen. Alle sind auf den Beinen und strömen zum Zhushan Sunrise Train. Er startet täglich eine Stunde vor Sonnenaufgang und bringt uns auf 2.450 Meter Höhe. Als wir dort über Holzstege die 20 Minuten zur Aussichtsplattform laufen, dämmert es bereits zaghaft.

Ein überwältigendes Lichtspiel beginnt. Hinter der schwarzen Silhouette der Berge erscheint im Morgendunst ein Lichtpunkt. Während die Sonne versucht, durch die Morgennebel und die Wolken zu dringen, ist es ein Hoffen und Bangen. Aber vergebens. Die „Sea of Clouds“ unter uns wird heute nicht glühen. Wir sind etwas enttäuscht. Beim Frühstück begegnen wir zufällig dem taiwanischen Reiseleiter Yenn Bin Hwang. Er ist mit einer deutschen Gruppe unterwegs. Schmunzelnd erklärt er uns: „Die Chance, die ‚Sea of Clouds‘ in ihrer vollen Pracht zu erleben, liegt bei 1:10. Grämt euch nicht, ich habe sie auch erst zweimal gesehen – und ich war schon dutzende Male hier.“
Teegärten und Bambuswälder


Gut gestärkt brechen wir zur geplanten Wanderung durch die Teeplantagen nahe dem Dorf Shizhuo auf. Wir erreichen es mit dem Bus. Der Sakura- und der Sunset-Tea-Trail liegen auf rund 1.400 Metern Höhe. Hier wird der berühmte Alishan-Hochland-Oolong angebaut. Der gut ausgeschilderte Wanderweg schlängelt sich durch terrassierte Teegärten, vorbei an Bambuswäldern und kleinen Bauernhöfen. Immer wieder eröffnen sich Ausblicke auf die sanft geschwungenen Teefelder, die sich wie Wellen über die Hügel ziehen.

In einem traditionellen Teehaus ist Zeit für eine Pause. Während wir bei mehreren Tassen dampfenden Oolong-Tees auf der Veranda sitzen und über die Plantagen blicken, denke ich darüber nach, welch unglaubliches Glück wir hier haben. Die Ruhe, die frische Bergluft und das sanfte Sonnenlicht: Gemeinsam erleben wir einen perfekten Moment, voller Vorfreude darauf, dass wir in wenigen Stunden wieder mit der Waldbahn fahren werden – diesmal bergab.
Titelbild: Die Alishan Forest Railway fährt durch drei Klimazonen mitten in Taiwans Bergwelt.
Bilder: Hans Nagel
Buchtipp
Stephan Thome, Pflaumenregen, Roman (2022). Stephan Thome erzählt eine berührende Familiengeschichte in Taiwan gegen Ende der japanischen Okkupation von den 1940er bis in die 1980er Jahre. Der Roman ist eine Liebeserklärung an Thomes Wahlheimat Taiwan.



