Ein Kosmos voller Punkte

Punkte, Punkte und wieder Punkte: Der Kosmos der Yayoi Kusama ist voller Punkte. Das Museum Ludwig in Köln widmet der japanischen Künstlerin derzeit eine Retrospektive mit über 300 Werken. Die Ausstellung ist bis zum 2. August 2026 zu sehen und feiert zugleich das 50-jährige Bestehen des Museums – ein guter Anlass für einen Köln-Besuch.

Eine riesige Kürbisskulptur, satt gelb und übersäht mit schwarzen Polka dots: Eines der bekanntesten Werke der 97jährigen Yayoi Kusama steht zur Begrüßung im Foyer des Museum Ludwig und stimmt auf die Reise durch den Kosmos der Künstlerin ein. „Ich liebe Kürbisse wegen ihrer humorvollen Form, ihrer Wärme und ihrer menschenähnlichen Qualität“, schwärmte Kusama einst über ihre Lieblingsobjekte.

Pumpkin (2009): Installationsansicht Yayoi Kusama, Museum Ludwig Köln 2026, Sammlung Museum Voorlinden, Wassenaar, Niederlande,
© YAYOI KUSAMA, Foto: Historisches Archiv mit Rheinischem Bildarchiv, Marc Weber

Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit der Fondation Beyeler (Riehen/Basel) und dem Stedelijk Museum Amsterdam realisiert. Sie spannt einen Bogen von den frühesten Werken Kusamas bis heute. Zu sehen sind aus dieser über 80 Jahre währenden Schaffenszeit großformatige Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Mode sowie Filme über ihre legendären New-York-Performances. Zudem erfährt man von Kusamas literarischer Begabung; denn sie veröffentlichte auch zahlreiche Bücher und Lyrikbände. Dort verrät sie: „Wenn ich eines Tages alt, krank und tot bin in 200 oder 500 Jahren, möchte ich immer noch Bilder malen.“

Begehbare Rauminstallationen

Highlight ist eine 2025 eigens für die Ausstellung im Museum Ludwig konzipierte, begehbare Rauminstallation mit einem Infinity-Mirror-Room. Wenn man den gelb-schwarzen Raum mit seinen wurmartigen Gebilden durchwandert, fühlt man sich als Teil eines unendlichen Labyrinths ohne Anfang und ohne Ende. Großes Kino ist auch die Installation auf der Dachterrasse des Museum, bei der überdimensionierte bemalte Bronzeblüten in den Dialog mit dem Kölner Dom, den Wolken und dem Himmel treten.

Installationsansicht Yayoi Kusama, Museum Ludwig Köln, 2026, Flowers That Speak All about My Heart Given to the Sky, 2018, Sammlung der Künstlerin © YAYOI KUSAMA, Courtesy Ota Fine Arts and David Zwirner, Foto: Historisches Archiv mit Rheinischem Bildarchiv, Tobias Kreusler
Detailansicht der Installation Infinity Mirrored Room – The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe, 2025, Sammlung der Künstlerin © YAYOI KUSAMA Courtesy of Ota Fine Arts, Foto: cmy

Kusama wurde 1929 in Matsumoto nahe Nagano geboren. Um ihre Welt zu verstehen, ist ein Blick zurück in ihre Kinder- und Jugendzeit notwendig. Ihre Mutter erzog sie streng. Sie wünschte, dass das Mädchen traditionell japanisch aufwachsen sollte. Für eine kreative Künstlerseele gab es keinen Raum.

Porträtfoto der 10-jährigen Yayoi Kusama und Porträt eines jungen Mädchens, 1939, Sammlung der Künstlerin © YAYOI KUSAMA, Fotos: cmy

Halluzinationen und visuelle Phänomene

Früh traten bei Kusama Halluzinationen, Angstzustände und psychische Erscheinungen auf, die sie ihr ganzes Leben begleiten sollten. Bis heute sieht die Künstlerin überall die Punkte und Netze, die sie zu ihren ikonischen Kunstwerken inspirieren. Den Beginn dieser visuellen Phänomene in ihrer Kindheit beschrieb Kusama später einmal so: „Ich wachte eines Morgens auf und sah, dass das Fenster mit einem Netz überzogen war. Ich ging zum Fenster und berührte es. Da sprang das Netz auf mich über und bedeckte meinen ganzen Körper. Ich schrie um Hilfe, dann verlor ich mein Bewusstsein.“ Sie habe begonnen „sich selbst aufzulösen, … ich reduzierte mich auf ein absolutes Nichts.“

Neustart in New York

Diese Worte ziehen sich wie ein roter Faden durch Kusamas beeindruckendes Schaffen. Die Kunst gab ihr die Kraft, ihre inneren Dämonen zu bändigen. Kämpfen musste sie auch gegen familiäre Widerstände: Zwar setzte sie gegen den Willen ihrer Eltern den Besuch der Kunstakademie in Kyoto ab 1948 durch. Aber mit ihren Werken voller Punkte, Netze und Muster reüssierte sie im Japan der Nachkriegszeit nicht wirklich. 1958 entschied sie sich, nach New York zu gehen. Das Flugticket finanzierten ihre Eltern nur unter der Bedingung, ihre Tochter möge nie nachhause zurückkehren.

