Zypern – Unter dem Eis schwären die Wunden

Jetzt (24. April 2026) treffen sich die Staatslenker der EU auf Zypern. Aber es geht nicht um dieses seit mehr als 50 Jahre geteilte Land, es geht um die Probleme in der Nachbarschaft, vor allem um die Ukraine und Russland. Die Türkei, die Zypern 1974 geteilt hat, wird geschont, der Hafen Mersin, der für Putins Schattenflotte wichtig ist, wird nicht gestraft. Deutschland nimmt Rücksicht. Grund genug, um selbst hinzufahren und mal an einem besonderen Ort genauer hinzusehen.

“No fotos y non se passan”. Der argentinische Blauhelm-Soldat, Mitglied der United Nations Peacekeeping Force in Cyprus (UNFICYP), ist höflich aber bestimmt. Der Besuch von Kokkina an der Nordküste Zyperns findet nicht statt, der nur von türkischen Soldaten bewohnte Ort Erenköy, so heißt er auf Türkisch, ist über Land nicht zu besuchen, auch sonst nicht. Der zyprische Präsident Nikos Christodoulidis hatte unlängst davon gesprochen, dass eine Transitstraße durch diesen Flecken das Leben “unimaginably” für die Bewohner in der Nähe liegender Dörfer verbessern könnte. Abgelehnt, sagt Ankara, das in der nur von der türkischen Regierung anerkannten Republik Nordzypern das Sagen hat. Das Unvorstellbare bleibt unvorstellbar.
Es ist ein Streit um eine wenige Kilometer lange Straße, die einen Umweg von 45 Minuten vermeiden würde, durch einen kleinen Flecken Land mit einer jedoch riesengroßen Symbolkraft. Es geht wie so oft “um alles”.

