Der Mai steht vor der Tür, es ist Zeit, den Urlaub zu planen. Wo soll es heuer hingehen? Fragen wir, mit welchen Ländern die Bundesregierung Handel, Wandel und Politik betreibt, dann kommt fast jedes in Betracht. Will man aber auf dem Weg vom Flieger zum Strand oder zu den Attraktionen des Zielortes nicht an Kerker-Mauern vorbei gehen, hinter denen unschuldige Menschen leiden, will man mit sich im Reinen morgens in den Spiegel schauen, dann empfiehlt sich ein Blick in die Liste von Amnestie International, in der die Ekel- und Mafiastaaten verzeichnet sind.
So hat man eine Negativ- Auswahl: Dorthin besser nicht! Es gibt aber auch eine Positiv-Auswahl. Da bitte hin. Und da sticht, aus gegebenen Anlässen, Halle und Sachsen-Anhalt mit den diesjährigen Händel-Festspiele hervor. Also auf nach Halle.
Vom 5. bis 14. Juni 2026 finden die Händel-Festspiele mit mehr als 80 Veranstaltungen an 27 Spielorten unter dem Motto: “Mannsbilder- Helden, Herrscher, Herzensbrecher” statt. Im Blick stehen historische und gegenwärtige Männlichkeitsbilder. Händels liebende, zweifelnde und sich wandelnde Opern-Figuren berühren bis heute. Was verraten sie uns über historische Vorstellungen von Männlichkeit – und unsere eigenen?
Die Festspiele 2026 werden erstmals vom neuen Intendanten Florian Amort verantwortet und markieren einen bewussten Neubeginn für Sachsen-Anhalts größtes Musikfestival: Neben zehn Opern, drei Oratorien und zahlreichen Konzerten setzt das Festival mit gleich drei neuen Sparten gezielt auf Öffnung für neue Zielgruppen. Die Sparte Händel NOW bündelt genreübergreifende Formate im Stadtraum, darunter Wandelkonzerte im Botanischen Garten, Partys und Filmvorstellungen. Auch BRIDGES kehrt zurück – in konzeptionell erweiterter Form. Händel NEXT richtet sich mit Musiktheater, Workshops und einem Familienfest im Händel-Haus an Besucherinnen und Besucher allen Alters. Händel LAB bietet eine Plattform für künstlerische Experimente, Wissenschaft und Vermittlung, darunter die wissenschaftliche Konferenz der Abteilung Musikwissenschaft der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Ein besonderes Augenmerk gilt der Öffnung zur Stadt. Die Feierstunde auf dem Marktplatz eröffnet ebenso das neue Format “In Händel Veritas – Musik und Wein für (H)alle”, ein dreitägiges Weinfest mit Open-Air-Bühne im Herzen der Stadt.

In Halle, der Geburtsstadt von Georg Friedrich Händel, stehen die Händel-Festspiele seit jeher für Weltoffenheit, kulturelles Erbe und internationalen Austausch. So gewinnen gerade in Zeiten politischer Spannungen, wie jetzt im Wahlkampf für die Landtagswahl im Herbst 2026 solche kulturellen Ereignisse besondere Bedeutung. Mit Blick auf die Umfragewerte der AfD stellt sich die Frage, welche Rolle Kultur in gesellschaftlichen Debatten spielen kann. Händels Musik überschritt Grenzen – geografische, sprachliche und konfessionelle. Dieses Erbe wirkt bis heute. Die Festspiele sind Ausdruck für eine offene Gesellschaft. Vor dem Hintergrund politischer Polarisierung erinnern sie daran, dass Kultur verbinden kann, wo Politik oft trennt. Über Fragen nach gesellschaftlichem Zusammenhalt, demokratischen Werten und kultureller Identität wird in Halle nachgedacht. Das ist die aktuelle Botschaft: Kulturelles Erbe muss nicht rückwärtsgewandt sein, es gibt Orientierung für eine pluralistische Gesellschaft.
Man unterschätzt, was auf dem Spiel steht, wenn über eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt gesprochen wird und zugleich über Kultur. Denn es geht nicht nur um Theateretats, Museen oder Festivalförderung. Es geht um die Frage, ob Kultur ein Ort der Freiheit bleibt – oder zum Instrument politischer Disziplinierung wird. Autoritäre Kulturpolitik beginnt selten damit, Opernhäuser zu schließen. Sie beginnt harmloser. Mit der Frage, welche Kunst „volksnah“ ist. Welche Geschichte erzählt werden darf. Welche Künstler noch förderwürdig sind. Welche Institutionen als „zu woke“, „zu elitär“ oder „links“ gelten. Wer glaubt, das seien bloße Debatten, unterschätzt die Macht von Haushaltsplänen.