Performances, Happening und Protest

Yayoi Kusama, Anatomic Explosion – Happening auf der Brooklyn Bridge, New York, 14. August 1968, Getty Research Institute, Los Angeles, Schenkung der Roy Lichtenstein Foundation im Gedenken an Harry Shunk und Janos Kender/Foto: Shunk-Kender
© J. Paul Getty Trust

In New York veranstaltet sie Performances, wird Teil der Flower-Power-Bewegung und erregt Aufsehen mit provokanten Happenings. Dazu bemalt sie nackte Körper. Womit? Natürlich mit Punkten. Sie sieht diese Aktionen als Protest gegen den Irrsinn des Vietnam-Krieges. Es entsteht in dieser Zeit mit den „Infinity Nets“-Gemälden auch eine ihrer wichtigsten Werkserien. Die Bilder werden heute teilweise für bis zu zehn Millionen Dollar gehandelt. In den 1960er Jahren reichten die Erlöse Kusama bestenfalls zum Überleben in New York.

Unendlichkeit des Universums

Yayoi Kusama, No. N2, 1961 Öl auf Leinwand 125 × 178 cm Privatsammlung, Depositum YAYOI KUSAMA MUSEUM, © YAYOI KUSAMA

Mit den Netzen macht die Künstlerin die Unendlichkeit des Universums sichtbar. Inspiriert wurde sie dazu, als sie auf dem Weg in die USA über den Pazifik flog, den sie als endlos sich ausbreitendes Netz empfand. Bis heute dreht sich Kusamas Kunst um die großen Themen des Menschseins: Wachsen und Vergehen in der Natur und die Unendlichkeit des Universums, in der alles irgendwann verschwindet. Ihre Punkte, mit denen sie Dinge, Menschen und einfach alles bedeckt, sind genauso Ausdruck dieser Idee wie ihre berühmten Spiegelräume. Diese lenken den Blick ins Innere und Unendliche zugleich.

Installationsansicht Yayoi Kusama, Aggregation: One Thousand Boats Show (1963) © YAYOI KUSAMA, Foto: cmy
Das Wichtigste in Kürze
Museum Ludwig, Köln Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln  
Laufzeit:
> 14. März – 2. Aug. 2026  
Highlights:
> Begehbare Rauminstallationen mit Infinity-Mirror-Room
> Kusamas erste Installation “One Thousand Boats Show” von 1963
> Bunte Bronze-Blumenskulpturen auf der Dachterrasse mit Blick auf den Kölner Dom
Tickets:
> hier: Online vorbestellen
> Einlass bis 30 Min. nach Buchungsbeginn
Besuchsdauer:
> Mindestens 2 Stunden einplanen
Weitere Station: Stedelijk Museum, Amsterdam: 12. Sep. 2026 – 17. Jan. 2027  
Yayoi Kusama inmitten ihrer Installation Narcissus Garden auf der 33. Biennale von Venedig (1966). Foto: © YAYOI KUSAMA

Rückkehr nach Japan

1973 kehrte Yayoi Kusama nach Japan zurück, psychisch erschöpft von den Jahren in New York und den inneren Kämpfen, die sie begleitet hatten. Sie entschied sich, dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik zu leben. Bis heute hat sie im Tokioter Stadtteil Shinjuku nahe der Klinik ihr Atelier und seit 2017 ihr eigenes Museum, das sie mit den Erlösen ihrer Kunstwerke selbst finanziert hat. Das Yayoi Kusama Museum in Tokio ist eigenwillig wie die Künstlerin selbst. Es wurde nach ihren Plänen erbaut und ist eine Oase der Ruhe im Trubel der weltgrößten Metropolregion. In Wechselausstellungen zeigt sie dort ihre jeweils aktuellen Werke.

Blick von der Terrasse des Yayoi Kusama Museums in Tokio-Shinjuku (2024); © YAYOI KUSAMA, Foto: cmy

„Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens

Ihre Triebfeder beschreibt Kusama selbst so: „In meinen mehr als siebzig Jahren als Künstlerin habe ich immer Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens gehabt. Mehr als alles andere hat mich dieser starke Sinn für die Lebenskraft im künstlerischen Ausdruck unterstützt und mir Kraft gegeben, Gefühle von Depression, Hoffnungslosigkeit und Traurigkeit zu überwinden. Ich habe mich von meinem Glauben an diese Kraft leiten lassen.“

Titelbild: Yayoi Kusama bei der Arbeit am Zyklus My Eternal Soul (2009–21), 2017 © YAYOI KUSAMA, Courtesy of Ota Fine Arts, David Zwirner

Copyright aller abgebildeten Werke: © YAYOI KUSAMA

weitere Bilder: Constanze Mauermayer (cmy)

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Constanze Mauermayer

Autor Kurzvorstellung:

Constanze liebt es, auf Reisen die Welt zu entdecken, Menschen zu treffen und Geschichten zu erzählen. Die Journalistin freut sich, ihre Erlebnisse auf den Reise-Stories zu teilen. Bei der Auswahl ihrer Ziele hält sie es mit der Schriftstellerin Susan Sontag, die einmal gesagt hat: „Ich war noch nicht überall, aber es steht auf meiner Liste."

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

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