Die verborgenen Schätze der heiligen Bijagos-Inseln – Arche Noah vor der Westküste Afrikas

Weltvergessen dümpelt der Bijagos-Archipel vor der westafrikanischen Küste – wie eine Arche Noah mit seltenen Arten und einer einzigartigen, ursprünglichen Kultur. Auf 88 Inseln, geprägt von Mangroven, Palmenhainen und einsamen Stränden, hat sich eine besondere Tierwelt erhalten, darunter Flusspferde, die im Meer leben, und einer der bedeutendsten Nistplätze für Meeresschildkröten weltweit. Über Jahrhunderte wurden sie geschützt durch ein matriarchalisches Kriegervolk und dessen Naturreligion. Seit 2025 stehen sie als erstes Welterbe Guinea-Bissaus unter dem Schutz der UNESCO.
Text und Fotos: Helgard Below
Eine stundenlange Bootsfahrt durch ein riesiges Areal aus grasgrünem Mangrovendschungel, palmengesäumten Sandbänken und Gezeitenströmen führt zur verbotenen Insel Poilão. Vorbei an Fischern in Einbäumen und begleitet von fliegenden Fischen und Seeschwalben. Bei der Ankunft strahlt eine von Felsen gerahmte Bucht in der Tropensonne und lädt ein zum Bad in den türkisblauen Fluten. Tagsüber wirkt Poilão wie eine normale Insel. Fast. Denn der Strand ist übersät von Mulden und kreuz und quer verlaufenden, tiefen Spuren. Sie könnten von Quads stammen, wäre die Insel nicht menschenleer. Hinter dieser durchwühlten Sandkiste erhebt sich eine Wand aus Kokospalmen, Kapokbäumen und Schlingpflanzen. Sie wirkt nicht nur undurchdringlich, sie ist es auch: dahinter liegt die verbotene Zone.

Eines der kleinsten Länder Afrikas
Poilão ist die südlichste Insel im Bijagos-Archipel vor der Küste von Guinea-Bissau, einem der kleinsten Länder Afrikas. Mit ihren 88 Inseln, von denen nur 20 bewohnt sind, sind die Bijagos die größte Inselgruppe Westafrikas, Biosphärenreservat und Refugium für wilde Tiere. Seit Juli 2025 stehen die Küstenökosysteme des Archipels und einer der weltweit bedeutendsten Nistplätze für Meeresschildkröten zudem als erstes Welterbe Guinea-Bissaus unter dem Schutz der UNESCO. Grüne Meerkatzen, fünf Meeresschildkröten-Arten, Zwergkrokodile, Seekühe, Buckeldelfine, Haie, jährlich 800.000 Zugvögel und sogar Flusspferde, die im Meer leben, finden hier ihren Lebensraum. Dennoch ist die Region ein Geheimtipp: jährlich besuchen sie weniger als 10.000 Reisende.
Geheime Rituale und seltene Tiere
„Das Innere von Poilão ist geheimen Initiationsritualen vorbehalten,“ lüftet Guide Belmiro Lopes das erste Mysterium der Insel. Mit Maskentänzen werden diese eingeleitet, dann ziehen die jungen Menschen in den Busch. Mehrere Monate müssen sie alleine überleben, um eingeweiht und in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufgenommen zu werden. Nur der Strand von Poilão und ein Zeltlager dürfen von Besuchern betreten werden. Diese können sich auf Überraschungen gefasst machen. Der Abend beginnt mit einer Inselumrundung. Belmiro weist hin auf Walknochen im Sand, die wasserspeichernden Stämme der Baobabs und Palmengeier in den Baumwipfeln. Sie warten auf das Gleiche wie Belmiro. Wenig später hat er ein Loch entdeckt, aus dem sich kleine Grüne Meeresschildkröten ans Licht graben. Wie ein Uhrwerk schlagen die Winzlinge mit ihren Flossen und robben unermüdlich Richtung Meer. Denn die Geier haben sich schon in die Lüfte erhoben. Für sie ist der Strand, an dem alle paar hundert Meter Schildkröten schlüpfen, ein reich gedecktes Büffet.

