Marburg, diese Wege musst Du gehen

Die Marburger Bevölkerung und ihre Gäste begehen nächstes Jahr das 500jährige Jubiläum der Philipps-Universität. Ein Fest hätte es nicht gebraucht, um die Symbiose zwischen Hochschule und Stadt zu beschreiben. Aber weil die 800-Jahr-Feier zur ersten dokumentierten Erwähnung der Stadt an der Lahn dann schon fünf Jahre zurückliegt, freuen sich alle drauf.


Ernst Koch formulierte den Unterschied zwischen Göttingen und Marburg in seinem Roman “Prinz Rosa Stramin” (1834) zutreffend so: „Göttingen hat eine Universität, Marburg ist eine Universität“. In Marburg ist die Universität das entscheidende Standortmerkmal. Offiziell nennt die Stadt sich daher auch “Universitätsstadt Marburg”. Dass dieses Merkmal Licht- und Schattenseiten hat, dies herauszustellen hat dankenswerterweise die Stadt und vor allem die Geschichtswerkstatt Marburg, erarbeitet. Wohl kaum ein Gemeinwesen in Deutschland hat das so radikal ehrlich und ohne Rücksicht auf eigene Verletzungen getan wie Marburg.


Marburgs Themenwege

Und so kann man heute auf Themenwegen tief hinabsteigen in die Geschichte, die Wahrheiten und Mythen, ja auch in die Märchen. Dafür gibt es den Pfad der Gebrüder Grimm zu allerlei Figuren aus ihrem Kosmos. Sie zu finden, hilft das Tourismusamt. Es gibt den Themenweg “Jüdisches Marburg” und “Braunes Marburg”. Man kann aber auch den eigenen Weg betreten, muss man sogar, weil er die anderen kreuzt und überschneidet. Ob man es mag oder nicht.

Wenn ich mich an meine ersten knapp 11 Jahre in Marburg erinnere, von 1945 bis 1956, war die Geschichte zwischen 1933 und 1945 nie ein Thema, ja auch die der Weimarer Republik nicht, weder in der Grundschule noch im Philipps-Gymnasium. Dabei musste ich täglich zweimal an einem leeren und doch geschichtsträchtigen Grundstück vorbeigehen. Marburg war bis in die Köpfe so gründlich “judenrein”, dass nicht einmal die an ihren Mitbürgern verübten Untaten ein Thema war, weder öffentlich noch privat. Erst Jahre später und eher zufällig stieß ich auf den auf der Brache neu angelegten “Garten des Gedenkens”, auf dem Grundstück des einstigen Gotteshauses , mit der metallenen Skulptur einer Synagoge. Heute ist der Garten ein Ort auf dem Weg “Jüdisches Marburg”.


Themenweg Jüdisches Marburg

Im September 1897 wurde die damals neue Synagoge in der Universitätsstraße eingeweiht. Sie bot 230 Männern und 175 Frauen Platz. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde sie von Marburger SA-Männern in Brand gesteckt. Die übrig gebliebene Ruine – die tragenden Sandsteinsäulen und die Kuppel – wurde am darauffolgenden Tag auf Kosten der jüdischen Gemeinde gesprengt. Der vermeintlich spontane Ausbruch des Volkszorns war eine gelenkte Inszenierung. Der Ausgangspunkt für die Übergriffe war das Attentat des Herschel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath in Paris. Damit war das gewaltsame Ende der jüdischen Gemeinden eingeleitet. Wie die Universität die Umstände für sich nutzte, zeigt der Kauf der Synagogengrundstücks. Nicht einmal ein Jahr nach dem Pogrom, ab Oktober 1939 war der preußische Staat als Träger der Universität Marburg mit dem geänderten Grundbucheintrag neuer Eigentümer.

