Santorini lebt seit Jahrzehnten von einem ikonischen Bild: weiße Häuser, blaue Kuppeln, die Caldera im Abendlicht. Doch wer länger bleibt, entdeckt hinter dem Mythos Menschen, Geschichten und Traditionen, die weit mehr bieten als schöne Fotomotive. Sie eröffnen eine andere Art des Reisens, bei der Natur, Kultur und persönliche Begegnungen neue Kraft schenken.
In Oia beginnt der Kampf um den Sonnenuntergang schon lange bevor die Sonne den Horizont berührt. Kreuzfahrtgäste, Instagramer, Tagesausflügler und Kurzurlauber drängen sich zu Hunderten durch die engen Gassen, besetzen Treppen und Mauervorsprünge, rangeln um die besten Plätze. Wer einen freien Blick ergattert hat, verteidigt ihn gegen die Nachrückenden. Schließlich will jeder genau das Foto mit nach Hause nehmen, das Santorini zu einer der begehrtesten Sehnsuchtsinseln der Welt gemacht hat.

Und tatsächlich: Wenn die Sonne langsam über der Ägäis versinkt und die weißen Häuser am Rand der Caldera in goldenes Licht taucht, entfaltet sich ein Schauspiel von geradezu unwirklicher Schönheit. In solchen Augenblicken versteht jeder, weshalb dieser Sonnenuntergang längst zur Ikone geworden ist. Selbst das Gedränge kann ihm seinen Zauber nicht nehmen. Doch während die Besucher Bilder für ihre Instagram-Posts und Erinnerungsalben sammeln, droht Santorini mit jedem weiteren Foto ein Stück seiner Seele zu verlieren. Denn die findet sich nicht allein in den berühmten Ansichten, sondern vor allem bei den Menschen, die hier leben und die Geschichte der Insel bewahren. Genau das hat jetzt die Greek National Tourism Organisation (GNTO) zum Thema ihres internationalen Tourismus-Forums auf Santorini gemacht. Reise-Stories war dort ebenfalls eingeladen.


Denn die Seele Santorinis findet sich anderswo: Bei Winzern, die ihre Reben seit Generationen zu niedrigen Körben flechten, damit der Wind ihnen weniger anhaben kann. Bei Bauern, die dem kargen vulkanischen Boden Tomaten und Fava abringen. Bei Musikern wie Yannis Pantazis, die alte Klänge wieder lebendig werden lassen, und bei Familien, die ihre Canavas öffnen und damit ein Stück Santoriner Lebensart erhalten. Wer ihnen begegnet, entdeckt eine Insel, deren Schönheit weit über die Landschaft hinausreicht. Und eine andere Form des Reisens, die nicht möglichst viele Eindrücke in möglichst kurzer Zeit verspricht, sondern Raum schafft für Natur, Kultur, Begegnungen und neue Kraft. Genau darin könnte auch Santorinis Zukunft liegen.
Andreas Fiorentinos: Mehr als Sonne und Meer
Andreas Fiorentinos kennt die Anziehungskraft der berühmten Bilder. Als Generalsekretär der griechischen Tourismusorganisation GNTO will er beim Tourismusforum auf Santorini den Mythos der Insel nicht infrage stellen, sondern den Blick auf das erweitern, was sich dahinter verbirgt. Die Erdbebenserie Anfang 2025 hat Santorinis Tourismus empfindlich getroffen. Die Zahl der Ankünfte ging zurück, doch die Aufenthaltsdauer nahm zu. Gleichzeitig wuchs das Interesse an der Geschichte der Insel. Nach Florentinos’ Angaben stiegen die Besuche der archäologischen Stätte Akrotiri in den ersten Monaten 2026 um 27 Prozent.



Drei Begriffe bestimmen Fiorentinos’ Überlegungen zur touristischen Zukunft auf der Kykladen-Insel: Zeit, Raum und Wert. Zeit steht für eine längere Saison jenseits der Sommermonate, Raum für die Verteilung der Besucher über die Insel. Und Wert bedeutet, dass neben den Ankunftszahlen die Qualität des Aufenthalts und der wirtschaftliche Nutzen für die Einheimischen zählen.