Urtiere unter dem Sternenhimmel
Als das Zirpen von Grillen die Nacht einlullt, Orion und Plejaden aufgegangen sind und Sternschnuppen aus dem Himmel fallen, schalten die Gäste ihre roten Stirnlampen an. Im Dunkeln geht es erneut an den von kleinen Kratern übersäten Strand, um das zweite Inselrätsel zu lösen. Meeresleuchten zaubert ein blaues Glimmen in die Fluten, aus denen nun die urweltlichen Verursacher der Sandkrater auftauchen. Die eineinhalb Meter großen, bis zu 200 Kilo schweren Mutterschildkröten bahnen sich wie kleine Panzer einen Weg durch den Sand – und graben Mulden, um jede etwa 100 Eier abzulegen. Die Handvoll Besucher ist hautnah dabei, als die tischtennisballgroßen Eier in den Sand plumpsen. Danach schaufeln die gepanzerten Reptilien, die schon die Dinosaurier überlebten, Sand über das Gelege. In einigen Nächten kommen 60-70 Schildkröten an Land. Mit rund 10.000 eiablegenden Weibchen sind die Bijagos der wichtigste Nistplatz der Grünen Meeresschildkröte in Afrika und einer von vier Hotspots weltweit.

Die Queen und der Frieden
Die Abgeschiedenheit der Inselgruppe und das kriegerische Volk der Bijagos erlaubten das Überleben mutterrechtlicher Strukturen und einer von Priesterinnen angeführten Naturreligion. Jahrhundertelang konnte sich der Archipel der Kolonisation widersetzen. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts handelte die hochverehrte Queen Okinka Pampa mit den Portugiesen Frieden aus, beendete die Sklaverei und stärkte die Frauenrechte. Bis heute haben Frauen oft das Sagen und der animistische Glaube mit Ahnen und Göttern, die in der Natur leben, führt zum Erhalt seltener Arten.
Etwa 1500 Menschen wohnen auf der zweitgrößten Insel Orango im Einklang mit der Natur, mitten im gleichnamigen Nationalpark. Die spanische NGO CBD‐Habitat und das lokale Institut für Biodiversität IBAP verwalten den Nationalpark, das einzige Hotel wird von der NGO Associação Guiné Bissau Orango geleitet. Es besteht aus 14 reetgedeckten Bungalows am Meer. Maximal 28 Gäste teilen sich Strand und Insel mit Fischern, Bauern und Muschelsucherinnen. Mit ihrem Aufenthalt unterstützen sie die Mikro-Projekte des Hotels zur Erhaltung der Traditionen und der Natur. Die NGO überwacht die vom Aussterben bedrohten Seekühe, schützt Reisfelder durch solarbetriebene Elektrozäune vor den Hippos, gründet Frauenkooperationen, bewahrt den lokalen Karneval, errichtet Brunnen, Grundschulen und Krankenstationen.

Im Dorf Eticoga, bestehend aus Lehm- und Steinhäusern unter Mangobäumen, dürfen die Hotelgäste einem Tanz junger Frauen beiwohnen, die sich auf ihre Initiation vorbereiten. Die Mädchen entzünden ein Feuer, stimmen die Trommeln und geben den Takt an. Eine junge Frau im Bastrock mit Rasseln an den Knöcheln beginnt den Tanz, eine zweite stößt hinzu. Doch sie brechen ab, kichern verlegen. Zuschauer sind sie nicht gewohnt. Touristen-Tamtam ist hier unbekannt. Die Gruppe sammelt sich und kommt nun in Fahrt. Baströcke wirbeln herum, Rasseln scheppern, das Tempo steigert sich.
Flusstiere im Meer