In enger Kooperation mit dem Oberbürgermeister der Stadt Marburg und dem Oberegierungspräsidenten Philipp II von Hessen in Kassel verhandelte der Universitätskurator Ernst von Hülsen nach dem Synagogenbrand über den Kauf. Er sah darin die einzigartige Gelegenheit für einen Ausbau der Universität. Unter Berufung auf die erlaubten Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung wurde schließlich ein Kaufpreis von nicht einmal acht Prozent des damaligen Werts durchgesetzt. Auch aus der Synagoge geraubte Gegenstände gelangten in die Universität. Die Bücher und die 19 Thorarollen wurden nach Kriegsende der neu gegründeten jüdischen Gemeinde zurückgegeben.

Es mussten Jahrzehnte vergehen, bis am 10. November 1963 auf Druck der Studierenden an der Stelle der verbrannten Synagoge ein Gedenkstein eingeweiht wurde. Heute befindet sich hier der “Garten der Erinnerung”, der 2012 eingeweiht wurde. Eine Betoneinfassung umrahmt die Umrisse der zerstörten Synagoge, und durch ein in den Boden eingelassenes Glasfenster kann man Teile der Mikwe sehen. Ebenfalls in die Erde eingelassen sind Glaskästen, in denen Zitate zu lesen sind, um zu zeigen, wohin Antisemitismus führen kann. So wurde der Garten zu einem wichtigen Topos Marburgs. Diesen Ort des Themenwegs “Jüdisches Marburg” kannte ich (inzwischen). Um einen anderen Ort zu begehen, bin ich jetzt nach Marburg gekommen. Denn unweit vom Alten Markt in der Oberstadt gibt es einen Glaskasten, der einen Blick in den Boden und damit in die Vergangenheit erlaubt, auf die Ruinen der alten, der mittelalterlichen Synagoge. Obwohl er nur wenige Schritte von meinen beiden bevorzugten Hotels in der Oberstadt liegt, zwischen denen ich je nach Öffnung wechsele, der “Hosteria del Castello” und dem “Hotel zur Sonne”, und obwohl mein eigener Themenweg stets zum Schloss führt und damit direkt daran vorbei: Ich habe die alte Synagoge vorher nie wahrgenommen oder wenigstens erahnt.


Jüdische Spuren
Dabei gibt es in der Marburger Oberstadt bis heute viele Spuren jüdischen Lebens. Ein Gang durch die Altstadt führt durch 700 Jahre ihrer Geschichte. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts lebte in der Judengasse (heute: Schlosssteig) eine größere Anzahl jüdischer Familien . Die 1317 erstmals erwähnte und beim Stadtbrand 1319 zerstörte Synagoge wurde an Stelle eines älteren Gebäudes erbaut. Ein Neubau erfolgte nach 1320. Die Reste dieser Synagoge wurden erst 1993 bei Ausgrabungen wiederentdeckt. Sie sind die bedeutendste erhaltene Spur. Ein gläserner Kubus schützt die freigelegten Mauern. Man erkennt Teile der Grundfesten, den Toraschreinbereich, sowie Hinweise auf die Nutzung des Gebäudes. Es ist einer der wichtigsten Nachweise mittelalterischen jüdischen Lebens in Hessen.


Die Nähe zum Markt zeigt, dass die Juden nicht außerhalb der Stadtmauern lebten. Was man heute nicht nachempfinden kann, ist der Geruch. Denn durch das jüdische Viertel zog sich der offene Abwasserkanal, das sogenannte „Drecksloch“, das Abfälle und Unrat des Schlosses in die Lahn ableitete. Bei der Judenverfolgung in der Pestzeit 1348/49 wurde die jüdische Gemeinde vernichtet. Nach 1364 konnten wieder einige Juden zuziehen. Sie lebten wegen der beruflichen Einschränkungen vom Geldverleih, doch werden in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts auch zwei Ärzte in der Stadt genannt. 1524 wurden die Juden auf Grund einer Verordnung von Landgraf Philipp I. erneut vertrieben.