Andreas Fiorentinos setzt auf Gäste, die länger bleiben, mehr entdecken und örtliche Betriebe besuchen. Dabei will er Santorinis berühmte Identität keineswegs aufgeben. Sie gehört schließlich zu den größten Stärken der Insel. Vielmehr soll Santorini künftig „vollständiger“ werden, wie er es in seinem Vortrag auf dem Forum formuliert. Was das bedeuten könnte, erlebe ich während meiner Reise bei Menschen, die sich auf recht unterschiedliche Weise für die Zukunft ihrer Insel einsetzen.
Was findet ein erschöpfter Mensch auf Santorini?
Mich interessiert beim Forum, welche Möglichkeiten diese Entwicklung für regeneratives Reisen eröffnet. Wer unter beruflichem Druck, ständiger Erreichbarkeit und digitalen Reizen leidet, sucht im Urlaub schließlich nicht nur Unterhaltung, sondern Abstand und neue Kraft. Ich frage Andreas Fiorentinos nach Erlebnissen jenseits der bekannten Aussichtspunkte. „Da gibt es wirklich sehr viel mehr“, sagt er zur Beschränkung auf Strand, Nachtleben und Sonnenuntergänge, die viele Gäste pflegen. Er nennt Kulinarik, Wanderungen, Archäologie und die vulkanische Geschichte. Vor allem aber empfiehlt er: „Versuchen Sie als Tourist, ein Stück weit so zu leben wie die Menschen hier.“

Eine bemerkenswerte Empfehlung aus dem Mund eines Tourismusmanagers. Denn wer das Leben der Einheimischen kennenlernen möchte, muss zunächst bereit sein, den eigenen Reiseplan etwas lockerer zu nehmen. Statt von einer Sehenswürdigkeit zum nächsten Foto-Hotspot zu eilen, braucht es Zeit für Begegnungen, für eine Wanderung durch die Landschaft oder für einen Nachmittag in einer alten Canava.
Gerade darin liegt eine Chance für regeneratives Reisen. Bewegung in der Natur, bewusstes Essen, kulturelle Erfahrungen und persönliche Gespräche können helfen, Abstand vom Alltag zu gewinnen. Die Gäste erleben die Insel intensiver und kommen zugleich mit Menschen in Kontakt, die sonst kaum vom schnellen Besucherstrom profitieren. Auch die berühmte Caldera lässt sich neu entdecken: vom Meer aus, bei einer Fahrt zu den Vulkaninseln. Erst aus dieser Perspektive zeigen die mächtigen Gesteinsschichten, wie Santorinis bewegte Erdgeschichte seine Landschaft geformt hat.
Ein Kreuzfahrtschiff fährt wieder. Ein Hotel bleibt.
Santorinis Bürgermeister Nikos Zorzos beschäftigt vor allem die Frage, wie viel Tourismus die Insel verträgt. „Die Kreuzfahrtpassagiere sind das Einfachste, was sich auf der Insel regulieren lässt“, erklärt er beim Forum. Seit Anfang 2025 gilt eine Obergrenze von vier Schiffen und 8.000 Kreuzfahrtgästen pro Tag. Damit ließ sich der Andrang an besonders starken Tagen verringern. Größere Sorgen bereitet Zorzos die Bebauung: „Wenn wir immer neue Hotels bauen, wird sich die Landschaft verändern. Und wir können nicht mehr zu ihrem früheren Erscheinungsbild zurückkehren.“ Die Gemeinde hat deshalb einen Baustopp für weitere Hotels gefordert.

Zorzos spricht über eine Gefahr, die sich hinter den steigenden Einnahmen aus dem Tourismus leicht übersehen lässt. Die besondere Landschaft Santorinis ist schließlich nicht nur eine touristische Attraktion, sondern auch Lebensraum seiner Bewohner. Jeder neue Bau verändert das Verhältnis zwischen Natur, Dörfern und touristischer Nutzung. Wie sehr touristischer Erfolg und der Schutz der Insel auseinanderklaffen können, zeigt auch der Müll, der sich abseits der berühmten Aussichtspunkte findet. Während Santorini Millionen Besucher mit seiner einzigartigen Landschaft begeistert, erinnern achtlos zurückgelassene Abfälle daran, dass deren Schutz weit mehr verlangt als eine Begrenzung der Kreuzfahrtpassagiere oder neue Bauvorschriften.