Wir näherten uns an der Küste über die Pachyammos-Beach, am Strand entlang. Um wieder an den Strand von Pyrgos in das von der Republik Zypern verwaltete Gebiet zu kommen, hätten wir keine 500 Meter überqueren müssen, denn die gesamte Exklave mit der offiziellen Einwohnerzahl “0” ist keine drei Quadratkilometer groß. Aber der argentinische Soldat stoppte uns, und wir machten uns auf den Weg über Land.
Für die Türken der Insel hat der Ort eine große Bedeutung, obwohl alle Türken und die zwei Griechen gleich mit, längst vertrieben wurden.
1960 entließ London seine Kolonie Zypern, bis auf die beiden Militärbasen Akrotiri und Dhekelia, in die Unabhängigkeit. Aber nicht in eine friedliche Zukunft – griechische und türkische Bevölkerungsteile stritten um die Kontrolle im plötzlich freien Land. Die Briten – obwohl Garantiemacht – kamen der Republik Zypern nicht zur Hilfe, die Türken wollten „Taksim“, die Teilung, die britschen Besitzungen waren nicht betroffen (bis heute). Im März 1964 entsandten die Vereinten Nationen eine Friedenstruppe (UNFICYP). Sie sichert, was andere real vorgeben. Da die Türken numerisch mehr als 1 zu 10 in der Unterzahl waren, massierte ihr Führer Rauf Denktaş sie an bestimmten Orten, so auch in Kokkina. Die Neusiedler benannten es in Erenköy um.
1962 war Kokkina der Landepunkt für Versorgung und Waffen aus der Türkei . Die TMT – die türkisch cypriotische Widerstandsorgansation unter Rauf Denktaş schleuste 500 junge Kämpfer in die Gegend. In August 1964 konterte die griechisch zyprische EOKA unter George Grivas mit 3000 Soldaten der Nationalgarte. Während der folgenden Kämpfe wurde das Gebiet um Erenköy von der Außenwelt abgeriegelt. Die Bevölkerung musste auf dem Meer Schutz suchen, viele Häuser der Ortschaft wurden zerstört. Doch die Türkei intervenierte. In einer in die türkischen Geschichtsbücher eingegangenen “heroischen” Schlacht wurden über 100 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt. Schließlich trat am 9. August 1964 ein Waffenstillstand in Kraft. Erenköy unterlag daraufhin bis November 1967 einer von der zyprischen Regierung verhängten Blockade und war durch den Nachbarort Pyrgos vom türkisch besetzten Gebiet getrennt. Die Restriktionen für die Einführung „nicht strategischer Güter“ wurden im Juni 1965 aufgehoben. 1971 lebten 677 türkische Zyprer in dem Ort. 1974 putschte eine von der griechischen Militärjunta in Athen gesponserte Clique unter Nikos Samson in Nikosia gegen die Regierung unter Erzbischo Makarios III. Dies nutzte Ankara am 20. Juli 1974 zur Invasion. Drei Tage nach der Invasion stürzte in Athen die Militärjunta, und in Griechenland kehrte eine zivile Regierung an die Macht zurück. Auch Nikos Sampson konnte sich in Zypern nicht an der Macht halten. Das genügte Ankara nicht. Am 8. August 1974 bombte die Turkish Air Force unter Verwendung von Napalm Kokkina, die umgebenden Dörfer und die Stadt Polis. Zwischen dem 14. und 16. August 1974 besetzte die Türkei den Norden der Insel, etwa 37 Prozent. Fast alle der rund 162 000 griechischen Zyprer flohen in den Süden oder wurden vertrieben. Mehr als 1200 Menschen gelten heute ,52 Jahre später, noch als “vermisst”. Mit dem angeblichen Schutz der Türken vor einem Völkermord hatte das nichts zu tun. In einem Waffenstillstandsabkommen wurde eine Demarkationslinie festgelegt, die die Insel seither teilt und aus Kokkina die Enklave Erenköy machte.
Nach dem Krieg 1974 und der Teilung der Insel blieb Kokkina eine Enclave, weil es der türkischen Armee nicht gelungen war, Pyrgos einzunehmen, das Kokkina vom übrigen besetzten Gebiet trennte. Im November 1976 wurden alle Bewohner in das ehemals griechisch-zypriotische Yialousa auf dem Karpas im Norden des Insel umgesiedelt, das die Regierung in Yeni Erenköy (Neu Erenköy) umbenannte. Seither ist Erenköy nur noch von Militärangehörigen bewohnt und von seiner unmittelbaren Umgebung abgeschnitten.