Das Marburger Religionsgespräch
Vielleicht war der Grund dafür die Vorbereitung eines der wichtigsten religiösen Bezugspunkte der Stadt: das Marburger Religionsgespräch (1529). Die Teilnehmer waren führende Vertreter der Reformation, darunter Martin Luther, Huldrych Zwingli, Philipp Melanchthon und Philipp I. von Hessen. Die Hauptthemen waren: das Verständnis des Abendmahls, das Verhältnis von Christi göttlicher und menschlicher Natur, Fragen der kirchlichen Einheit unter den Reformatoren. Jüdische Religionslehren, jüdisches Recht oder die Lage der Juden in Hessen standen nicht auf der Tagesordnung. Besser gesagt, nicht mehr. Philipp I hatte sie vertrieben und so für die Universität (1527) ein protestantisches Umfeld geschaffen. Mit dem Religionsgespräch wollte er Marburgs Rolle als Heimat und seine Bedeutung als Held der Reformation festigen. Die Reformation war auch kein Wendepunkt zugunsten der Juden. Zwar entstand ein neues Interesse an den hebräischen Bibeltexten, doch führte dies nicht zu rechtlicher Gleichstellung oder größerer gesellschaftlicher Akzeptanz.


Erst seit Anfang des 17. Jahrhunderts lebten in Marburg wieder einzelne jüdische Familien im Bereich der Juden- und der benachbarten Wettergasse. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erfolgte dann eine Zuwanderung aus umliegenden Landgemeinden, sodass gegen Ende des 19. Jahrhunderts über 500 jüdische Gemeindeglieder gezählt wurden, was etwa drei Prozent der Gesamtbevölkerung entsprach. Um 1900 war jüdisches Leben dann in Marburg fest etabliert, auch wenn antisemitische Vorurteile weiterhin existierten.

Seit 1823 war Marburg Sitz eines Provinzialrabbinats. Jüdische Gewerbetreibende eröffneten Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte Praxen und Kanzleien. An der Universität lehrte von 1876 bis 1912 der Philosoph Hermann Cohen.
Die Machtergreifung der Nationalsozialisten machte den Juden das Leben in Marburg immer schwieriger. Das Haus in der Schwanenallee 15 wurde mit fünf weiteren ab 1939 zu einem „Ghettohaus“ erklärt. Juden wurden dazu gezwungen, ihre bisherigen Wohnungen zu verlassen und auf engem Raum in diesen Häusern zu leben. Von 341 jüdische Personen in Marburg, die 1933 dort lebten, konnten einige in den folgenden Jahren auswandern. Diejenigen, die in Marburg blieben, wurden 1941 nach Riga, Theresienstadt und in die Vernichtungslager des Ostens deportiert und fast alle ermordet. Die jüdische Gemeinde Marburgs hörte auf zu existieren.


Neugründung 1945
Nach der Kapitulation Deutschlands kamen einige Juden, befreit aus Arbeitslagern und KZs, nach Marburg, so dass es zu einer vorübergehenden, scheinbaren Blüte der Jüdischen Gemeinde kam, es hielten sich zeitweise bis zu 300 Juden hier auf. Durch Auswanderungen, besonders nach Palästina, zählte man jedoch schon 1949 nur noch 70 Personen – eine Zahl, die bis 1961 auf 15 Personen zurück ging.


Die Tradition des Ortes
Die heutige Gemeinde entstand unter ganz anderen historischen Bedingungen und mit Menschen anderer Herkunft. Und dennoch gibt es etwas Verbindendes: Die Erinnerungen, die religiösen Traditionen und die Tatsache, dass jüdisches Leben wieder sichtbar geworden ist. Historiker sprechen daher von einer „Tradition des Ortes“ statt einer „Tradition der Familien“. Das heißt: Nicht dieselben Menschen oder Familien setzten die Geschichte fort, sondern das jüdische Leben an demselben Ort nimmt den Faden wieder auf, nachdem er gewaltsam abgerissen wurde. Plötzlich wirft die lokale Geschichte größere Fragen auf: Was bedeutet historische Kontinuität? Wer „erbt“ eine Tradition? Und wie geht eine Stadt mit den Brüchen ihrer eigenen Geschichte um? Das sind Fragen, die weit über Marburg hinausreichen.

