Sardinien, in der Schnauze des Bären

Andra moi ennepe, Musa, polütropon. Ja, natürlich, dieser vielgewanderte Mann ist Odysseus. Und er soll auf dem Heimweg von Troia nach Ithaka unterhalb der Roccia del Orso angelandet sein. Aber nicht nur des griechischen Helden wegen suche ich den Bärenfelsen auf. Ich habe ihn vom sardischen Festland aus gesehen und von vielen Orten im Meer des Archipels La Maddalena.

Oft tauchte er hinter Inseln und Felsen auf, und oft dürfte er den Seefahrern als Orientierung auf ihrer Fahrt zu Italiens zweitgrößter Insel und darüber hinaus ins nahe Korsika gedient haben. Und warum nicht auch Odysseus?
Der Weg zum Capo d’Orso, an der Nordostküste der italienischen Mittelmeerinsel Sardinien, etwa drei Kilometer östlich der Hafenstadt Palau, auf einem 120 m hohen Granitrücken, war leicht zu finden und der Parkplatz zum Aufstieg auch. 3 Euro für einen Platz fürs Auto und weitere 3 Euro für den Zutritt zu dem Weg, der hoch zum Felsen führt. “Es dauert etwa 15 Minuten, und mein Rat, wenn Sie links über die Felsen steigen, sehen Sie den Orso am Besten,” “Grazie, va bene, und Odysseus?” “Che Odysseus?”.


Was stimmt im Land der Mythen und was nicht?

Der Bär entstand aufgrund einer besonderen Art der Verwitterung, Taffoni genannt. Sie beschreibt eine Auflösung des Steins gleichsam aus dem Innern des Felsen heraus, so entstanden Löcher und Formationen, die an Tiere erinnern oder die einfach nur schön sind, vor allem wenn sie sich gegen Wasser oder Himmel abheben. Das Capo d’Orso gilt als eines der Wahrzeichen des Gebietes Gallura und ist Teil der Küstenlandschaft im Norden der Costa Smeralda. Vom Gipfel kann man auf den La Maddalena Archipel, zur französischen Nachbarinsel Korsika und gen Osten über das Tyrrhenische Meer blicken.
“Mi scusi, Signora. Es gibt eine wissenschaftliche Auffassung, dass Odysseus mit seinen Schiffen mit Hilfe des Orso navigiert, hier geankert habe und Frischwasser und Proviant holen wollte.” “Si, Signore, und dann haben die einheimischen Riesen, die Giganten, Felsen auf seine Boote geworfen, und nur eins, seins, ist übrig geblieben.” “Und stimmt das nicht?” “Was stimmt auf Sardinien, dem Land der Mythen, und was stimmt nicht? Andere sagen, Odysseus landete auf Korsika, andere sagen auf Sizilien.” “Und was stimmt?” “Die Roccia dell’Orso war bestimmt schon in der Antike ein markanter Seezeichenpunkt für die Schifffahrt vor der Gallura und an den Bocche di Bonifacio. Der griechische Geograph Claudius Ptolemäus erwähnte den Ort bereits im 2. Jahrhundert nach Christus als Promontorium Arcti – also Bärenpromontorium. Der Name und die charakteristische Gestalt sind also mindestens rund 1.800 Jahre dokumentiert. Das stimmt, capito?” “Aber Odysseus ist älter.”
“Ja, Signore, seine Heimreise von Troia begann 1184 vor Christus. Und ich nehme an, Sie haben sich bei dem französischen Homer-Forscher Victor Bérard vor ihrer Reise zum Rocca del Orso schlau gemacht. Aber nun gehen Sie doch bitte los, es gibt auf dem Weg hinauf noch mehr zu schauen. Und, wie gesagt, gehen sie nach links über die Felsen für den besten Blick, aber stürzen Sie nicht ab.”

Auf Victor Bérards Spuren


Bérard, Forscher und Diplomat, fuhr die Routen ab, die für Odysseus möglich gewesen waren. Er wies nach, dass die im Epos beschriebenen Seewege auf phönizische Routen im Mittelmeer zurückgehen, und identifizierte Capo d’Orso mit der Terra dei Lestrigoni, dem Land der menschenfressenden Riesen aus dem 10. Gesang der Odyssee. Als Odysseus mit seinen Schiffen anlegte, töteten diese viele seiner Gefährten und zerstörten zwei seiner drei Schiffe.
Ich mache auf den Anstieg, er ist nicht schwer. Der Blick ist spektakulär. Insel und Ort La Maddalena und die vorgelagerten Inseln liegen zu Füßen. Aber der Ort ist in seiner Historie nicht nur als Seezeichen, sondern auch militärisch genutzt worden. Die Reste der piemontesischen Befestigungen sind noch zu erkennen. Die Fortezza di Capo d’Orso war im 19. Jahrhundert Teil des Verteidigungssystems von Palau. Von dort aus kontrollierte man die Einfahrt in den Raum zwischen Sardinien und La Maddalena.
Nach 15 Minuten bin ich oben. Mich fasziniert besonders der Blick durch ein Loch in dem Felsen, der mir einen Ausschnitt der Küste von La Maddalena und des Tyrhenischen Meeres bietet. Ich liebe spektakuläre Blicke, Ayers Rock, Kap der Guten Hoffnung, Storsteinen in Tromsö, Rocca di Calascio. Ok, die Roccia di Orso gehört ab sofort dazu. Wie empfohlen klettere ich auch links über die Felsen. Vermutlich nicht weit genug, den Bären habe ich nicht so gut wie von der Küste aus gesehen.
Ich nutze den Genius Loci, um über Bérard und seine Forschungsergebnisse zu sinnieren. Wenn Riesen seine Schiffe mit Steinen beworfen und seine Kameraden getötet haben. Warum sollten das nicht die “Giganten” gewesen sein, deren Gräber und Nuraghen auf Sardinien bewundert werden?

Es gilt als Spekulation


Es stimmt. Eine direkte historische oder archäologische Verbindung zwischen den Nuraghen auf Sardinien und der literarischen Figur des Odysseus ist nicht bewiesen. Es gibt keine konkreten Erwähnungen der Nuraghen in Homers Epen. Theorien, die den antiken Mythos mit den steinernen Türmen Sardiniens verknüpfen, gelten in der Wissenschaft als Spekulation. Aber was heißt das schon auf der Insel der Mythen?
Genau das sage ich nach Rückkehr der netten Signora im Kassenhäuschen, die natürlich wissen will, ob ich mich getraut hätte zu klettern. “Nein, jedenfalls nicht so weit, um den Bären in die Schnauze greifen zu können. Aber ich weiß jetzt, wer Odysseus in die Flucht geschlagen hat.”

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Hans-Herbert Holzamer

Autor Kurzvorstellung:

Freier Journalist und Autor

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

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