Dabei besitzt Santorini mit seinen vielen kleineren, oft familiengeführten Hotels und Gästehäusern eine gute Grundlage für eine andere touristische Entwicklung. Sie könnten ihren Gästen mehr persönliche Kontakte vermitteln, örtliche Produzenten einbeziehen und Besuche in den Dörfern oder Weinbergen ermöglichen. Ein Urlaub, bei dem die Menschen mehr von der Insel kennenlernen, ohne dass dafür immer neue Hotelanlagen entstehen müssen.
Georgia Nomikou will die Besucher weiterführen
Georgia Nomikou, Vorsitzende des Tourismusausschusses von Santorini, will aus der neuen Strategie konkrete Angebote machen, die Gäste über die bekannten Aussichtspunkte hinausführen. „Santorini muss nicht noch berühmter werden“, erklärt sie beim Forum. Ihr Ziel ist es, den Menschen Gründe zu geben, länger zu bleiben, weitere Orte kennenzulernen und der Insel verbunden zu bleiben.
In fünf Dörfern sollen zusätzliche Beschilderungen und Informationen die Geschichte der Häuser, Plätze und Kirchen erschließen. Kulturelle Wege und Wanderstrecken sollen helfen, abseits der meistbesuchten Orte auf Entdeckung zu gehen. „Eine erfolgreiche Destination braucht sowohl starke Werbung als auch ein gutes Management“, betont Nomikou. Dazu gehören eine bessere Besucherlenkung und die Zusammenarbeit mit örtlichen Betrieben und kulturellen Einrichtungen.


Besonders reizvoll sind die alten Wege, die Santorinis Dörfer und landwirtschaftliche Flächen miteinander verbinden. Sie führen vorbei an kleinen Kapellen und historischen Bauernhäusern, von denen einige bis ins 16. und 17. Jahrhundert zurückreichen. Wer ihnen folgt, entdeckt die Insel zu Fuß, begegnet ihren Weinbergen und Feldern und erlebt eine Landschaft, die weit mehr erzählt als die berühmten Panoramen der Caldera.
Gerade für Menschen, die Santorini bewusst erleben möchten, könnte daraus ein Gewinn entstehen. Alte Dörfer, Wanderwege und kleine Kulturzentren bieten Raum für Bewegung, Entdeckungen und Begegnungen, ohne dass die Insel dafür weitere spektakuläre Attraktionen erfinden müsste. Einen besonders eindrucksvollen Vorgeschmack darauf bekommen wir in Megalochori.
Santorini lässt sich auch hören
Yannis Pantazis ist Musiker, Komponist und Instrumentenbauer. Gemeinsam mit Argy Kakissis betreibt er das Kulturzentrum Symposion in Megalochori, untergebracht in einer ehemaligen Weinwirtschaft. Dort nimmt er seine Besucher mit auf eine musikalische Reise durch die griechische Mythologie und Geschichte.

Wie weit seine Kunst inzwischen reicht, zeigt sich, als er zur Doppelflöte greift und für uns Besucher seine eigene Komposition aus Ridley Scotts Hollywoodfilm „Gladiator II“ spielt. Das Stück „Callista on Double Syrinx“ hat er eigens für den Film komponiert und eingespielt. Heute spiel er es vor seinen Gästen auf jenem Instrument, dessen Ursprünge bis in die Antike zurückreichen. Yannis erklärt die Herkunft seiner Instrumente und lässt seine Gäste erleben, wie lebendig diese Musiktradition geblieben ist.