Ich habe versucht, ein Treffen mit einem Vertreter der jüdischen Gemeinde zu organisieren, um mir dies zu erklären helfen, wurde aber an das Tourismusamt der Stadt verwiesen. Was vielleicht auch Sinn ergibt, denn die jüdische Gemeinde besteht heute im Wesenlichen aus russisch sprechenden Kontingentflüchtlingen, die mit Marburgs Geschichte wenig am Hut haben. Das Tourismusamt empfahl mir, den Weg zu gehen, Marktplatz, Wettergasse, Schlosssteig, mittelalterliche Synagoge, Ritterstraße, Universitätsstraße, Garten der Erinnerung. Außerhalb der Oberstadt liegt der alte jüdische Friedhof am Rotenberg aus dem 19. Jahrhundert mit gut erhaltenen Grabsteinen bedeutender Marburger Familien. Die Strecke dauerte zu Fuß etwa 90 Minuten.

Die neue Synagoge


Ab 1978 organisierte Willy Sage, Gründer und Vorsitzender der Marburger Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, gemeinsam mit dem Magistrat regelmäßige Besucherwochen für ehemalige jüdische Marburger. Als sich 1983 der Israeli Amnon Orbach entschloss, in Deutschland zu leben und die deutsche Sprache zu lernen, sah er sich vor folgende Situation gestellt: “In Marburg gab es kein Judentum. Ich fand 25 meist ältere Juden, die getrennt von ihrer Religion lebten, ohne einen gemeinsamen Treffpunkt, ohne Leitung, ohne jemanden, der Hebräisch verstand. Ich fand einen jüdischen Friedhof in gutem Zustand.” Für Orbach war klar: “Ohne jüdisches Leben kann ich in dieser Stadt nicht existieren. Ohne Judentum ist eine Stadt wie Marburg eine leere und arme Stadt.” Seither sammelte er alle Marburger Juden und begann wieder Gottesdienste abzuhalten und eine Gemeinde aufzubauen. 1989 stellte die Stadt Marburg der Jüdischen Gemeinde schließlich eigene Räume im Haus Pilgrimstein 25 zur Verfügung. Auch die alten Torahrollen hielten Einzug in den neuen Synagogenraum.

In den 1990er Jahren emigrierten viele Juden aus der Sowjetunion. 1,5 Millionen wanderten aus. Viele gingen nach Israel, eine größere Gruppe kam nach Deutschland und auch nach Marburg. Sie brachten ihre Familiengeschichten, Traditionen, Erinnerungen und Rituale mit, verknüpften sie mit den Erinnerungen. Doch die Gemeinde erreichte nie wieder ihre alte Größe. Heute ist die Jüdische Gemeinde Marburg eine von elf in Hessen und gehört zum Landesverband. Im Jahr 1989 gab es in Marburg ungefähr dreißig Juden. Ihre Zahl hat sich mehr als verzehnfacht: auf heute 360 Mitglieder. Diese Zahl spiegelt aber lediglich die Anzahl der halachischen Juden wider, also derjenigen, die nach dem jüdischen Religionsgesetz als Juden gelten. Wenn man deren Familienangehörige mitzählt, betreut die Jüdische Gemeinde heute insgesamt über 500 Personen. So war das jüdische Gemeindezentrum am Pilgrimstein nicht nur ein Ort religiöser Veranstaltungen, sondern wurde zum Mittelpunkt für die Integration dieser Zuwanderer.

Am 26. November 2005 konnte eine neue Synagoge in der Liebigstraße eingeweiht werden, am 28. Oktober 2010 wurde eine neue Thorarolle vollendet und in die Synagoge gebracht. Über die gesamte Oberstadt verteilt liegen heute zahlreiche Stolpersteine vor ehemaligen Wohnhäusern jüdischer Familien.

