Punkte, Punkte und wieder Punkte: Der Kosmos der Yayoi Kusama ist voller Punkte. Das Museum Ludwig in Köln widmet der japanischen Künstlerin derzeit eine Retrospektive mit über 300 Werken. Die Ausstellung ist bis zum 2. August 2026 zu sehen und feiert zugleich das 50-jährige Bestehen des Museums – ein guter Anlass für einen Köln-Besuch.
Eine riesige Kürbisskulptur, satt gelb und übersäht mit schwarzen Polka dots: Eines der bekanntesten Werke der 97jährigen Yayoi Kusama steht zur Begrüßung im Foyer des Museum Ludwig und stimmt auf die Reise durch den Kosmos der Künstlerin ein. „Ich liebe Kürbisse wegen ihrer humorvollen Form, ihrer Wärme und ihrer menschenähnlichen Qualität“, schwärmte Kusama einst über ihre Lieblingsobjekte.

© YAYOI KUSAMA, Foto: Historisches Archiv mit Rheinischem Bildarchiv, Marc Weber
Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit der Fondation Beyeler (Riehen/Basel) und dem Stedelijk Museum Amsterdam realisiert. Sie spannt einen Bogen von den frühesten Werken Kusamas bis heute. Zu sehen sind aus dieser über 80 Jahre währenden Schaffenszeit großformatige Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Mode sowie Filme über ihre legendären New-York-Performances. Zudem erfährt man von Kusamas literarischer Begabung; denn sie veröffentlichte auch zahlreiche Bücher und Lyrikbände. Dort verrät sie: „Wenn ich eines Tages alt, krank und tot bin in 200 oder 500 Jahren, möchte ich immer noch Bilder malen.“
Begehbare Rauminstallationen
Highlight ist eine 2025 eigens für die Ausstellung im Museum Ludwig konzipierte, begehbare Rauminstallation mit einem Infinity-Mirror-Room. Wenn man den gelb-schwarzen Raum mit seinen wurmartigen Gebilden durchwandert, fühlt man sich als Teil eines unendlichen Labyrinths ohne Anfang und ohne Ende. Großes Kino ist auch die Installation auf der Dachterrasse des Museum, bei der überdimensionierte bemalte Bronzeblüten in den Dialog mit dem Kölner Dom, den Wolken und dem Himmel treten.


Kusama wurde 1929 in Matsumoto nahe Nagano geboren. Um ihre Welt zu verstehen, ist ein Blick zurück in ihre Kinder- und Jugendzeit notwendig. Ihre Mutter erzog sie streng. Sie wünschte, dass das Mädchen traditionell japanisch aufwachsen sollte. Für eine kreative Künstlerseele gab es keinen Raum.


Porträtfoto der 10-jährigen Yayoi Kusama und Porträt eines jungen Mädchens, 1939, Sammlung der Künstlerin © YAYOI KUSAMA, Fotos: cmy
Halluzinationen und visuelle Phänomene
Früh traten bei Kusama Halluzinationen, Angstzustände und psychische Erscheinungen auf, die sie ihr ganzes Leben begleiten sollten. Bis heute sieht die Künstlerin überall die Punkte und Netze, die sie zu ihren ikonischen Kunstwerken inspirieren. Den Beginn dieser visuellen Phänomene in ihrer Kindheit beschrieb Kusama später einmal so: „Ich wachte eines Morgens auf und sah, dass das Fenster mit einem Netz überzogen war. Ich ging zum Fenster und berührte es. Da sprang das Netz auf mich über und bedeckte meinen ganzen Körper. Ich schrie um Hilfe, dann verlor ich mein Bewusstsein.“ Sie habe begonnen „sich selbst aufzulösen, … ich reduzierte mich auf ein absolutes Nichts.“
Neustart in New York
Diese Worte ziehen sich wie ein roter Faden durch Kusamas beeindruckendes Schaffen. Die Kunst gab ihr die Kraft, ihre inneren Dämonen zu bändigen. Kämpfen musste sie auch gegen familiäre Widerstände: Zwar setzte sie gegen den Willen ihrer Eltern den Besuch der Kunstakademie in Kyoto ab 1948 durch. Aber mit ihren Werken voller Punkte, Netze und Muster reüssierte sie im Japan der Nachkriegszeit nicht wirklich. 1958 entschied sie sich, nach New York zu gehen. Das Flugticket finanzierten ihre Eltern nur unter der Bedingung, ihre Tochter möge nie nachhause zurückkehren.
Performances, Happening und Protest