Am 15. November 1983 rief das türkische Parlament der besetzten Nordteile die “Türkische Republik Nordzypern” aus, die indes nur von der Türkei anerkannt wird.
In der Nähe der Demarkationslinie fahren wir ins Landesinnere, um nach einem Bogen südlich um Kokkina herum Pyrgos zu erreichen. Alsbald in den Bergen, das Meer ist zu sehen, bietet sich eine bizarre Szenerie. Ein Streifen, etwa einen Meter schmal, zieht sich den Berg hoch. Er erinnert an die innerdeutsche Demarkationslinie. Es ist jedoch kein grünes Band sondern ein gelbgrauer, staubiger Streifen, einen guten Meter breit. Davor Ruinen griechischer Militäranlagen, verborgen hinter rostigem Stacheldraht. Fünf Blockhäuser können wir erkennen. Auf dem Bergrücken hinter Pomos befindet sich eine griechische Radarstation zur Überwachung all dessen, was über die See oder durch die Luft nach Kokkina / Erenköy kommt. Ein paar Kilometer weiter sind Stellungen der türkischen Armee zu sehen, die Flaggen der Türkei und der Satrapen-Republik TRNC sind in den Hang des Berges gefräst. Auf der höchsten Stelle des Bergrückens ist der UNIFCYP post 3, besetzt mit argentinischen und chilenischen Truppen. Ein “eingefrorener Konflikt”? Eher ein nicht versorgter Riss, eine schwärende Wunde in einer mediterranen Landschaft. Eher Krieg als Frieden. Wir fahren die gesamte, schmale, kurvige Straße bis Pyrgos ab. Schilder in Englisch weisen uns auf die Gefahr von Minen hin. Streunende Ziegen kümmern sich nicht darum, knabbern an verkrüppelten Pinien und wilden Olivenbäumen. Wir wünschen ihnnen Glück. Zykaden schreien im Gestrüpp zwischen felsigem, steilen Gelände. Warnung oder Protest? Sie können am Wenigsten für menschliches Tun. Wenn wir halten, befolgen wir das Fotografierverbot. Keiner fühle sich provoziert.
Hier ist alles gefährlich. Bis heute sind die Positionen zwischen den beteiligten Parteien verhärtet. Neben Ankara fordert auch der nordzyprische “Präsident” Ersin Tatar, der seit 2020 im Amt ist, Taksim, die „Zweistaatenlösung“. Bei seinem Besuch zum 51. Jahrestag der Invasion türkischer Truppen im Norden Zyperns, Mitte Juli 2025, bekräftigte der türkische Präsident Erdoğan die Forderung nach der völkerrechtlich verbindlichen Trennung. Gespräche über eine Wiedervereinigung lehnte er ab. Nur wenige Tage zuvor hatte sich UN-Generalsekretär António Guterres mit Vertretern des griechischen und des türkischen Teils Zyperns getroffen und von einem „konstruktiven“ Gespräch berichtet. Die Republik Zypern – wie auch UN und EU – strebt eine Föderation mit zwei Bundesstaaten an. Unlängst, im April 2026, gab es Gespräche der beiden Volksgruppen. Auch sie scheiterten, wie schon der Annan-Plan 2004. Die griechischen Zyprioten sahen in der EU einen besseren Schutz ihrer nationalen Rechte, wenn EU-Recht auch nur in der Republik Zypern gilt. Der Zypernkonflikt blieb ein Streitpunkt. Konflikte um Rohstoffe, wie beispielsweise Erdgasvorkommen im Mittelmeer, aber auch die geografische Nähe Zyperns zu militärischen Konfliktregionen, wie beispielsweise Nahost- und Irankrieg belegen die Bedeutung der geostrategischen Lage der Insel fortwährend. Denn um Zypern herum kochen die Krisen. Erst vor wenigen Tagen wurde die Fähigkeit der Insel im Rahmen der Übung Argonaut/ESTIA geprobt, Hafen für mögliche Notfall-Evakuierungen zu sein. Syrien ist nah, der Libanon, Israel, der Gaza-Streifen, Ägypten, alles keine Flugstunde entfernt, dazu kommen die Gasfelder im Mittelmeer. Die Türkei will Bohrungen in der Wirtschaftszone Zyperns durchführen, die EU protestierte, die Türkei behinderte genehmigte Bohrungen der Italiener, die EU protestierte. Aber mehr nicht. Man stelle sich vor, die Türkei bohrte im amerikanischen oder russischen Festlandsockel. Jetzt hat Zypern das im Feld Aphrodite zu fördernde Gas für 15 Jahre an Ägypten verkauft, berichtete die Cyprus Mail am 11. April 2026.