Auf einer Insel, die ihre Besucher vor allem mit grandiosen Bildern beeindruckt, öffnet das Symposion einen anderen Zugang: Santorini lässt sich auch hören. Das Erlebnis verlangt kein hektisches Weiterziehen zum nächsten Aussichtspunkt, sondern die Bereitschaft, sich für eine Weile ganz auf die Musik einzulassen. Yannis beschäftigt sich allerdings nicht nur mit den alten Instrumenten, wie der Leier, die der Sage nach einst der Gott Apollon spielte. Ihn interessiert ebenso, wie die Menschen früher auf Santorini lebten, wie sie ihre Häuser bauten und dem kargen Boden ihre Nahrung abgewannen.
„Beginne an einem stillen Ort und lerne, wie die Insel gebaut wurde“
Bei meinem Besuch frage ich ihn, wo Reisende das echte Santorini jenseits der bekannten Aussichtspunkte entdecken können. Seine Antwort stellt eine verbreitete Vorstellung vom ursprünglichen und vom touristischen Santorini auf den Kopf. „Die Grenze zwischen dem echten und dem inszenierten Santorini hat nichts mit der Geografie zu tun“, sagt er. „Entscheidend ist, wie man einen Ort betritt und wonach man sucht.“
Ausgerechnet Oia führt er als Beispiel an. Dort fertigt Iota ihre Taschen von Hand, ein Gelatiere hat in Bologna sein Handwerk gelernt und betreibt sein Geschäft im Haus seiner Familie. Im Domus K 1885 verarbeitet ein Künstler vulkanisches Material in seinen Bildern. Geschichten wie diese geraten leicht in Vergessenheit, wenn Besucher ausschließlich nach den berühmten Fotomotiven suchen. „Deshalb sage ich niemandem, er soll Oia auslassen“, sagt Yannis. „Ich sage ihm, er muss es sich erst verdienen.“


Was er damit meint, erklärt er gleich mit: „Beginne an einem stillen Ort und lerne, wie die Insel gebaut wurde und wie sie ohne Wasser überlebt. Wenn du danach zu den blauen Kuppeln kommst, bedeutet dir das Foto etwas.“ Das ist ein bemerkenswerter Gedanke. Yannis möchte den Besuchern nicht die Freude an Santorinis Schönheit nehmen. Er will ihnen zeigen, wie viel reicher diese Schönheit wird, wenn sie die Geschichte der Menschen dahinter kennen.
Was die alten Häuser über Lebensqualität erzählen
Viele der traditionellen Häuser Santorinis wurden in vulkanisches Gestein gegraben. Gewölbte Decken, dicke Wände und geschützte Eingänge zeugen von jahrhundertelanger Erfahrung mit Hitze, Trockenheit und Wind. Yannis hält diese Architektur für eines der unterschätzten Kulturgüter der Insel.
„Die Häuser Santorinis gehören zu den frühesten Beispielen dafür, wie Menschen von natürlichen Höhlen zu selbst gebauten Höhlenräumen übergingen“, erklärt er. Vor allem aber beschäftigt ihn, wie sich die besondere Architektur auf das Wohlbefinden ihrer Bewohner auswirkt. „Die Wissenschaft, wie diese Häuser funktionieren und was sie mit dem menschlichen Körper machen, verdient viel mehr Aufmerksamkeit.“

Tatsächlich nutzt die traditionelle Bauweise Eigenschaften des Gesteins, die heute wieder interessant werden. Die dicken Wände und die Lage der Räume helfen, die Temperaturen auszugleichen und die Bewohner vor sommerlicher Hitze zu schützen. Wer sich durch Megalochori führen lässt und diese Bauweise kennenlernt, entdeckt deshalb weit mehr als ein schönes Dorf. Die alten Häuser erzählen von einer Lebensweise, in der sich Architektur, Klima und Alltag auf bemerkenswerte Weise ergänzten. Eine ähnliche Erfahrung wartet draußen auf den Feldern.
Die Reben ducken sich vor dem Wind
Regen fällt selten, die Sonne brennt auf die vulkanischen Böden, und der Wind macht den Bauern das Leben schwer. Die Winzer flechten ihre Reben deshalb zu niedrigen Körben, den *Kouloura*, in denen Trauben vor Wind und intensiver Sonne geschützt reifen. Statt aufrecht stehender Rebreihen liegen die Pflanzen dicht über dem Boden.