© J. Paul Getty Trust
In New York veranstaltet sie Performances, wird Teil der Flower-Power-Bewegung und erregt Aufsehen mit provokanten Happenings. Dazu bemalt sie nackte Körper. Womit? Natürlich mit Punkten. Sie sieht diese Aktionen als Protest gegen den Irrsinn des Vietnam-Krieges. Es entsteht in dieser Zeit mit den „Infinity Nets“-Gemälden auch eine ihrer wichtigsten Werkserien. Die Bilder werden heute teilweise für bis zu zehn Millionen Dollar gehandelt. In den 1960er Jahren reichten die Erlöse Kusama bestenfalls zum Überleben in New York.
Unendlichkeit des Universums

Mit den Netzen macht die Künstlerin die Unendlichkeit des Universums sichtbar. Inspiriert wurde sie dazu, als sie auf dem Weg in die USA über den Pazifik flog, den sie als endlos sich ausbreitendes Netz empfand. Bis heute dreht sich Kusamas Kunst um die großen Themen des Menschseins: Wachsen und Vergehen in der Natur und die Unendlichkeit des Universums, in der alles irgendwann verschwindet. Ihre Punkte, mit denen sie Dinge, Menschen und einfach alles bedeckt, sind genauso Ausdruck dieser Idee wie ihre berühmten Spiegelräume. Diese lenken den Blick ins Innere und Unendliche zugleich.

| Das Wichtigste in Kürze Museum Ludwig, Köln Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln Laufzeit: > 14. März – 2. Aug. 2026 Highlights: > Begehbare Rauminstallationen mit Infinity-Mirror-Room > Kusamas erste Installation “One Thousand Boats Show” von 1963 > Bunte Bronze-Blumenskulpturen auf der Dachterrasse mit Blick auf den Kölner Dom Tickets: > hier: Online vorbestellen > Einlass bis 30 Min. nach Buchungsbeginn Besuchsdauer: > Mindestens 2 Stunden einplanen Weitere Station: Stedelijk Museum, Amsterdam: 12. Sep. 2026 – 17. Jan. 2027 |

Rückkehr nach Japan
1973 kehrte Yayoi Kusama nach Japan zurück, psychisch erschöpft von den Jahren in New York und den inneren Kämpfen, die sie begleitet hatten. Sie entschied sich, dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik zu leben. Bis heute hat sie im Tokioter Stadtteil Shinjuku nahe der Klinik ihr Atelier und seit 2017 ihr eigenes Museum, das sie mit den Erlösen ihrer Kunstwerke selbst finanziert hat. Das Yayoi Kusama Museum in Tokio ist eigenwillig wie die Künstlerin selbst. Es wurde nach ihren Plänen erbaut und ist eine Oase der Ruhe im Trubel der weltgrößten Metropolregion. In Wechselausstellungen zeigt sie dort ihre jeweils aktuellen Werke.

„Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens“
Ihre Triebfeder beschreibt Kusama selbst so: „In meinen mehr als siebzig Jahren als Künstlerin habe ich immer Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens gehabt. Mehr als alles andere hat mich dieser starke Sinn für die Lebenskraft im künstlerischen Ausdruck unterstützt und mir Kraft gegeben, Gefühle von Depression, Hoffnungslosigkeit und Traurigkeit zu überwinden. Ich habe mich von meinem Glauben an diese Kraft leiten lassen.“
Titelbild: Yayoi Kusama bei der Arbeit am Zyklus My Eternal Soul (2009–21), 2017 © YAYOI KUSAMA, Courtesy of Ota Fine Arts, David Zwirner
Copyright aller abgebildeten Werke: © YAYOI KUSAMA
weitere Bilder: Constanze Mauermayer (cmy)



