Zagori – Wo Menschen ihrer Heimat Zukunft geben

46 historische Bergdörfer, spektakuläre Natur und eine Lebensweise, die vieles von dem vereint, was Wissenschaftler heute mit Longevity verbinden: In Zagori, einer Bergregion in Epirus im Nordwesten Griechenlands, prägen Bewegung, Gemeinschaft, regionale Ernährung und Naturverbundenheit den Alltag. Eine Reportage über Rückkehrer, Gastgeber und Produzenten, die ihre Heimat lebendig halten.

In einer Zeit, in der viele Menschen versuchen, ihr Leben zu optimieren, gehören in Zagori Gemeinschaft, Bewegung, Naturverbundenheit, sinnstiftende Arbeit und die Fähigkeit, sich Zeit zu nehmen ganz selbstverständlich zum Alltag – also genau jene Dinge, nach denen viele Mitteleuropäer derzeit vermehrt suchen.

Wer als heutiger Stadtmensch Zagori verstehen will, muss allerdings bereit sein, für den einen oder anderen Umweg und eine Entdeckungsreise der besonderen Art: Zwischen tiefen Schluchten, dichten Wäldern und den Gipfeln des Pindos-Gebirges kleben uralte Steinhäuser wie Schwalbennester an den bewaldeten Hängen. Die abgelegene Bergregion im Nordwesten Griechenlands besteht aus 46 historischen Dörfern, die über Jahrhunderte oft nur über schmale Steinpfade, Brücken und Treppenwege erreichbar waren. So entstand eine Kulturlandschaft, die bis heute erstaunlich ursprünglich geblieben ist und 2023 von der UNESCO zum Welterbe erklärt wurde. Wer diese Strecken nachwandert, taucht ein in eine Welt, die anmutet, als sei sie aus der Zeit gefallen. Und trifft auf Menschen, die so leben, wie es heute viele wieder gerne tun würden.

Das französische Café in den Bergen Zagoris

Wie zum Beispiel Cynthia und Thymios, die Betreiber des Café Soirée in Kastaniani. In dem winzigen Dorf, das man nur entdeckt, wenn man bewusst tiefer in die Region eindringt, haben die beiden Lebenskünstler ein kleines Paradies erschaffen. Rund drei Jahrzehnte standen beide zuvor an der Oper von Athen auf der Bühne und arbeiteten später als Tanzpädagogen. Während der Corona-Pandemie kehrten sie in die Heimat von Thymios zurück.

Cynthia und Thimios im Cafe Soiree; Foto: Heiner Sieger

Mehrmals im Jahr hatten sie zuvor dessen noch im Dorf lebenden Vater besucht. Als in der Pandemie das Leben in Athen enger wurde, erschien ihnen Kastaniani plötzlich nicht mehr als Rückzugsort, sondern als Möglichkeit. Als Betreiberin des einzigen Cafés n ein Nachbardorf zog, ergriffen Cynthia und Thymios die Gelegenheit und eröffneten das Soirée – auch als kleine Reminiszenz an die französische Heimat von Cynthia.

Einfach war der Anfang nicht. Viele Einwohner konnten wenig damit anfangen, dass zwei Künstler aus der Großstadt in ihrem Dorf ein Café mit französischem Namen eröffneten. „Im ersten Jahr schlug uns geradezu Feindseligkeit entgegen“, erinnert sich Cynthia. Doch die beiden blieben, kochten, backten, deckten Tische, empfingen Gäste und gaben dem Ort langsam eine neue Selbstverständlichkeit.

Heute ist das Soirée mehr als ein Café. Es ist Treffpunkt, Wohnzimmer und Bühne eines Dorfes, das ohne diesen Ort wohl stiller wäre, aber auch ärmer. Cynthia kocht und backt nach regionalen Rezepten, so ehrlich, wie sie sagt, wie sie auch für sich selbst kochen würde. Thymios kümmert sich um Weine, Dekoration und Atmosphäre. Viermal im Jahr verwandeln sie den kleinen Ort gemäß der Jahreszeiten neu. Besonders zu Weihnachten soll es dort aussehen wie in einem Märchen.

Die Geschichte des Soirée erzählt viel über Zagori. Denn die verborgenen Schätze dieser Region liegen nicht nur in Schluchten, Steinbrücken oder alten Pfaden. Sie liegen auch in solchen Lebensentscheidungen: in Menschen, die eine Großstadt verlassen, in ein fast vergessenes Dorf zurückkehren und dort einen Ort schaffen, an dem wieder Gemeinschaft entsteht.