Viele von ihnen sind ungewöhnlich alt. Die vulkanischen Böden Santorinis blieben weitgehend von der Reblaus verschont, die im 19. Jahrhundert große Teile des europäischen Weinbaus zerstörte. Vor allem die weiße Assyrtiko-Traube hat den Wein der Insel international bekannt gemacht. Hinter den Reben stehen Familien, die ihr Wissen über Generationen weitergaben: Canava Roussos in Episkopi Gonia besteht seit 1836, Gavalas in Megalochori blickt ebenfalls auf eine lange Geschichte zurück. Paris Sigalas begann nach Domaine Sigalas mit Oeno P ein kleineres Weinprojekt.
Ein Weingut zum Preis eines Kleinwagens
Theodor, Önologe und Hotelmanager des Weinguts Atali, erzählt eine Geschichte aus Santorinis Vergangenheit. Das Anwesen blickt auf rund 400 Jahre Weinbautradition zurück. Nach dem schweren Erdbeben von 1956 verließen viele junge Menschen die Insel und verkauften ihren Besitz, um in Athen ein besseres Leben zu suchen. Dazu gehörten zwei Brüder, denen das Weingut gehörte. Sie erhielten dafür den Gegenwert eines kleinen Autobianchi, erinnert sich Theodor. Die Familie Iliopoulos ging den umgekehrten Weg: Sie kam aus Athen und kaufte das Anwesen, um ihm eine Zukunft zu geben.




1993 öffnete das Weingut für Besucher. Heute gehören ein Hotel mit 14 Zimmern, ein Restaurant und Veranstaltungsräume dazu; Wein produziert Atali seit 2001 aber nicht mehr. „Es gibt nicht mehr viele Weinkeller in diesem Stil und dieser Größe auf Santorini“, erzählt Theodor. Die meisten wurden aufgekauft und in Hotels verwandelt. Rund 15 Weinproduzenten verblieben nach Theodors Angaben auf Santorini. Der Weinpfad der Insel soll künftig unter einem eigenen Namen bekannter werden – und Besucher zu Weinen, Landschaft und Winzergeschichten führen.
Neben Wein gedeihen auf den kargen Böden Santorinis auch Tomaten und Fava. Inzwischen wagen sich einzelne Landwirte sogar an neue Kulturen. So baut Arsenios Matsanto aus Akrotiri erfolgreich Drachenfrüchte an. Welche Bedeutung dagegen der Tomatenanbau früher für die Insel hatte, erfahren wir in Vlychada. Dort erzählt die ehemalige Fabrik der Familie Nomikou von einer Zeit, in der Santorini noch stärker von der Landwirtschaft als vom Tourismus lebte.
Schon die Fahrt nach Vlychada führt durch eine Landschaft, die von Santorinis vulkanischer Vergangenheit erzählt. An der Küste haben Wind und Erosion die hellen Ablagerungen über Jahrhunderte zu bizarren, beinahe skulpturalen Felsformationen geformt. Gleich in der Nähe liegt die ehemalige Tomatenfabrik der Familie Nomikos, in der wir einer ganz anderen Geschichte der Insel begegnen.



Vani Nomikou will Santorinis Gedächtnis bewahren
Vani Nomikou führt uns durch die ehemalige Fabrik ihrer Familie, in der einst die kleinen Santorini-Tomaten zu Tomatenmark verarbeitet wurden. Die Maschinen stehen noch an ihrem Platz und erinnern an eine Zeit, in der die Landwirtschaft für viele Familien die wichtigste Lebensgrundlage war.

„Das war die zweite Fabrik der Familie“, erzählt Vani. „Die erste entstand 1922. Diese hier wurde 1945 von George Nomikou gebaut.“ Jahrzehntelang wurden in Vlychada Tomaten verarbeitet, bis der Tourismus die wirtschaftlichen Verhältnisse veränderte. „Mit dem großen Boom des Tourismus ging die Tomatenproduktion stark zurück“, erinnert sich Vani. In den 1980er-Jahren schloss die Fabrik; das Unternehmen produzierte fortan auf dem Festland und exportiert heute einen Großteil seiner Erzeugnisse.
Vani stammt von Kefalonia, war Tänzerin und führte in Athen eine Ballettschule. Durch ihren Mann Petros, dessen Familie die Fabrik gehört, kam sie nach Vlychada und erkannte im stillgelegten Gebäude eine Chance für Kultur und Begegnung. 2014 eröffneten das Tomato Industrial Museum und die Santorini Arts Factory. Vani wollte damit mehr als eine Attraktion schaffen: „Santorini hatte zwei Pole“, erzählt sie. „Den der Touristen und den der Menschen, die hier leben. Zwischen beiden lag eine sehr große Distanz.“
Diese Kluft will sie verringern und Santorinis Geschichte bewahren. „Wir haben Akrotiri, die byzantinischen Kirchen, die Weingüter, die Industriegeschichte und die Seefahrt“, zählt sie auf. „Santorini ist unglaublich reich an Geschichte. Aber wir vergessen das, weil alle nur noch den Hotels und Touristen hinterherlaufen.“