Gerade Sachsen-Anhalt ist dafür ein sensibles Terrain. Dieses Land lebt kulturell weit über seine Größe hinaus: Händel in Halle, Bauhaus in Dessau, die Reformationsstätten, eine dichte Theaterlandschaft. Das ist kein folkloristisches Beiwerk. Das ist geistige Infrastruktur.
Und genau diese Infrastruktur könnte unter einer rechtsnationalen Kulturpolitik nicht unbedingt zerstört, aber umcodiert werden. Weniger offene Gesellschaft, mehr kulturelle Erziehung. Weniger Streit, mehr Identitätsverwaltung. Weniger Kunst als Zumutung, mehr Kunst als Bestätigung. Die eigentliche Gefahr wäre womöglich nicht der Angriff auf Hochkultur, sondern ihre Vereinnahmung. Händel plötzlich als Kronzeuge einer imaginierten deutschen Tradition. Das Bauhaus entpolitisiert zum Designmuseum. Erinnerungskultur zurechtgestutzt auf nationale Selbstvergewisserung. Dann wäre Kultur nicht mehr unbequem. Dann wäre sie tot.
Denn Kunst lebt vom Zweifel. Nationalistische Politik lebt von Gewissheiten. Kunst irritiert Grenzen. Rechte Kulturpolitik zieht sie neu. Provokant gesagt: Eine AfD-Regierung müsste vielleicht kein einziges Theater schließen, um das kulturelle Klima eines Landes zu verändern. Es reicht, Angst förderfähig zu machen. Und hier liegt die in der Wahl zu entscheidende Frage für Sachsen-Anhalt: Ob Kultur künftig dekoratives Erbe sein soll – oder ein Ort demokratischer Gegenwehr. Denn irgendwann geht es nicht mehr darum, ob Händel-Festspiele gefördert werden. Sondern ob Händel noch für Offenheit stehen darf. Kultur ist keine Dekoration der Demokratie. Kultur ist ihr Stresstest.

Wer Kultur nur als Standortfaktor, Tourismuswerbung oder höfische Kulisse begreift, hat ihren Sinn nicht verstanden. Theater, Oper, Literatur, freie Szene, Festivals, Museen – sie sind keine verzichtbaren Subventionsempfänger. Sie sind Orte des Widerspruchs. Und genau deshalb geraten sie ins Visier autoritärer Fantasien. Wer Kultur auf „Heimat“, „Identität“ und nationale Erbauung reduzieren will, führt keinen harmlosen Traditionsdiskurs. Er betreibt politische Hinrichtung.
Ein freier Kulturbetrieb ist nicht dazu da, Macht zu illustrieren. Er soll sie befragen. Er soll stören. Er soll verwirren. Er soll provozieren. Jeder Gast, der zu den Händel-Festspielen nach Halle kommt, ist im Widerstand gegen eine Kulturpolitik, die Kunst nach Gesinnung sortieren will. Gegen eine Förderlogik, die Konformität belohnt. Gegen eine Rhetorik, die Künstler als „Volkserzieher“ haben will, bestehende Institutionen als „linke Netzwerke“ und kritische Kunst als Bedrohung markiert.
Der Angriff auf die Freiheit beginnt nie mit dem Verbot. Er beginnt mit dem Satz: Wofür braucht es das eigentlich? Er beginnt mit gekürzten Etats. Mit politischen Einflussnahmen auf Intendanten. Mit Misstrauen gegen offene Räume. Mit dem Wunsch nach fügsamer Kunst. Wer heute sagt, Kultur solle „weniger politisch“ sein, meint: weniger widerspenstig.
Doch Kunst, die nicht widerspricht, ist Dekoration. Und Dekoration wird von autoritären Systeme gebraucht. Und nur von ihnen. Gerade in Sachsen-Anhalt, dem Land von Händel, Bauhaus und revolutionären Ideen, wäre es ein historischer Verrat, Kultur auf Heimatkitsch schrumpfen zu lassen. Händel war kein Provinzpatriot. Das Bauhaus war kein Folkloreverein. Große Kunst war immer Grenzüberschreitung. Wer sie national einhegen will, hat sie schon verloren.
Wer nach Halle geht verteidigt den freien Kulturbetrieb nicht trotz seiner Zumutungen, sondern wegen ihnen. Er verteidigt das Recht auf dissidente Kunst. Auf Unruhe. Auf Experiment. Auf Internationalität. Auf Erinnerung, die weh tut. Auf Bühnen, die Macht irritieren. Auf Institutionen, die sich nicht einschüchtern lassen. Kultur darf nicht um Erlaubnis bitten, frei zu sein.
