Im Elephant Nature Park in Nordthailand leben rund 120 Elefanten naturnah in menschlicher Obhut. Die Thailänderin Saengduean „Lek” Chailert hat die Rettungsstation für ehemalige Arbeits- und Zirkuselefanten 2003 gegründet. Wer bei der „Elefantenflüsterin“ Thailands zu Gast ist, erlebt eine berührende Nähe zwischen Mensch und Tier, die von Respekt und Zuneigung geprägt ist.
Saengduean Chailert ist eine zierliche Person. Ihr Spitzname „Lek” bedeutet klein, wie passend. Behutsam geht sie auf Tong-Ae zu, kniet nieder und setzt sich zwischen die Beine des Elefanten. Tong-Ae umschmeichelt sie mit seinem Rüssel und ein Spiel beginnt. Zart nimmt er ihr den Hut ab, dann zieht er ihr mit ruhigen, geschmeidigen Bewegungen seines Rüssels die Stiefel aus. Schließlich legt Tong-Ae seinen Rüssel sanft über ihren Mund. Jeder Widerstand scheint zwecklos! Plötzlich beginnt Lek leise zu summen und singt: „Lulla, Lullaby, Lullaby…”.

Refugium für 120 misshandelte Elefanten
Ein Wiegenlied für einen Elefanten: Hätten wir das bei unserem Besuch im Elephant Nature Park nicht selbst erlebt, hätten wir es kaum geglaubt. Doch Saengduean „Lek” Chailert gilt nicht ohne Grund als „Elefantenflüsterin” Thailands. Rund 60 Kilometer nördlich von Chiang Mai betreibt sie seit 2003 das Refugium für derzeit 120 misshandelte Arbeits- und Zirkuselefanten, die dort unter menschlicher Obhut leben. Über dem Gelände liegen ein ständiges Trompeten, Rüsselklopfen, tiefes Brummen und eine Wolke rötlichen Staubes, wenn die Elefanten in Laufschritt fallen. Die Szene mit Tong-Ae erklärt mir Lek später so: „Tong-Ae will immer meine volle Aufmerksamkeit. Er möchte nicht, dass ich mich mit unseren Besuchern unterhalte.”

Von ihrer Mitarbeiterin Aom erfahre ich, dass jeder Elefant Lek „an ihrer Stimme, ihrem Geruch und ihrem Gang erkennt”. Sie sei wie ein Magnet für die Tiere. Tatsächlich scharen sich plötzlich mehrere Elefanten um die zierliche Person und nehmen sie schützend in der Mitte ihrer Herde auf. Ein besonderer Liebesbeweis ist offenbar, sie mit der sandigen Erde zu bewerfen. Lek genießt die Nähe, lächelnd guckt sie unter den dicken Bäuchen hervor.



| Das Wichtigste auf einen Blick Adresse & Kontakt > Elephant Nature Park, ca. 60 km nördlich von Chiang Mai Tel.: +66 (0) 53 272855 > www.elephantnaturepark.org > Öffnungszeiten Büro: täglich 7–17 Uhr Anreise > Abholung im Hotel inklusive Transfer per Minibus zum Park und zurück. > eine Mahlzeit (Buffet) inklusive Erlebnisse (Auswahl) > Halbtagesbesuch (Vormittag oder Nachmittag) ca. 4–5 Std. 2.500 THB > SkyWalk: Ganztagesbesuch ca. 8 Std. 3.500 THB > Mit Elefanten spazierengehen: ganztags 3.500 THB > Für Elefanten sorgen: ganztags 6.000 THB > Übernachtung (2 Tage/1 Nacht): 5.800 THB > Eine Woche mit Elefanten leben: 15.000 THB Weitere Infos und Hinweis > Kinder (3–11 Jahre) zahlen meist nur die Hälfte. > Einige Programme sind nur für Erwachsene. > Alle Elefanten leben frei und ohne Zwang. Kein Elefantenreiten. |
Medizinische Versorgung und Rettungsnetzwerk
Chailerts Passion für Elefanten begann im Kindesalter. Ihr Großvater, ein Heiler, bekam eines Tages den Elefanten Thong Kham als Geschenk, und Lek schloss mit dem Tier rasch Freundschaft. Als 16-Jährige beobachtete sie dann in einem Holzfällercamp, wie schwer Elefanten arbeiten mussten, wie sie gequält wurden und unter welch kargen Bedingungen sie lebten. Ab den 1990er Jahren half Lek bei der medizinischen Versorgung von Elefanten und baute ein Rettungsnetzwerk auf. Schätzungen zufolge gibt es nur noch 2.000 bis 3.000 wild lebende Elefanten in Thailand. Aktuell wird etwa die gleiche Zahl in Gefangenschaft gehalten, meist um zu arbeiten. Als problematisch gilt vor allem die Tourismusindustrie. Besonders erbärmlich geht es dabei den Elefanten in Reitbetrieben: In sengender Hitze tragen sie Touristen über glühenden Asphalt, wie wir es selbst in Ayutthaya beobachtet haben.