Als ich anmerke, dass diese Geschichte auch für Besucher interessant sei, setzt Vani eine klare Priorität: „Ich möchte, dass alle die Geschichte kennenlernen. Nicht zuerst die Ausländer, sondern die Menschen hier. Die Kinder der Insel.“ Deshalb organisiert das Museum im Winter Bildungsprogramme über frühere Berufe und den Alltag vor dem Aufstieg des Tourismus. Erst wenn die Santoriner ihre Geschichte selbst wieder kennen, können sie diese überzeugend mit den Besuchern teilen. „Darauf müssen wir uns zuerst konzentrieren. Dann können wir sie auch an andere weitergeben“, sagt Vani.
Das echte Santorini erleben
Vani gibt der Diskussion über regeneratives Reisen eine neue Wendung. Gewöhnlich steht der Gast im Mittelpunkt, der Abstand und neue Kraft sucht. Doch was gewinnen die Menschen am Reiseziel, wenn ihre Dörfer zunehmend den Bedürfnissen der Besucher dienen? Vani stärkt mit ihrem Museum das kulturelle Gedächtnis Santorinis, ohne den Tourismus als Gegner zu betrachten. „Der Tourismus gibt uns überhaupt erst die Möglichkeit, solche Dinge für das Museum und für Santorini zu machen“, erklärt sie.

Zugleich beobachtet sie eine Veränderung bei den Gästen. „Ich glaube, der Tourismus verändert sich. Wir haben in Europa inzwischen von vielem genug. Jetzt wollen die Menschen wieder näher an das Echte heran, an die Menschen, die Natur und die Geschichte.“Vani spricht aus ihrer Erfahrung mit Besuchern und Schulklassen. Sie möchte beides zusammenbringen: Reisende, die mehr über Santorini erfahren wollen, und Einheimische, die ihre Geschichte neu entdecken. Das Museum wird damit zu einem Ort, an dem nicht allein Gäste etwas gewinnen, sondern auch die Insel selbst. Wie lebendig diese Form der Begegnung sein kann, erleben wir gleich im Anschluss an die Führung.
Santorini selbst zubereiten
Nach der Führung bereiten wir in der ehemaligen Fabrik die traditionellen Tomatenküchlein *Domatokeftedes* zu: aus gehackten Tomaten, Minze, roten Zwiebeln, Lauchzwiebeln, etwas Mehl, Backpulver, Salz und Pfeffer. Dazu gibt es noch Fava, das traditionelle griechische Püree aus der gelben Platterbse, die seit mehr als 3.500 Jahren auf der Vulkaninsel angebaut wird. Die Zutaten sind einfach, aber lecker. Und nach dem Besuch der alten Maschinen und Vanis Erzählungen schmeckt das Gericht ohnehin nach mehr als Tomaten und Erbsen: Es erinnert an eine Landwirtschaft, von der einst viele Familien lebten.