Wer nach Halle geht, lässt nicht zulassen, dass Förderrichtlinien entscheiden, was gedacht werden darf. Denn erst wird die Kunst angepasst, dann die Gesellschaft. Und wo Kultur schweigt, beginnt die Todeszone des Geistes.
Eine AfD-geführte Regierung in Sachsen-Anhalt könnte für das kulturelle Leben – je nachdem, wie weit Programmatik tatsächlich Regierungshandeln würde – weniger einen abrupten Kahlschlag bedeuten als eine schleichende Umcodierung dessen, was förderwürdig sein soll. Fünf mögliche Folgen werden diskutiert:
Kulturförderung würde politischer und selektiver werden.
Der Entwurf einer „patriotischen Kulturpolitik“, ist im Programm der AfD Sachsen-Anhalt beschrieben. Förderung würde stärker an ideologische Kriterien statt an künstlerische Qualität oder Vielfalt gebunden werden. Das träfe freie Szene, Soziokultur, experimentelle Kunst und internationale Projekte zuerst.
Erinnerungskultur geriete unter Druck.
Bauhaus-Erbe, Aufarbeitung von Nationalsozialismus und DDR-Geschichte könnten zu Konfliktfeldern werden. Sachsen-Anhalt mit Bauhaus Dessau Foundation und den Lutherstätten lebt kulturell von kritischer Geschichte, nicht nur von Tradition.
Es könnte eine Verschiebung von „Kulturförderung“ zu „Identitätspolitik von rechts“ geben.
Mehr Heimatpflege, weniger Gegenwartskunst. Mehr Kanon, weniger Experiment. Mehr „deutsches Erbe“, weniger Diversität. Das muss nicht sofort heißen, dass Opern oder Museen schließen — aber dass Förderlogiken sich verändern.
Selbstzensur wäre womöglich die größere Gefahr als offene Verbote.
Intendanten, Festivals, Künstler könnten vorsichtiger werden. Weniger Reibung, weniger Risiko, weniger politische Kunst. Das verändert ein Kulturklima tiefgreifend.

Gerade Leuchttürme wie die Händel-Festspiele bekämen politische Symbolkraft.
Plötzlich wäre selbst ein Barockfestival nicht nur Musik, sondern Austragungsort einer Debatte: kosmopolitisches Erbe oder nationale Vereinnahmung?
Eine autoritär-national gedachte Kulturpolitik zerstört Kultur selten zuerst durch Schließung von Theatern. Sie beginnt damit, zu definieren, was „wahre Kultur“ ist. Der Angriff kommt nicht mit dem Vorschlaghammer, sondern mit Förderrichtlinien. Kultur in Deutschland ist föderal, kommunal, zivilgesellschaftlich und institutionell robust. Theater, Stiftungen, Festivals, Vereine und Bundesförderungen haben Eigenständigkeit. Aber eine Landesregierung kann viel beeinflussen, wenn auch nicht alles kontrollieren.
Die eigentliche Frage ist nicht: Was macht eine AfD-Regierung mit der Kultur? Sondern: Was macht eine freie Kulturszene, wenn eine Regierung versucht, sie auf Linie zu bringen? Man unterschätzt, was auf dem Spiel steht, wenn über eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt gesprochen wird und zugleich über Kultur. Denn es geht nicht nur um Theateretats, Museen oder Festivalförderung. Es geht um die Frage, ob Kultur ein Ort der Freiheit bleibt – oder zum Instrument politischer Disziplinierung wird.
Denn irgendwann geht es nicht mehr darum, ob Händel-Festspiele gefördert werden. Sondern ob Händel noch für Offenheit stehen darf. Da kommt auf den neuen Intendanten einiges zu. Florian Amort: „Händel war ein Komponist von unermüdlicher Neugier – kühn, experimentierfreudig und stets auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Mit genau diesem Geist möchte ich meine Arbeit hier beginnen: mit Offenheit für neue Perspektiven, mit Respekt für die Tradition und mit der Überzeugung, dass Händels Musik uns heute noch bewegt.“ Florian Amort wird am 29. April 1992 geboren, wer von Ost-West-Gegensätzen redet, ist im Heute noch nicht angekommen. Es geht um künstlerische Freiheit oder um nationalistische Lähmung. Jeder Besucher setzt ein Zeichen und erhält als Lohn Händel auf die Ohren und einen guten Blick in den Spiegel.