Die Rückkehr der Verlorenen

In vielen Zagori-Dörfern war die Abwanderung lange das beherrschende Thema. Junge Menschen gingen nach Athen, Thessaloniki, Deutschland oder sogar nach Kairo. Zurück blieben alte Häuser, ältere Bewohner und die Erinnerung an eine Zeit, in der die Dörfer lebendiger waren.

Inzwischen lässt sich an vielen Orten eine vorsichtige Gegenbewegung beobachten. Manche, die einst fortgingen, kommen zurück. Andere blieben der Region verbunden und bauten sich Schritt für Schritt eine Existenz auf. Oft entstehen daraus keine großen Investorenprojekte, sondern familiengeführte Pensionen, kleine Hotels, Restaurants, Cafés oder regionale Betriebe.

Zu ihnen gehört auch Dimitra aus Dilofo. Ihre Eltern wanderten einst nach München aus. Das alte Bauernhaus der Familie blieb zurück. Dimitra entschied sich, es nicht zu verkaufen oder grundlegend zu modernisieren. Stattdessen verwandelte sie es behutsam in ein kleines Gästehaus, das den ursprünglichen Charakter Zagoris bis heute bewahrt. Naturstein, Holz und handgefertigte Möbel prägen die Zimmer, zum Frühstück kommen selbst gemachte Marmeladen, Kräuter, Honig und weitere Produkte aus der Region auf den Tisch – vieles davon stellt Dimitra selbst her.

Dimitria ist nach Dilofo zurückgekehrt und hat den elterlichen Bauernhof zu einer Pension umgebaut. Foto: Heiner Sieger

Wer sie nach den schönsten Ausflugszielen fragt, erhält keine routinierte Empfehlungsliste. Sie spricht von den alten Treppenwegen zwischen den Dörfern, den Steinbrücken, der Vikos-Schlucht oder dem glasklaren Voidomatis. Vor allem aber rät sie ihren Gästen, sich Zeit zu nehmen. „Viele kommen wegen der Landschaft“, sagt sie. „Und am Ende merken sie, dass ihnen vor allem die Ruhe am meisten gut getan hat.“

In Monodendri gehört auch Lefteris Zarkadas zu jenen Gastgebern, die diese Beständigkeit pflegen. Im Hotel und Restaurant Matzato serviert er Kasiopita, die in Epirus auch Alevropita genannt wird: eine einfache, nahrhafte Käsepastete aus Mehl, Eiern, Feta, Butter und Wasser. „Früher“, erzählt Lefteris, „brauchten Familien, die gemeinsam auf den Feldern arbeiteten, genau so ein Essen, das schnell zuzubereiten war und dennoch Kraft gab.“ Heute ist es eine schlichte und überraschende Köstlichkeit für seine Gäste.

Dass ein schönes Balkon-Zimmer mit Küchenzeile in seinem Familienhotel für zwei Personen 80 Euro inklusive Frühstück kostet, erzählt nebenbei ebenfalls etwas über Zagori. Die Region ist UNESCO-Welterbe, aber sie wirkt vielerorts noch nicht wie ein durchökonomisierter Sehnsuchtsort. Sie ist bodenständig geblieben.

Gleich nebenan betreibt sein Jugendfreund Spiros Arvanitis ebenfalls ein Familienhotel, gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern. Die Gäste kämen, sagt er, um gut zu essen, Wild oder Ziegenfleisch zu probieren und die Gegend zu entdecken. „Vor allem aber kommen sie, um Ruhe zu finden“, erzählt er. Am Abend sitzt man zusammen am Kamin, und nach dem Essen wird Tsipouro gereicht, der klassische Tresterbrand der Region. Bei ihm ist das Zimmer, inklusive Küchenecke, sogar noch günstiger.

Die Treppe, die einem Esel folgte

Wer durch Zagori reist, begegnet unweigerlich Bauwerken, die zeigen, mit welcher Geduld die Menschen dieser Region ihre Abgeschiedenheit überwanden. Eines der eindrucksvollsten ist die Vradeto-Treppe zwischen Vradeto und Kapesovo.

Der alte Pfad führt über mehr als 600 Stufen und rund 300 Höhenmeter den Hang hinauf. Erbaut wurde die Steinkonstruktion im 18. Jahrhundert von spezialisierten Handwerkern aus den umliegenden Dörfern. Über zwanzig Jahre soll der Bau gedauert haben. Zu Beginn, so erzählt man sich, wurde immer wieder ein Esel bergauf geschickt. Entlang seiner Spur entstand später die Treppe.

