Wenn die Berghütte zur Sterneküche wird

Wer bei Ischgl lediglich an Skipisten, Aprés-Ski-Trubel und Winter-Jet-Set denkt, kennt nur eine Seite der Medaille: Denn sobald der Schnee schmilzt, verwandelt sich das Paznauntal in ein Reich für Mountainbiker, Wanderer und Genießer. Zwischen flowigen Trails, hochalpinen Gipfeltouren und einem Hüttenfest mit Sternekoch Patrick Raaß konnte ich an einem einzigen Wochenende die Vielfalt dieser Region im Sommer nachhaltig erleben.

Ein Tal für zwei Jahreszeiten

Das Paznaun bei Ischgl ist eines jener Alpentäler, die es geschafft haben, sich vom reinen Wintersportort zu einer echten Ganzjahresdestination zu entwickeln. Rund um Ischgl liegen mittlerweile 754 Mountainbike-Kilometer auf 28 Strecken und neun Trails, gut beschildert und für nahezu jedes Können ausgelegt. Wer lieber zu Fuß unterwegs ist, findet über 400 Kilometer markierte Wander- und Höhenwege, die von gemütlichen Talrunden bis zu hochalpinen Gipfelzielen jenseits der 3.000-Meter-Marke reichen. Die Bergbahnen, im Winter für Skifahrer reserviert und ein nicht unwesentlicher Kostenfaktor, transportieren im Sommer Wanderer und Fahrradfahrer mit ihren Bikes kostenlos, sofern sie mindestens eine Übernachtung in einem Silvretta-Card-Partnerbetrieb buchen.

E-Biken im Paznaun; Foto: Udo Schwickal

Galtür – das neue Trail-Mekka

Den Auftakt für mein verlängertes Sommerwochenende im Paznaun macht eine kurze E-Montainbike-Tour von Ischgl hinüber nach Galtür.  Die rund neun Kilometer lange Strecke, die parallel zur Hauptstraße verläuft, bietet einen sanften Einstieg, der die Beine auflockert und gleichzeitig den ersten Blick auf die umliegende Bergwelt freigibt. Galtür selbst hat sich in den letzten Jahren zu einem eigenen kleinen Bike-Hotspot entwickelt. Im Trailpark Silva Trails stehen sowohl einfache als auch anspruchsvolle Routen zur Auswahl, die als Teil der Tirol Regio Bike+ Card den ganzen Sommer über unbegrenzten Trailspaß zu Vorzugspreisen bieten.

Da ich mit dem geliehenen Fully-E-Bike noch nicht ganz vertraut bin, entscheide ich mich zunächst für den Alpkogel Trail, der über 6,7 Kilometer und rund 300 Höhenmeter geht und als sehr leicht eingestuft ist, was ich so nicht ganz unterschreiben kann. Ich muss mich ziemlich konzentrieren, um auch bei den schmalen Stellen das Gleichwicht zu halten und nicht in der Abgrenzung aus Steinbrocken zu landen. Aber vermutlich fehlt mir einfach noch die Übung. Wer sich allerdings mehr zutraut und es etwas ruppiger mag, findet in der Umgebung genügend anspruchsvollere Strecken, wie etwa den Bergli Trail oder kann sich gleich an der Ischgl Ironbike Strecke versuchen, die auf 83 Kilometern 3300 Höhenmeter überwindet.

Der Autor unterwegs auf dem Alpkogel Trail, Foto: Udo Schwickal

Unsere Gruppe ist allerdings mehr am Genuss als an der Herausforderung orientiert und so beschränken wir unsere Trail-Erlebnisse auf das Einsteiger-Level. Dafür haben wir noch genug Kondition für ein ausgiebiges traditionelles Hüttenessen im Weiberhimmel, dem legendären Hotspot im Winter für Après-Ski-Partys, und mit Blick auf das Paznauntal.

Geselligkeit bei einem Hüttenbesuch gehört im Paznaun zu jeder Tour dazu; Foto: Udo Schwickal

Genusstour: Mit dem E-Bike zur Heidelberger Hütte

Der zweite Tag beginnt früh und ambitioniert: Von Ischgl aus geht es gemeinsam mit dem E-Bike hinauf zur Heidelberger Hütte, einem der bekanntesten Ganzjahresstützpunkte der Region. Wir schaffen die rund 14 Kilometer lange Strecke und insgesamt 920 Höhenmeter dank unseres E-Motors in eineinhalb Stunden. Da ich die Gegend nur im Winter kenne – ich war dort einmal auf einem einwöchigen Skitourenkurs – bin ich völlig fasziniert von der vielfältigen Natur um diese Jahreszeit. Das Fimbatal dient auch als Hochalpe für einige ortsansässige Bauern. Die zahlreichen Weidetiere auf den grünen Almwiesen umgeben vor einer beeindruckenden Bergkulisse vermitteln mir das Gefühl auf einer Ranch in Oklahoma zu stehen.     