Am nächsten Tag setzt Belmiro sich auf die Fährte einer tonnenschweren Spezies. Erste Spuren sind am Strand zu finden. „Unsere Flusspferde baden abends im Salzwasser, um ihre Parasiten loszuwerden,“ erklärt Belmiro, „das ist weltweit ziemlich einzigartig. Sie schwimmen sogar über große Distanzen von Insel zu Insel!“ Das Gebiet war früher Teil eines Flussdeltas, erst vor 2000 Jahren brach die Landverbindung ab. So gelangten die etwa 350 Flusspferde ins Meer. Durch eine Palmensavanne geht es zur Anôr Lagune. Dort verbringend die Dickhäuter ihre Tage. Meistens. Knallbunte Bienenfresser und Pelikane flattern durch die Lüfte. In der Lagune tummeln sich Ibisse und Löffler, zwischen Seerosen blinzeln zwei Zwergkrokodile hervor. Doch die Nilpferde lassen sich nicht blicken. Belmiro ahmt ihr sonores Grunzen nach. In den Mangroven erklingt eine Antwort, aber keins der Tiere will sich zeigen. Die Wildnis bleibt eben wild und unplanbar!

Foto: Fundacion CBD-Habitat
Infos
Klima und Reisezeit: Die beste Reisezeit ist die Trockenzeit von November bis Mai. Schildkrötensaison ist von August bis März. Die Durchschnittstemperatur liegt bei 26 ° Celsius, es ist ganzjährig warm mit hoher Luftfeuchtigkeit.
An- und Einreise: mit TAP Portugal über Lissabon oder Royal Air Maroc über Casablanca. Visa gibt es bei der Einreise für 80 Euro. Weiter mit dem Aluminiumboot des Orango Parque Hotels in ca. 4 Stunden nach Orango Island.
Gesundheit: Eine Gelbfieberimpfung ist vorgeschrieben, Hepatitis A und B und Malariaprophylaxe werden empfohlen.

Übernachtung:
Orango Parque Hotel: unterstützt mit Projekten die Einheimischen und den Naturschutz. Einfache, geschmackvolle Ökolodge mit Ethno-Charme mit 8 Standard Bungalows hinter und 6 Premium Bungalows direkt am Strand für maximal 28 Gäste. Die runden Bungalows werden nur durch die Meeresbrise gekühlt und auf der Terrasse des Haupthauses gibt es Drinks und portugiesisch inspirierte Gerichte aus frischen regionalen Produkten. Drei Boote und Kajaks stehen für Touren zur Verfügung. Ein kleines Museum mit Shop informiert über die Kultur. Guides sprechen Englisch, Spanisch und Portugiesisch. Hochseefischen kann organisiert werden. Ein 5tägiger Aufenthalt wird empfohlen, um alle Angebote nutzen zu können, www.orangohotel.com.
Bissau Royal Hotel: bestes Hotel in der Hauptstadt Bissau mit gediegener Lobby, großzügigen Zimmern und gehobenen Suiten mit Aircondition, Restaurant, Rooftop-Pool und -Bar, DZ ab 150 Euro für zwei, www.bissauroyalhotel.com.
In den Koffer: Riffschuhe/Trekkingsandalen für nasse Passagen auf den Inseln und den Ein- und Ausstieg ins Boot. Reisetabletten für Menschen, die leicht seekrank werden. Sonnenschutz.
Nationalparks: Der João Vieira and Poilão Marine Nationalparks besteht aus 6 Inseln, alle sind heilig und nur mit Genehmigung betretbar. In den NPs Dulombi und Cantanhez gibt es auch Schimpansen, Elefanten, Kolobus-Affen und Büffel, www.ibapgbissau.org.
Kreuzfahrten: einwöchige Bijagos-Touren für Sportfischer und Abenteurer mit der Africa Princess, einem 16 m langen Katamaran mit zwei Decks und vier Kabinen, www.africa-princess.com. Gruppenreisen: 12tägige Reise Inselhüpfen und Karneval auf dem Bijagos-Archipel ab 5090 inkl. Flug mit Diamir, www.diamir.de. 14tägige Kulturreise nach Senegal, Gambia und Guinea-Bissau bei Akwaba Afrika ab 4595 ohne Flug, https://akwaba-afrika.de. 9tägige Reise auf die Bijagos-Inseln oder 9tägige Rundreise Gambia, Senegal, Guinea-Bissau mit Oase Reisen ab 3590 bzw. 2490 Euro ohne Flug, www.oasereisen.de.



