Zufällige Begegnungen auf Reisen beleben wie das Salz in der Suppe. Im Frühstücksraum eines taiwanischen Berghotels erlebe ich solch einen Moment: Herr Yenn Bin Hwang spricht mich an, fast akzentfrei auf Deutsch, und erzählt mitreißend von der schönsten Landschaft Taiwans: dem besonderen „Renqingwei”.
„Sind Sie aus Deutschland?” Die Frage kommt unerwartet, während meine Freunde und ich beim Frühstück chinesische Nudelsuppe löffeln. Vor uns steht ein älterer Herr mit freundlichem Gesicht. Sein Deutsch ist fast perfekt, nur ein leichter Akzent verrät seine Herkunft.

Yenn Bin Hwang hat über 30 Jahre in Deutschland gelebt, in Freiburg und Aachen Wirtschaftswissenschaften studiert und später in der Prozesssteuerung gearbeitet. Daneben war er als Übersetzer und Dolmetscher tätig. Nach seiner Pensionierung ist der Taiwaner nach Hause zurückgekehrt und führt jetzt deutsche Reisende durch seine Heimat: mit dem Blick von jemandem, der in zwei Welten zuhause ist, wie er sagt, „um zum Austausch der Kulturen beizutragen”.
Renqingwei: die taiwanische Herzlichkeit

Was folgt, ist kein geplantes Interview, sondern ein Gespräch, das wir später über E-Mail und WhatsApp fortsetzen. Hwang erzählt vom besonderen „Renqingwei” – jener großen Hilfsbereitschaft und zwischenmenschlichen Wärme, die meinen Freunden und mir auf unserer Reise immer wieder begegnet. Unter Fremdherrschaft, immer wieder gefährdet durch Erdbeben und Taifune war der gesellschaftliche Zusammenhalt auf der Insel die beste Überlebensstrategie. „Anderen zu helfen ist die Quelle des Glücks.” Taiwanische Kinder lernen das bis heute. „Nicht umsonst sagen wir”, so Hwang, „dass unser Renqingwei die schönste Landschaft Taiwans ist”.
Chinesisch im Herzen

Festlicher Umzug in den Straßen von Tainan
Taiwan ist seit Jahrhunderten ein Schmelztiegel der Kulturen: Es ist chinesisch im Herzen, durchzogen von holländischen und spanischen Spuren der Kolonialzeit, geprägt von 50 Jahren japanischer Okkupation (1895-1945) und nicht zuletzt von den Einflüssen der amerikanischen Popkultur seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dieser besondere Mix begegnet uns vor allem beim Essen immer wieder: Tempura trifft auf Hot Pot im Szechuan-Stil, japanische Izakaya-Häppchen auf amerikanische Burger. Es ist eine aufregende Mischung, wenn auf den Nachtmärkten die kulinarischen Traditionen der Kulturen zum besonderen Streetfood Taiwans verschmelzen.

Ilha Formosa, die schöne Insel
Sicher, nur wegen des Essens kommen die wenigsten nach Taiwan. Die Insel ist gerade mal halb so groß wie Bayern und ein Naturparadies der Extraklasse: Dreiviertel sind gebirgig, mit rund 280 Gipfeln über 3000 Meter ist Taiwan der Ort mit der weltweit höchsten Dichte an Dreitausendern. Von der Küste bis ins Hochgebirge wechseln die Vegetationszonen von tropischen Ebenen bis zu subpolaren Gipfeln. Über 4.000 Pflanzen-, 750 Vogel- und 400 Schmetterlingsarten bevölkern die Insel, viele davon gibt es nur hier. Kein Wunder, dass portugiesische Seefahrer im 16. Jahrhundert Taiwan „Ilha Formosa” tauften – die schöne Insel.
Taipeh, Alishan und die Küsten


Blick auf den Taipei 101: In der 88. Etage stabilisiert eine gewaltige Kugel den Turm.
Wir sind 14 Tage auf der Insel unterwegs. In Taipeh erkunden wir die Stadt mit einer kostenlosen Tour der Taiwan-Greeter, bestaunen im Taipei-101-Tower die 660 Tonnen schwere Stabilisierungskugel und tauchen ein in die Götterwelten des Longshan- und Baoan-Tempels. Im Bergdorf Jiufen flanieren wir durch enge Gassen mit historischen Teehäusern, im Yehliu Geopark bestaunen wir bizarre Felsformationen. Die Fahrt mit der Alishan Forest Railway durch Wolkenmeer und Zypressenwald gehört später zu den Höhepunkten unserer Reise – für Hwang ist sie ein absolutes Muss für jeden Taiwan-Besucher ebenso wie er den Besuch des Sun-Moon-Lakes empfiehlt.