Dann taucht die Heidelberger Hütte als unser Etappenziel auf. Sie liegt auf 2.264 Metern mitten in der Silvretta-Gruppe, und ist die einzige Alpenvereinshütte des Deutschen Alpenvereins auf Schweizer Staatsgebiet, direkt am Fuß des majestätischen 3.399 Meter hohen Fluchthorns. Diese geografische Eigenheit macht die Heidelberger Hütte zu etwas Besonderem: Hier verschwimmen Landesgrenzen und österreichische Gastfreundschaft trifft auf Schweizer Hochgebirgspanorama.

Faszinierende Geschichten rund um Kräuter

Für Biker ist die Hütte ein beliebtes Etappenziel, für Wanderer der Ausgangs- oder Endpunkt mehrtägiger Touren durch die Silvretta. Von Ischgl aus führt der klassische Wanderweg durchs Fimbatal vorbei an Bodenalpe, Gampenalpe und Fimba Alpe, bevor nach rund vier Stunden die Hütte erreicht wird. Für alle, die lieber in die Pedale treten, verkürzt sich die Anfahrt entsprechend, doch der Ankunftsmoment bleibt derselbe: Nach dem letzten Anstieg öffnet sich der Blick auf ein Hochtal, das so unberührt wirkt, als hätte sich hier seit Jahrzehnten nichts verändert.

Nach unserer Ankunft gegen zehn Uhr morgens stehen unserer Gruppe zwei Aktivitäten zur Auswahl: Wer es etwas ruhiger mag, kann sich in einem Kletterkurs für Anfänger an einem Felsen im Umfeld der Hütte versuchen. Wer wie ich noch genug Kondition hat und mehr von der beeindruckenden Gegend entdecken möchte, entscheidet sich für die geführte Bergtour zu einem nahegelegenen 3.000er Gipfel. Leider müssen wir die Tour vor dem Gipfel abbrechen, da Gewitter gemeldet sind und unser Bergführer kein unnötiges Risiko eingehen möchte.  Schließlich verlangt die Tour Trittsicherheit und alpine Erfahrung. Zudem führt sie in eine Höhenlage, in der sich schlechtes Wetter schnell zu einer lebensgefährlichen Situation entwickeln kann.

Da wir also etwas früher als geplant zur Hütte zurückkehren, können wir noch vor dem Regen an einer Kräuterführung teilnehmen. Die einheimische Expertin kann zu wirklich jeder Pflanze eine faszinierende Geschichte erzählen. Am meisten beeindruckt mich der Blaue Eisenhut, der in der Umgebung überall wächst und mit seinen auffälligen violetten Blüten gleich ins Auge sticht. Es hat allerdings einen Grund, warum die Kühe gerade dieses Kraut meiden: Sie ist die giftigste Pflanze Europas und der böse Spruch „Blumenstrauß für die Schwiegermutter“ rührt nicht von ungefähr.   

Die Kräuterfee erzählt faszinierende Geschichten über die Gebirgskräuter und -pflanzen; Foto: Udo Schwickal

Ausklang des eindrucksvollen Tages ist ein gemeinsames Abendessen in der Hütte, die für ihre Kulinarik bekannt ist. Das geplante Lagerfeuer mit musikalischer Umrahmung muss aufgrund des schlechten Wetters leider ausfallen. Nach einem leckeren Drei-Gänge-Menü und dem obligatorischen Schnaps heißt es um 22 Uhr Hüttenruhe und wir beziehen unser Vierbettzimmer. Es ist genau diese Rustikalität fernab von Komfortzonen, die einen Hüttenaufenthalt zu einem besonderen Erlebnis machen.

Wenn Sternekoch Patrick Raaß auf die Hütte kommt

Am nächsten Tag ist strahlender Sonnenschein und so kann der kulinarische Höhepunkt des Wochenendes mit einem zünftigen Hüttenfrühstück beginnen. Ab elf Uhr dreißig verwandelt sich die Heidelberger Hütte dann in die Bühne für das eigentliche Highlight: das Hüttenfest mit Patrick Raaß. Der Koch, der die Gäste im Schlosshotel Ischgl sowohl in der Schlossherrnstube als auch in der Weinstube mit seinen Interpretationen begeistert, gilt als einer der profiliertesten Küchenchefs der Region. Sein Ansatz: beste Produkte aus der unmittelbaren Umgebung, veredelt mit einer Kreativität, die über die Landesgrenzen hinausdenkt. Die Auszeichnungen sprechen für sich – ein Stern im Guide Michelin 2025, vier Hauben im Gault & Millau 2025, ein Stern im Guide À la Carte 2025 und vier Gabeln im Falstaff 2026.