Beim gemeinsamen Kochen greifen wir selbst zu den Zutaten, riechen die frischen Kräuter und erfahren, wie ein einfaches Rezept zum kulinarischen Erbe einer ganzen Insel werden konnte. Die Beschäftigung mit einer einzigen Tätigkeit schafft eine Aufmerksamkeit, die zwischen den üblichen Sehenswürdigkeiten oft verloren geht.
Die nächste Generation entdeckt ihre Wurzeln
Auch junge Santoriner wenden sich wieder den Betrieben ihrer Familien zu. Adonis Orfanos, 24, sucht Freiwillige für den Erhalt alter Weinberge und öffnet die Canava seiner Familie für Besucher. In Pyrgos ziehen die Brüder vom Betrieb Kissiras Microgreens, halten Hühner und kochen nach Familienrezepten.
In Messaria führt Loukas Lygnos die Destillerie seines Vaters weiter. Schon als Elfjähriger stellte er Ouzo her. Heute sammelt er außerdem Werkzeuge von Fassmachern, Korbflechtern und Bauern, deren Handwerk einst zum Inselalltag gehörte. „Jede Familie hier hat eine Geschichte zu erzählen“, beschreibt Yannis die Entwicklung. „Santorini muss den mutigen Schritt gehen und aufhören, die Produkte des Massentourismus von anderswo zu kopieren.“ Für ihn liegt die Chance in den Menschen und ihren Kenntnissen, wenn sie wieder stärker zusammenarbeiten.
Drei Tage, die länger nachwirken
Zum Abschluss unseres Austauschs frage ich Yannis, was Reisende in drei Tagen auf Santorini erlebt haben sollten, wenn sie mehr mitnehmen möchten als schöne Erinnerungsfotos. Seine Antwort hat wenig mit den üblichen Empfehlungen in Reiseführern zu tun. „Bevor du abreist, solltest du echte Musik von Santorini gehört haben, nicht nur Syrtaki“, schreibt Yannis. Dazu gehören Wein, Tomatenküchlein, Tomatenmarmelade und Fava, ein Glas Tsikoudia und die Erzeugnisse junger Landwirte.
„Du solltest etwas mit deinen eigenen Händen gemacht haben. Du solltest gelernt haben, unter die Oberfläche zu schauen und die Geschichte Stück für Stück zusammenzusetzen.“ Vor allem aber: „Du solltest Santorinis Widerstandskraft verstehen, nicht nur seine Schönheit.“ Santorinis Menschen haben Vulkanausbrüche, Erdbeben, Trockenheit und wirtschaftliche Umbrüche erlebt. Auch der Tourismus verlangt neue Antworten, wenn die Insel für ihre Bewohner lebenswert bleiben soll.

Am Abend drängen sich in Oia wieder Hunderte Menschen vor den blauen Kuppeln. Die Sonne sinkt über der Caldera, und jeder möchte das weltberühmte Bild mit nach Hause nehmen. Wer, wie ich, zuvor mit Yannis gesprochen, die alten Canavas besucht oder von Vani die Geschichte der Tomatenfabrik erfahren hat, sieht die Kulisse mit anderen Augen. Hinter dem Bild erkennt er nun auch die Menschen, deren Leben und Arbeit Santorini geprägt haben.
Genau deshalb nehme auch etwas anderes mit nach Hause: die Erinnerung an Begegnungen, die meinen Blick geweitet haben, an berührende Stunden in der Natur, an herzergreifende Musik, gemeinsame Mahlzeiten und Erfahrungen, die im gewohnten Alltag kaum Platz finden.
Santorini muss seinen Mythos nicht abschaffen. Die Schönheit seiner Landschaft bleibt ein Geschenk. Die Chance liegt vielmehr darin, dass Reisende nicht nur Bilder mit nach Hause nehmen, sondern etwas von der Seele der Insel – und dass ihre Bewohner dabei selbst wieder mehr gewinnen.

Weitere Informationen: Santorini bewusst erleben
Die beste Reisezeit: Im Frühjahr und Herbst lässt sich Santorini abseits des sommerlichen Andrangs entdecken. Die Temperaturen eignen sich besonders für Wanderungen, Dorfbesuche und Ausflüge zu Winzern und örtlichen Produzenten.
Symposion in Megalochori: Yannis und Argy Kakissis verbinden in ihrem Kulturzentrum Musik, traditionelle Instrumente und griechische Mythologie. Neben musikalischen Aufführungen gibt es Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden.
www.symposionsantorini.com
Tomato Industrial Museum in Vlychada: Die ehemalige Fabrik der Familie Nomikos zeigt die Geschichte der Tomatenproduktion und bietet einen Einblick in Santorinis frühere Arbeitswelt. Die Santorini Arts Factory ergänzt das Museum um Kunst und kulturelle Veranstaltungen.
Wein und Landwirtschaft: Familienweingüter wie Canava Roussos und Gavalas vermitteln, wie eng Santorinis Weine mit dem vulkanischen Boden und der besonderen Anbauweise verbunden sind. Für Führungen und Verkostungen empfiehlt sich eine frühzeitige Anmeldung.
Natur und Bewegung: Wanderungen durch die Vulkanlandschaft, Spaziergänge durch Megalochori und andere alte Dörfer sowie Begegnungen mit örtlichen Bauern und Handwerkern eröffnen einen Zugang zur Insel, bei dem bewusstes Erleben wichtiger wird als ein möglichst dichtes Besichtigungsprogramm.