Die heutige Synagoge der Stadt Marburg steht im Südviertel. Seit 2005 ist sie das Zentrum der jüdischen Gemeinde. Die religiöse Vielfalt, Offenheit und Bereitschaft zum interreligiösen und interkulturellen Dialog, welche die jüdische Gemeinde auszeichnen, ist ihr wichtigstes Gut. Denn antisemitische und rassistische Anfeindungen nehmen auch in Marburg zu. Auch sie haben hier noch ihren “fruchtbaren Bauch”. „Wenn das Gestern anklopft: Lektionen aus dem Untergang“ lautete passenderweise der Titel des Vortrags von Professor Thomas Weber im Rahmen des Marburger Stadtgesprächs am 16. Juni 2026 im Technologie- und Tagungszentrum (TTZ). Thomas Weber ist Professor für Geschichte und internationale Politik an der University of Aberdeen und „Visiting Fellow“ der Hoover Institution an der Stanford University.


Themenweg “Braunes Marburg”

So gibt es einen jüdischen Themenweg, es gibt die Gebrüder Grimm und ihre visualisierten Märchen, es gibt die Wege, die von Influencern angepriesen werden, es gibt meinen privaten, und es gibt den Themenweg “Braunes Marburg”.

Wer diesen ebenfalls von der Geschichtswerkstatt angelegten Weg betritt, erfährt, dass sich die nationale und antidemokratische Haltung vieler Angehöriger der Universität mit der Einstellung der Marburger Bevölkerung deckte, die der NSDAP bereits vor 1933 große Erfolge bescherte. Das zeigte sich auch im Umgang mit den Morden von Mechterstädt. Mitglieder des „Studentenkorps Marburg“ erschossen am 25. März 1920 fünfzehn Arbeiter auf der Straße von Mechterstädt nach Gotha. Alle Täter wurden freigesprochen. Die Universität rechtfertigte deren Handlungen als “opferbereite Hingabe in der Stunde der Not”. Und diesen Geistes waren auch die studentischen Verbindungen, auch das Corps Teutonia, das heute schreibt, “seit 1825 (dem Gründungsjahr) unabhängig von Herkunft, Religion und politischer Überzeugung” zu sein. “Den Umgang mit den jüdischen und jüdisch versippten Corpsbrüdern” will das Corps Teutonia Marburg im Jahr 2007 “selbst aufgearbeitet” haben.


Auf dem etwa 45-minütigen Stadtrundgang “Braunes Marburg” werden verschiedene Themen der nationalsozialistischen Herrschaft vertieft. Er wurde im Rahmen des 800jährigen Stadtjubiläums geschaffen und ist das Ergebnis jahrelanger Recherchen. Und im nächsten Jahr, zu ihrem 500. Jubiläum, wird auch Erwähnung finden, welchen bösen Beitrag die Universität Marburg geleistet hat, z.B. mit dem Erbgesundheitsgericht, in dem Mediziner über Zwangssterilisationen entschieden, oder der Untat auf der Weidenhäuser Brücke, über die der jüdische Medizinstudent Jakob Spier in einem entwürdigenden Spektakel von der SA getrieben wurde, der SA-Spielmannszug vorneweg, dahinter Spier, dem sie ein Schild umgehängt hatten “Ich habe ein Christenmädchen geschändet” und danach eine johlende Meute. Jakob Spier gelang zum Glück mit seinem jüngeren Bruder die Flucht in die USA und wurde dort zu einem angesehenen Pathologen und Universitätsprofessor.