Kulinarik auf der Hütte: Foto: Udo Schwickal

Dass ein Koch dieses Kalibers seine Kunst auf eine Berghütte auf über 2.200 Metern bringt, ist längst nicht selbstverständlich – und Teil des Formats „kulinarisches Paznaun“ (siehe Kasten). Es ist eine Botschaft an alle, die glauben, dass gehobene Gastronomie und Berghütten-Romantik nicht zusammenpassen. Zwischen Holzbänken, offenem Kamin und dem Panorama der Silvretta-Gruppe entsteht ein Kontrast, der genau das einfängt, was moderner Bergsommer heute bedeutet: Genuss ohne Kompromisse, aber mit Bodenhaftung. Am Nachmittag heißt es für unsere Gruppe dann Abschied nehmen von der Hütte und es geht entspannt mit dem Bike nach Ischgl zurück.

Das Kulinarische Paznaun – wenn Spitzenköche auf die Alm ziehen

Das Hüttenfest mit Patrick Raaß ist kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Konzepts, das die Region seit über einem Jahrzehnt prägt: das „Kulinarische Paznaun”, früher unter dem Namen „Kulinarischer Jakobsweg” bekannt. Von Juli bis Oktober verwandelt sich das gesamte Tal in eine Bühne für alpine Kochkunst – sieben Hütten und Almen rund um Ischgl, Galtür, Kappl und See werden dabei je einem Spitzenkoch der Region anvertraut, der dort ein eigenes Sommergericht aus hochwertigen, regionalen Zutaten kreiert. Neben Patrick Raaß von der Schlossherrnstube zählen unter anderem Martin Sieberer von der Paznaunerstube, Benjamin Parth, Andreas Spitzer und Hermann Huber zu den beteiligten Köchen, unterstützt von den Nachwuchstalenten der #YoungChefsPaznaun.

Das Hüttenfest mit Patrick Raaß ist Teil eines größeren Konzepts; Foto: Udo Schwickal

Das Prinzip ist so einfach wie wirkungsvoll: Jedes Gericht bleibt den ganzen Sommer über auf der Speisekarte „seiner” Hütte – von Krautfleckerl mit Hirschschinken und Bergkäse-Schaum bis zu Kräuterferkel von der Dias-Alm. An ausgewählten Terminen, den sogenannten Hüttenfesten, kochen die Köche dann live vor Ort, oft begleitet von Livemusik. Den Auftakt der Saison bildet traditionell ein Genussmarkt im Kulturzentrum St. Nikolaus in Ischgl, bei dem alle Gerichte der Eventserie zum Vorkosten bereitstehen. Wer es noch bodenständiger mag, kommt beim Paznauner Markttag auf seine Kosten: Dort gibt es regionale Spezialitäten wie den echten Paznauner Almkäse und hausgemachte Köstlichkeiten direkt von den Erzeugern der Region.

Für Gäste bedeutet das: Wer im Sommer durchs Paznaun wandert oder mit dem Bike unterwegs ist, kann sein Bergerlebnis gezielt mit kulinarischen Stationen verknüpfen – die Hütten des Kulinarischen Paznaun sind sowohl zu Fuß als auch mit dem E-Bike gut erreichbar. Genau dieses Zusammenspiel aus Bewegung, Landschaft und Spitzenküche macht deutlich, warum das Tal seinen Ruf als reines Winterziel längst hinter sich gelassen hat.

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Heiner Sieger

Autor Kurzvorstellung:

Als Chefredakteur von Reise-Stories bewege ich mich aus München, so oft es der Beruf erlaubt, Richtung Berge und Meer, entdecke interessante Menschen und ihre Geschichten hinter Hoteltresen und Kochherden. Meine persönliche Leidenschaft gilt als ausgebildeter Mentaltrainer den Themen innere Gesundheit, Entspannung und Longevity.
Seit 40 Jahren Journalist, schreibe ich über aktuelle und brisante Themen in den Bereichen Digitalisierung, Wirtschaft, Gesundheit und Reise. Nach Stationen bei renommierten Tageszeitungen und Magazinen in Deutschland und der Schweiz bin ich heute hauptberuflich beim WIN-Verlag in der Vogel Communications Group Chefredakteur der Magazine Digital Business und e-Commerce-Magazin.

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

Dieser Beitrag enthält möglicherweise Inhalte, die im Rahmen einer bezahlten Kooperation mit Marken, Hotels oder Partnern entstanden sind.

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