Der alte Pfad der Vikos-Treppe führt über mehr als 600 Stufen und rund 300 Höhenmeter den Hang hinauf; Foto: Heiner Sieger

Bis zur Eröffnung einer Straße in den 1970er-Jahren war sie der einzige Zugang nach Vradeto. Heute ist sie ein Naturdenkmal und einer der stärksten Orte, an den man als Besucher begreift, wie sehr in Zagori Landschaft, Arbeit und Alltag miteinander verbunden waren. Wer die Stufen langsam hinaufsteigt, wandert nicht nur durch eine schöne Berglandschaft, sondern durch die Infrastruktur eines früheren Lebens.

Geschichten, die bei einem Ouzo weiterleben

So manches Dorf hat seine ganz eigenen Geschichten, die es im Gespräch mit den Einheimischen zu entdecken gilt. Wie im Bergdorf Megalo Papigo: Direkt gegenüber der Kirche Agios Vlasios liegt die hübsche Bar von Ioannidis. Während er mir einen Ouzo ins Glas gießt, zeigt er hinüber auf den mächtigen Glockenturm aus dem 19. Jahrhundert und erzählt von einer fast vergessenen Tradition, auf die die Menschen in Zagori bis heute stolz sind und die nicht im Reiseführer steht.

Papigo galt über Jahrhunderte als Heimat der Vikojiatri, der legendären Wanderärzte des Vikos-Gebirges. Viele von ihnen hatten in Italien oder Kleinasien Medizin studiert und behandelten anschließend Menschen in den entlegenen Bergdörfern Nordgriechenlands. Oft verlangten sie kaum Geld, versorgten Bedürftige kostenlos und bezahlten sogar die Medikamente aus eigener Tasche.

Dass die Dorfkirche dem Heiligen Blasius geweiht ist, kommt nicht von ungefähr. Er gilt als Schutzpatron der Ärzte und insbesondere der Augenkranken. Für die Menschen in Papigo war Medizin deshalb nie nur ein Beruf, sondern Ausdruck christlicher Nächstenliebe. „„Das gehört zu unserer Geschichte“, sagt Ioannidis und blickt durch die offene Tür auf den Glockenturm von Agios Vlasios hinüber.

Der versteinerte Wald von Monodendri

Oberhalb von Monodendri zeigt Zagori eine seiner rätselhaftesten Landschaften. Der sogenannte Steinerne Wald wirkt tatsächlich, als habe jemand eine uralte Baumgruppe in Fels verwandelt. Zwischen niedrigen Büschen und knorrigen Bäumen ragen bizarre Kalksteinformationen aus dem Boden, geformt über Millionen Jahre durch Wasser, Frost und tektonische Kräfte.

Von hier führt der Weg weiter zum Aussichtspunkt Oxia, wo sich der Blick in die Vikos-Schlucht öffnet. Auch das Kloster Agia Paraskevi aus dem 15. Jahrhundert liegt nicht weit entfernt, spektakulär auf einer Felskante über der Schlucht. Es sind Orte, an denen die Natur groß wirkt, aber nie losgelöst von der Geschichte der Menschen, die diese Bergwelt über Jahrhunderte bewohnt, begangen und gestaltet haben.

Zu ihnen gehören heute auch Dimitris und Konstadina in Monodendri. Am Weg zum Kloster liegt ihr Restaurant, das einen Namen trägt, der neugierig macht: „Die Geheimnisse der Großmutter“. „Wir haben ihn ganz bewusst gewählt“, erzählt Konstadina. „Viele unserer Gerichte gehen auf die Rezepte meiner Großmutter zurück. Sie hat dieses Restaurant 1958 eröffnet. Wir möchten bewahren, was sie uns hinterlassen hat.“

Was auf den Tellern landet, stammt deshalb überwiegend aus der Region. Große Bohnen, Spinat, Auberginen, Tomaten, Gurken, Zwiebeln, Karotten, Pilze und wilde Kräuter bilden die Grundlage für jene Küche, die Zagori seit Generationen prägt. Dazu kommen die traditionellen Pites und die ganz besonderen „Spoon Sweets“ – in Sirup eingelegte Früchte, wie sie früher in fast jedem Haus der Region den Gästen angeboten wurden.