Die Geschichtswerkstatt erforschte auch den Einsatz von Zwangsarbeitern. 200 von ihnen erhielten eine symbolische Entschädigung. Zwischen 2003 und 2006 wurden drei Begegnungswochen mit ehemaligen Zwangsarbeitern organisiert.
Ein düsteres Kapitel erzählt die eng mit der Universität verbundene Blindenstudienanstalt. 1916 von Alfred Bielschowsky, Marburger Professor für Augenheilkunde mit dem Ziel eröffnet, blinden Menschen Zugang zu einer höheren Bildung zu verschaffen, wurde er als Jude bereits 1933 aus dem Vorstand herausgedrängt. Für ihn kam Wilhelm Pfannenstiel, Professor für Hygiene. Mit dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das die Zwangssterilisation und den Mord von als erbkrank angesehenen Menschen verfügte, brauchten die Schüler nun, um zu überleben, den “Nachweis”, dass sie nicht an einer erblichen Erkrankung litten. Diesen stellten ihre Mörder aus.
Der braune Themenweg hat eine Reihe von Stationen, deren Inhalte unter dem Internetauftrit des Tourismusamtes aufgerufen werden können. Zum Beispiel in der Elisabethkirche das Barlach-Kruzifix. Am 4. 11 1938 wurde vom Oberregierungspräsidenten Philipp II verfügt, „das Zeugnis eines abgeirrten Kunstempfindens zu entfernen“. Es sollte im Rahmen der Aktion ‚Glockenablieferung‘ zur Einschmelzung abgeliefert werden, wozu es glücklicherweise nicht kam. Zu nennen sind ferner die Hindenburg-Gräber, Emil von Behring und die Behringwerke, der Rathausschirn, das Erbgesundheitsgericht, der Kämpfrasen, das Deserteure-Denkmal, die Gedenkbänder zu den Deportationen am Bahnhof.
Hindenburg steht immer noch (als Nr. 68) in der Ehrenbürgerliste der Stadt Marburg: „Mit der gleichen gläubigen Hingabe wie zu dem Reichs-und Volkskanzler Adolf Hitler als dem Führer und Wiedererwecker aus schwerster Not blickt die Marburger Bürgerschaft auf den Herrn Reichspräsidenten, der durch die Ernennung des Kanzlers der nationalen Erhebung mit zum Siege verholfen hat“. Ehrenbürger Nr. 67 (Hitler) wurde 1946 gestrichen.

Kehrt die Vergangenheit zurück?


“Deport Israelis” oder sogar “Kill Israelis”: Seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 nehmen antisemitische Gewaltaufrufe zu. So sind in den vergangenen Monaten in Marburg immer wieder antisemitische Graffiti und Gewaltaufrufe gegen Juden und Israel aufgetaucht. Er werde sich nie an Schmierereien gewöhnen, die zum Beispiel dazu aufrufen, Israelis zu töten, sagt Thorsten Schmermund, Gemeinderat der Jüdischen Gemeinde Marburg. Die Situation der jüdischen Gemeinschaften werde immer schlechter. Schutzmaßnahmen müssten verstärkt werden, so dass einige Gemeinden spätestens seit dem Anschlag von Halle im Jahr 2019 private Sicherheitsdienste engagierten, erzählt Schmermund. Dabei sei es kein Widerspruch, sich für eine Verbesserung der humanitären Situation in Gaza einzusetzen und in Solidarität gegen den Hass gegen alles Israelische einzustehen, betont er. Der Slogan “Nie wieder ist jetzt” sei zu einer leeren Parole geworden.

Mein Marburger Themenweg



Und schließlich mein privater Themenweg? Ich habe in Marburg keine Spuren hinterlassen. Ich gehe gerne zum Markt, zum Schloss, zur Elisabethkirche, zum Spiegelslustturm, zu den Hansenhäusern, zur Dammühle, an die Lahn. Zuletzt war ich auch in der Haspelstraße, dort wo wir gewohnt haben. Eine nette Frau zeigte mir ihr Zimmer, denn heute beherbergt die Wohnung eine WG. Ja, ich gehe auch zum Friedhof, drücke mich an der Universitäts-Klinik vorbei und an der Elisabeth-Klinik, in der die Sieche war, der Raum wo die Alten zum Sterben hingelegt wurden. Ja, einige Überschneidungen zu den anderen Wegen, mit Ausnahme des Grimm´schen deprimieren mich. Und ja, es gab doch Spuren. Mit meinen Geschwistern kratzten wir unsere Namen auf einen Stein hinter dem Schloss, dort, wo man auf die Elisabethkirche herabschauen kann. Aber schon seit Jahren sind sie nicht mehr erkennbar.

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Hans-Herbert Holzamer

Autor Kurzvorstellung:

Freier Journalist und Autor

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

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