Bizarre Felsformationen in Yehliu Geopark
Die Westküste: Geschichte auf Schritt und Tritt
Von Alishan geht es zurück ins Tiefland, in die charmanten Küstenstädte an der Westküste. Tainan, die alte Hauptstadt Taiwans, ist ein Schatzkästchen der Geschichte. Hwang schwärmt von der alten Burg und den Tempeln: „Tainan ist das kulturelle Herz der Insel. Hier spürt man unsere Geschichte auf Schritt und Tritt.” Die Stadt beherbergt über 300 Tempel, darunter den Konfuzius-Tempel aus dem Jahr 1665, der älteste religiöse Ort Taiwans.
| Das Wichtigste auf einen Blick Fortbewegung vor Ort > Hochgeschwindigkeitszug (HSR): Taipeh–Kaohsiung in 2 Stunden > gut ausgebauter Nahverkehr mit Bussen und Regionalbahnen > Metro in Taipeh, Kaohsiung, Taoyuan > EasyCard: aufladbare Karte für öffentliche Verkehrsmittel > Mietwagen: Internationaler Führerschein erforderlich Wichtige Orte > Taipeh: Hauptstadt mit Taipei 101, Nachtmärkten, Tempeln > Alishan: Bergregion mit historischer Waldbahn und Zypressenwald > Tainan: Älteste Stadt mit über 300 Tempeln > Sun Moon Lake: Malerischer Bergsee in Zentraltaiwan > www.taiwantourismus.de Beste Reisezeit > Frühjahr (März-Mai) und Herbst (September-November) > Taifun-Saison: Juni bis Oktober, Wettervorhersage beachten Praktische Tipps > 7-Eleven und FamilyMart für Snacks, Getränke und Geldautomaten > Leitungswasser nicht überall trinkbar > Trinkgeld unüblich > kostenloses WIFI an vielen öffentlichen Orten > Schuhe ausziehen beim Betreten von Tempeln und Wohnungen |
Lotussee in Kaohsiung


Weiter südlich liegt Kaohsiung, die zweitgrößte Stadt der Insel. Der künstliche Lotussee mit seinen farbenprächtigen Tempeln und Pagoden erinnert mich ein wenig an Disneyland. Besonders eindrucksvoll sind die Drachen- und Tigerpagode. Ich betrete sie durch das Maul des Drachen und durch den Schlund des Tigers geht es wieder hinaus – ein symbolischer Akt, der Glück bringen soll. An der Südspitze der Insel lockt uns schließlich der Kenting Nationalpark mit einsamen Sandstränden und kristallklarem Wasser.

Die Ostküste: wo der Pazifik auf Berge trifft
Den Plan, über die Ostküste zurück nach Taipeh zu reisen und damit die Insel komplett umrundet zu haben, müssen wir wegen eines kleineren Taifuns streichen. Das Unwetter regnet sich tagelang ab. Wie schade, denn Hwangs Augen leuchten, wenn er von den aufregenden Landschaften erzählt. „Der Pazifik, der größte Ozean der Welt. Man kann vor ihm seine Fantasie frei entfalten. Was steckt in so einem unendlich breiten Gewässer? Wie überquert man es?“, sinniert er und macht eine Gedankenpause. „Im Vergleich zum Pazifik sind wir Menschen so winzig klein. Wenn man sich das bewusst macht, lebt man gelassener und ärgert sich nicht über Kleinigkeiten.“
Steile Klippen


Üppige Vegetation, steile Klippen: Küstenlandschaft an der Ostküste (Bild: www.taiwantourismus.de)
Die alte Küstenstraße führt streckenweise entlang steiler Klippen. „Man kann wandern und empfinden, wie wunderbar die Natur Taiwan erschaffen hat“, schwärmt Hwang. Zu den Höhepunkten zählt die Qingshui-Klippe: 21 Kilometer lang, durchschnittlich 800 Meter hoch, mit dem höchsten Gipfel bei 2.408 Metern. „Sie fällt fast senkrecht in den Pazifik ab. Weltweit gibt es nur wenige Küstenklippen mit einem so großen Höhenunterschied.“
Walbeobachtung bei Hualien
Auch die Taroko-Schlucht bei Hualien ist ein Naturwunder mit spektakulären Wanderwegen. Aktuell ist sie wegen Erdbebenschäden gesperrt. Aber es gibt entlang der Ostküste noch viele andere Ziele: Sanxiantai mit seiner mystischen Küstenlandschaft, die kleinen Inseln Lanyu und Lyudao mit archäologischen Stätten aus dem Neolithikum und Spuren der Ureinwohner Taiwans. „Man kann von mehreren Stellen mit dem Boot zur Walbeobachtung fahren”, erzählt Hwang. „An der Ostküste leben mehr als 30 verschiedene Walarten im Ozean.” Er fügt lächelnd hinzu: „Allerdings gibt es keine Garantie für eine Begegnung, die Wale leben ja in freier Wildbahn.“

Abschied mit neuen Perspektiven
Als sich Hwangs deutsche Reisegruppe auf dem Alishan zum Aufbruch sammelt, verabschieden wir uns herzlich. Er hat mich Taiwan aus einer neuen Perspektive sehen lassen – mit den Augen eines Menschen, der in zwei Kulturen zuhause ist und seine Liebe zu seiner Heimat leidenschaftlich teilt. Als ich später im Zug sitze, denke ich an seine Worte über das Renqingwei. Vielleicht ist es tatsächlich die schönste Landschaft Taiwans, diese menschliche Wärme und diese Offenheit, die das Land prägt. Es ist eine Landschaft, die man nicht fotografieren kann, aber im Herzen mitnimmt.

Bilder: Hans Nagel
Titelbild: Streetart, flippige Mode und Leuchtreklame: Der Ximending District ist eines der hippsten Viertel in Taipeh.