Besonders gefragt ist bis heute die „Kikitsa’s Pie“, benannt nach der Großmutter, die das Lokal einst eröffnete. Mehl, Eier, Butter und Feta – mehr braucht es nicht für den goldbraun gebackenen Kuchen, der problemlos für mehrere Personen reicht. Auch die Preise sind angenehm bodenständig geblieben: 20 Euro kostet der Pie, ein Liter Wasser einen Euro, ein halber Liter Weißwein sechs Euro.

Der Mann mit den Sanddornbäumen

An der spektakulären und viel fotografierten Kokkorou-Brücke verkauft Giorgios Saflidis an einigen Tagen bis etwa 13 Uhr handgemachte Produkte: Kräutertees, Sanddornsaft, Marmeladen und Gesichtscremes. Wenn es mittags zu heiß wird, packt er zusammen.

Spektakuläres Bauwerk: Die Koukkouri-Brücke in Zagori; Foto: Heiner Sieger

Saflidis ist studierter Forstwissenschaftler. Während der Wirtschaftskrise 2011 verlor er seine Arbeit als Förster. Andere hätten vielleicht die Region verlassen. Er importierte rund 200 Sanddornbäume aus Deutschland und begann, sich eine neue Existenz aufzubauen. Das Klima in den Bergen Zagoris erwies sich als passend. Im Winter kann es dort bis minus 25 Grad kalt werden. Abgestorben sei ihm dennoch kein einziger Baum, erzählt er.

Giorgios Saflidis; Foto: Heiner Sieger

Seine Geschichte passt zu dieser Region, weil sie nicht laut ist und sich nicht groß inszeniert. Sie handelt von einem Menschen, der nach einem Bruch nicht aufgegeben, sondern aus den Bedingungen seiner Heimat etwas Neues gemacht hat. Resilienz ist hier kein Schlagwort, sondern Alltag.

Wasser, das den Sommer trägt

Im Sommer trifft man Einheimische und Urlauber an den Flüssen. Der Voidomatis hat Trinkwasserqualität, schimmert an manchen Stellen türkisgrün und bildet natürliche Becken, in denen das Baden herrlich erfrischt. In der Rogovo-Klamm bei Papigo liegen Gumpen im Fels, die von Einheimischen manchmal Taufbecken genannt werden. An heißen Tagen wird das Wasser zum Treffpunkt.

In der Rogovo-Klamm bei Papigo; Foto: Heiner Sieger

Nicht weit weg sitzen die Gäste im Restaurant Voidomatis auf einer schattigen Terrasse direkt am Ufer des gleichnamigen Flusses. Wenige Meter entfernt zieht das klare Wasser vorbei, während auf dem Holzkohlegrill frisch gefangene Forellen zubereitet werden. Solche Orte erklären, warum Zagori nicht nur eine Region für Wanderer ist. Es ist auch eine Landschaft, in der Wasser, Essen und Geselligkeit selbstverständlich zusammengehören.

Auch der Fluss Aoos prägt die Region. Alexandros Nikolopoulos organisiert dort Wildwasser-Kajakfahren, Flusstrekking und mehrtägige Touren zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Auf ihnen entdeckt man eine Seite Griechenlands, die mit dem üblichen Bild von Inseln, Stränden und Meer wenig zu tun hat. Hier führen Flüsse durch Bergtäler, in denen seltene Vögel leben und die Natur noch erstaunlich unmittelbar wirkt.

Der Aoos hat Trinkwasserqualität; Foto: Heiner Sieger

Das Dorf der Tsipouro-Brenner

Rund um das kleine Städtchen Konitsa zeigt sich, wie eng Genuss, Landwirtschaft und regionale Wertschöpfung miteinander verbunden sind. Vasilis Kravaris gründete dort 1977 als 18-Jähriger eine Kooperative. Sie sollte Familien aus den Dörfern eine zusätzliche Einnahmequelle mit selbst angebauten Produkten eröffnen. Heute werden dort neben dem traditionellen Tsipouro, einem Grappa-ähnlichen Trester mit 34 Prozent Alkohol, auch Liköre aus Walnuss, Minze, Sauerkirschen, Granatapfel, Bergamotte und Waldfrüchten verkauft, dazu Marmeladen, Bohnen, Kräutertees und Honig. Vor einigen Jahren entstand ein weiteres Produkt: ein im Eichenfass gelagerter Tsipouro, der Farbe und Anklänge eines Whiskys entwickelt.