Auf unserer Fahrt nach Pyrgos sehen wir die fern-nahen Küsten nicht, auch keine Bohrtürme, welche den unermesslichen Reichtum im Untergrund anzapfen sollen. Doch der Schutz des EU-Mitglieds Zypern vor gierigen Aggressoren ist schwach. Berlin gibt sich seltsam desinteressiert und schiebt vor, die Griechen hätten selbst schuld, weil sie den Wiedervereinigungs-Vorschlag der UN abgelehnt hätten. Doch wer die Vereinbarungen liest, welche konkret die Handlungsunfähigkeit der zyprischen Regierung bedeutet und selbst den Briten aufgrund ihrer Stützpunkte Hoheitsrechte am Schelf eingeräumt hätten, der kann die Ablehnung verstehen.

Und wenn im portugiesischen Fado die Saudade, die Sehnsucht nach dem verlorenen lusitanischen Weltreich, nachklingt, ist es im Rembetiko die Trauer darüber, die Türken zum Nachbarn zu haben. Auch Kreta, die Heimat von Alexis Zorbas, dem Sirtaki tanzenden Filmhelden, war lange Zeit unter osmanischem Joch. Und Griechenlands und Zyperns Freunde? Die Engländer waren und sind jedenfalls keine, wie man in dem Buch „Bittere Limonen“ von Lawrence Durrell nachlesen kann. Zuletzt im April 2026 haben sie jede Verhandlungen über ihren kolonialen Besitz abgelehnt. So beschreibt „die Zypern-Frage“ einen „eingefrorenen Konflikt“, und hört man den türkischen Präsidenten Erdogan dieser Tage, sind für ihn die Verträge von Lausanne und Montreux auch nur von relativer Bedeutung, und können seinen Expansionsplänen nicht im Wege stehen. Bei einem Besuch im besetzten Varoscha 2021 drohte er unverhohlen, auch wieder militärisch auf der Insel einzugreifen. Die Lehren von Zypern 1974 und der Krim 2014? Konflikte gehören gelöst und nicht „eingefroren“. Der Kommentar von Henry Kissinger, dem ehemaligen Außenminister der USA, im Jahre 1974: „Our friends have gone too far.“ Er meinte damit, dass sich die Türkei ab 8. August 1974 mit fast 40 Prozent mehr als den konzedierten Prozentsatz der Insel griff. Die USA waren also eingeweiht.


Bis in die jüngste Vergangenheit gab es Gespräche zwischen griechischen und türkischen Zyprern, aber die Erfolgsaussichten werden immer schlechter. Im Norden geraten die türkischen Zyprer aufgrund der Siedlungsprogramme Ankaras in die Minderheit, Ersin Tatar der Chef der besetzten Gebiete, vertritt die Interessen der Türkei. Der Konflikt um die Gasvorräte im Mittelmeer mit der Türkei ist erstarrt, die Übergänge in den Norden waren bis zum 1. Juni diesen Jahres zur Eindämmung der Corona-Pandemie geschlossen worden. Zyperns Staatspräsident Nikos Anastasiadis zeigte sich bereit, erneut in Verhandlungen einzusteigen, macht aber zugleich klar, wo für ihn die Grenzen liegen: „Eine Zwei-Staaten-Lösung, wie sie die Türkei will, wird es nicht geben. Das wird weder von Europa und der internationalen Staatengemeinschaft noch von uns akzeptiert.“
Bis in die jüngste Vergangenheit gab es Gespräche zwischen griechischen und türkischen Zyprern, aber die Erfolgsaussichten werden immer schlechter. Im Norden geraten die türkischen Zyprer aufgrund der Siedlungsprogramme Ankaras in die Minderheit, Ersin Tatar der Chef der besetzten Gebiete, vertritt die Interessen der Türkei.
Natürlich sollten die Zyprer mehr der Zukunft zugewandt sein. Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2017 gewesen zu sein, war ein Versuch nicht nur für Paphos. Wirklich nachhaltig war er nicht. Die Europäische Union sichert gegen türkische Aggressionen ab, saniert die Straßen und Gemeinden, garantiert Reisefreiheit und Wohlstand, der Tourismus hat nach dem Drohnenangriff aus Akrotiri wieder Fahrt aufgenommen. Aber die Seele der Zyprer wird nicht von Visionen der Zukunft erheitert, sondern von den Gespenstern des Gestern malträtiert, Rembetiko ist ihre Hymne. Die Teilung Zyperns bleibt eine Wunde, die von Kokkina 180 Kilometer lang, mitten durch die Hauptstadt Nikosia bis zur Geisterstadt Varosha führt, die man aber nicht um jeden Preis schließen will. Fast 200 Tote hat die UNFICP inzwischen zu beklagen.
Beim Limnitis-Fluss beginnt unser Abstieg herab nach Pyrgos und zum Meer. Hier reihen sich Hotels an Hotels, wir suchen Zuflucht im Pyrgos Bay Hotel, die Gäste rekeln sich am Strand in der Sonne, der Gegensatz in wenigen Kilometern ist kaum zu fassen und beschreibt die Absurdität der Realität.

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Hans-Herbert Holzamer

Autor Kurzvorstellung:

Freier Journalist und Autor

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

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