Schwer verletzt, abgemagert und erblindet
Für den Elephant Nature Park hat Lek seit dessen Gründung rund 200 Elefanten aus Farmarbeit, Zirkusarenen und Reitbetrieben gerettet. „Alle Tiere sind psychisch traumatisiert, wenn sie zu uns kommen”, erzählt sie. „Sie sind meist schwer verletzt, abgemagert und haben oft Knochenbrüche. Durch das grelle Licht im Zirkus sind einige unserer Tiere sogar erblindet.” Im Park beschäftigt sie deshalb acht Tierärzte und Dutzende Elefantenpfleger, die sogenannten Mahouts. „Bei uns müssen die Tiere nicht mehr arbeiten, sie werden zu nichts gezwungen und nicht bestraft”, sagt Lek. „Wir heilen sie, und dann dürfen sie sein, ganz wie sie es möchten.”


Ausgezeichnet und bedroht
Für ihr Engagement wurde Lek vielfach ausgezeichnet. Doch nicht alle sind ihr wohlgesonnen: Von Gegnern ihrer Arbeit hat sie Morddrohungen erhalten. Lek zuckt mit den Schultern, wenn man sie darauf anspricht. Aufgehört hat sie trotzdem nicht. Mit der Stiftung Save Elephant Foundation klärt sie über das oft traurige Schicksal der Tiere auf. Zum Fortbestand ihrer Arbeit tragen natürlich auch die geschätzt bis zu 20.000 Touristinnen und Touristen pro Jahr bei, die wie wir gegen Gebühr den Park besuchen.

36 Tonnen Futter pro Tag
Denn pro Tag verschlingen die Dickhäuter mindestens 36 Tonnen Futter – rund 300 bis 400 Kilo pro Tier: Melonen, Bananen, Kürbisse und allerlei Grünzeug, das viele Bauern der Umgebung extra für den Park anbauen. „Wir bekommen auch viele Spenden von Nahrungsmitteln und Grundstücken, die das Areal des Parks weiterwachsen lassen”, berichtet Lek. „Ohne diese würden wir nicht alle satt bekommen und hätten keinen Platz für so viele Tiere.” Denn im Park leben nicht nur Elefanten, sondern auch Dutzende Hunde, Katzen, Ziegen, Pferde, Schweine und auch sonst noch allerlei Getier.

Lecker, Obst
Die Sonne steht schon tief. Unter dem Gemeinschaftshaus rauscht der von Regenwald gesäumte Fluss. „Schaut, schaut, die Elefanten kommen heim”, ruft Lek. Und tatsächlich, an der Biegung des Flusses wirft sich eine kleine Herde in die Fluten und kommt im Laufschritt mit lautem Tröröh flussaufwärts. Was für ein Spaß, als sich die Tiere gegenseitig mit Wasser bespritzen. Dann erklimmen sie das Ufer und laufen federnden Schrittes zum Futtertrog. Dort sind Melonen angerichtet. Die zierliche Chaba ist hungrig. Eins, zwei, drei … fünf, zehn und mehr Früchte verschwinden, so schnell kann man gar nicht gucken. Chaba jedenfalls hat heute nur Augen für die Melonen.

Bilder: Hans Nagel
Titelbild: Saengduean „Lek” Chailert verbindet mit ihren Elefanten eine große und innige Zuneigung.