Die Kooperative ist weit mehr als ein Laden. Sie zeigt, wie kleine Produzenten einer abgelegenen Region gemeinsam sichtbar werden können. Viele Häuser besitzen noch immer kleine, mit Weinreben überdachte Terrassen, die im Sommer Schatten spenden und im Herbst Trauben liefern. Diese „Klimataria“ gehören ebenso zur Alltagskultur wie die Plätze vor den Kirchen, an denen man früher Wasser holte und Neuigkeiten austauschte. „Solche Orte sind die Social-Media-Plattformen früherer Zeiten“, erzählt mir Gästeführer Christos mit einem Schmunzeln.

Der Verrückte aus dem Dorf

Molivdoskepastos zählt nur elf Einwohner. Einer von ihnen ist Mannis Ilias, Weinbauer und Mitinitiator einer kleinen Gemeinschaft von Produzenten. Vor einigen Jahren schlossen sich die Bewohner nach dem Vorbld von Vasilis zu einer Art Kooperative zusammen. Auch sie vermarkten Wein, Tsipouro, Honig, Bohnen und weitere regionale Produkte an Hotels, Geschäfte und Besucher.

„Ich bin der Verrückte aus dem Dorf“, sagt Mannis und lacht. Der Satz bleibt bei mir hängen, weil er mehr enthält als Humor. In einer Welt, die Wachstum und Skalierung bewundert, entscheidet sich hier jemand bewusst für einen Ort, den andere längst verlassen hätten. Mannis weiß, dass seine Möglichkeiten begrenzt sind. Die Produkte wachsen in den Bergen, nicht in Industriehallen. Trotzdem soll sein kleines Geschäft behutsam wachsen. Auch regionale Nudeln aus heimischem Weizen und Hartweizen will er bald vermarkten. Anbaufläche hat Mannis genug.

„Was fehlt sind helfende Hände. Wer mich in seinem Urlaub unterstützen möchte, ist herzlich willkommen“, sagt er. Ich biete ihm an, dass wir ihm mit Reise-Stories gerne dabei unter die Arme greifen: Wer das hier also liest und interessiert ist, mal für eine Zeitlang bei Mannis gegen Kost und Logis mitzuarbeiten, möge ich gerne bei der Redaktion melden.

Mannis liebt sein Dorf und die Region. „Es ist ein Lebensstil, den ich gerne erhalten möchte.“ Dieser Satz macht aus einem Nahrungsmittelproduzenten eine prägende Figur dieser Landschaft. Mannis verkauft nicht nur Wein oder Honig. Er verteidigt eine Vorstellung davon, wie Leben gelingen kann, auch wenn es klein bleibt.

Mannis und Christina vermarkten einheimische Produkte; Foto: Heiner Sieger

Was die Region zusammenhält

Eine seiner Kundinnen ist Christina Nikopoulo. Sie betreibt einen kleinen Laden mit regionalen Lebensmitteln am Ortsrand von Konitsa. Anfangs arbeitete sie mit Produzenten aus dem Ort und der unmittelbaren Umgebung. Weil das Angebot dort begrenzt war, weitete sie ihr Sortiment auf ganz Epirus aus. Trotzdem blieb der Maßstab persönlich.

„Bevor ich etwas ins Sortiment nehme, probiere ich die Produkte natürlich persönlich aus“, sagt sie. Der Satz wirkt unscheinbar, beschreibt aber einen Mechanismus, der in Zagori oft stärker zählt als Werbung: Vertrauen. Qualität entsteht nicht aus Distanz, sondern aus Nähe. Aus Gesprächen, aus Erfahrung, aus der Bereitschaft, für ein Produkt mit dem eigenen Namen einzustehen.

Eine andere Art von Reichtum

Vielleicht liegt genau darin der größte Schatz Zagoris. Während viele Besucher eigentlich wegen der Schluchten, Steinbrücken und Bergdörfer kommen, bleibt oft etwas anderes in Erinnerung: die Menschen.

Menschen wie Cynthia, Thymios und Dimitra, die ihr Leben in der Großstadt hinter sich gelassen haben. Giorgios Saflidis, der nach einer Krise mit seinen Sanddornplantagen neu begann. Lefteris, Dimitris und Konstadina, die ihre Gäste mit Rezepten empfangen, die seit Generationen weitergegeben werden. Oder die Tsipouro-Brenner und Produzenten der Region, die mit sichtbarer Leidenschaft an ihren Produkten arbeiten.

Das Leben in den Bergen von Epirus ist nicht immer einfach. Die Winter sind lang, die Wege weit und die wirtschaftlichen Möglichkeiten begrenzter als in den Städten. Luxus und Glamour sucht man hier vergeblich.

Und doch hatte ich während meiner Reise immer wieder den Eindruck, auf Menschen zu begegnen, die mit sich und ihrem Leben im Reinen und glücklcih sind. Sie nehmen sich Zeit für ein Gespräch, kennen ihre Nachbarn, leben eng mit der Natur und folgen in ihrem Alltag weniger dem Terminkalender als den Jahreszeiten, dem Wetter und ihren eigenen Überzeugungen.

Vielleicht läuft die Zeit in Zagori tatsächlich ein wenig anders. Langsamer allemal. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum viele Besucher die Region mit dem Gefühl verlassen, nicht nur eine außergewöhnliche Landschaft entdeckt zu haben, sondern auch eine Lebensweise, von der man etwas mit nach Hause nehmen kann.

Der Weg ist das Ziel in Zagori und immer wieder trifft man unterwegs auf interessante Menschen; Foto: Heiner Sieger

Service: Zagori kompakt

RegionZagori liegt in Epirus im Nordwesten Griechenlands, nördlich von Ioannina und am Rand des Pindos-Gebirges.
Charakter46 historische Bergdörfer, Steinarchitektur, Schluchten, Brücken, alte Pfade, Natur und traditionelle Küche.
Beste ReisezeitFrühling und Herbst eignen sich besonders für Wanderungen. Im Sommer locken die Flüsse und Naturbecken, im Winter zeigt sich die Region stiller und rauer.
Nicht verpassenMonodendri, Stone Forest, Oxia und Beloi, Vradeto-Treppe, Papigo, Voidomatis, Kokkorou-Brücke, regionale Tavernen und Produzenten.

So erreichen Sie Zagori von Deutschland aus

Mit dem Flugzeug
Die bequemste Anreise erfolgt über den Flughafen Ioannina (IOA). Von Deutschland gibt es in der Regel keine Direktflüge. Die schnellsten Verbindungen führen meist über Athen oder saisonal über Korfu. Vom Flughafen Ioannina erreichen Sie die ersten Zagori-Dörfer je nach Ziel in rund 30 bis 60 Minuten mit dem Mietwagen.

Alternative Anreise
Wer eine Rundreise plant, kann auch nach Korfu fliegen, mit der Fähre nach Igoumenitsa übersetzen und von dort in etwa 90 Minuten nach Zagori fahren. Ebenfalls möglich ist die Anreise über Thessaloniki, von wo aus die Fahrt ins Zagori-Gebiet rund drei bis vier Stunden dauert.

Mobil vor Ort
Ein Mietwagen ist praktisch unverzichtbar. Die 46 historischen Zagori-Dörfer liegen zwar oft nur wenige Kilometer auseinander, die kurvenreichen Bergstraßen erfordern jedoch Zeit. Genau das macht den besonderen Reiz der Region aus: Der Weg gehört hier zum Erlebnis.

Reisetipp
Mindestens vier Übernachtungen einplanen. Zagori erschließt sich nicht durch möglichst viele Sehenswürdigkeiten an einem Tag, sondern durch Wanderungen, Gespräche mit den Menschen der Region und die besondere Atmosphäre der Bergdörfer.

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Heiner Sieger

Autor Kurzvorstellung:

Als Chefredakteur von Reise-Stories bewege ich mich aus München, so oft es der Beruf erlaubt, Richtung Berge und Meer, entdecke interessante Menschen und ihre Geschichten hinter Hoteltresen und Kochherden. Meine persönliche Leidenschaft gilt als ausgebildeter Mentaltrainer den Themen innere Gesundheit, Entspannung und Longevity.
Seit 40 Jahren Journalist, schreibe ich über aktuelle und brisante Themen in den Bereichen Digitalisierung, Wirtschaft, Gesundheit und Reise. Nach Stationen bei renommierten Tageszeitungen und Magazinen in Deutschland und der Schweiz bin ich heute hauptberuflich beim WIN-Verlag in der Vogel Communications Group Chefredakteur der Magazine Digital Business und e-Commerce-Magazin.

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

Dieser Beitrag enthält möglicherweise Inhalte, die im Rahmen einer bezahlten Kooperation mit Marken, Hotels oder Partnern entstanden sind.

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