In den letzten 15 Monaten bin ich fast täglich, genau genommen werktäglich, von München nach Fürstenfeldbruck gefahren. Die schnellste Verbindung geht über die B2, aber da auch dort, wenn auch nicht so dramatisch wie in Abhängigkeit vom MVV (Münchner Verkehrsverbund), mit Störungen zu kämpfen war, erkundete ich sämtliche Ausweichstrecken, über Emmering, Eichenau, Puchheim, über Germering oder über Alling. Die schönste Strecke führt am Kloster Fürstenfeld vorbei, den Berg hoch nach Biburg, Germannsberg, dann die Römerstraße bis Krailing und dann weiter bis nach hause.
Dabei lernte ich im Mini-Dorf Germannsberg eine der schönsten Aussichten auf die Alpen kennen, vom Karwendel im Osten bis zu den Allgäuer Alpen im Osten, vorausgesetzt, das Wetter spielte mit. Dann wurde ich begeisterter Kunde in Hofläden, vom Lipp in Germannsberg bis zum Hühnerhof Kiemer. Der liegt rechts, mitten im Feld, wenn man von Alling nach Germering fährt, kurz vor Nebel und einem Märchenwald, den ich Nebel-Wald getauft habe, weil Felder und Bäume zu allen Jahreszeiten geradezu mystische Bilder erzeugten. Diese Straße nach Germering heißt Parsbergstraße. Und weil mich der Grund der Namensgebung interessierte, schaute ich in der Apple-App und fand dort, im “Nebelwald” einen Hinweis auf einen Burgstall auf dem Parsberg. Ich bin nun wirklich jeden befahrbaren Weg im Dreieck München, Fürstenfeldbruck und Starnberger See abgefahren, ein Burgstall Parsberg, also die Ruine einer Burg mit diesem Namen, ist mir nie aufgefallen. Also hin.

Der Burgstall Parsberg, nur ein Bodendenkmal ist geblieben
Das Internet erzählte mir folgendes: “Der Burgstall Parsberg bezeichnet eine abgegangene Höhenburg auf einer 550 m ü. NN Hügelkuppe in der Gemarkung Puchheim auf einer Anhöhe über dem Erholungsgebiet Germeringer See im Landkreis Fürstenfeldbruck in Oberbayern. Das frei zugängliche Bodendenkmal geht auf eine hoch- bis spätmittelalterliche Turmhügelburg (Motte) zurück, von der aus möglicherweise die Salzstraße zwischen München und Augsburg kontrolliert wurde.” Die Burganlage lag also an einer Straße, die von München kommend über den Parsberg zur Amper und weiter zum Lech führte. Dadurch hatte die Anlage eine Überwachungs-, vielleicht auch eine Zollfunktion. In einer Urkunde aus dem Jahr 1321 heißt es: „König Ludwig IV., fünfter Wittelsbacher Herzog und Sohn des Gründers von Fürstenfeld, versetzt dem Heinrich von Schwarzenberg alle Wochen 1 Pfund Münchner Pfenning am Zoll an dem Parsberg“.
Das Navi zeigte mir den Weg bis dem Germeringer See, vom dortigen Parkplatz musste ich laufen. Es war nicht weit, aber die Beschreibung war falsch. Über einen Weg ging es bergan, an einem Waldkindergarten vorbei. Aber wo der Burgstall sein sollte, war: nichts. Eine Spaziergängerin kannte sich aus, also zurück zum See, ein Stück weiter den See entlang, dann wieder den Berg hinauf. Dort fand ich ein zeitgenössisches Kunstwerk, Steine in Schneckenform gelegt, das konnte aber nicht der Burgstall sein, im Wald waren Tafeln, in denen kindgerecht Bäume und Sträucher beschrieben wurden, aber von der Burg Parsberg keine Spur.

Am Germeringer See
Im Süden warf die Sonne ein letztes Licht auf den “Nebelwald”, vielleicht haben die Burgherren von ihrem Turm die Alpen gesehen. Ich sah weder Turm noch Alpen. Aber dann lichtete sich mein Nebel. Ich erkannte Gräben und Anhäufungen, die Menschen einst geschaffen haben müssen. Unter Bäumen und Sträuchen kann man sich mit etwas Phantasie eine dreigliedrige Anlage mit einer Turmhügelburg und zwei Vorburgen vorstellen. Insgesamt umfassen die Burggräben ein Areal von ungefähr 150 × 50 bis 60 Meter. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege verzeichnet das “Bodendenkmal” als „Burgstall des hohen und späten Mittelalters”. Werner Schmidt hat in der Sonderausgabe der Brucker Blätter 2015, die den Titel „Schlösser, Burgen und Burgställe im Landkreis Fürstenfeldbruck“ trägt und vom Historischen Verein für die Stadt und den Landkreis Fürstenfeldbruck herausgegeben wurde, einen Beitrag veröffentlicht: “Die gesamte Burganlage umfasst etwa 3.000 Quadratmeter. Das Kernwerk umfasst lediglich eine Fläche von ca. 80 Quadratmeter, während eine westliche Vorburg 1.200 und eine östliche Vorburg 1.600 Quadratmeter umfasst. Die dreigliedrige Anlage ist von allen Seiten durch Gräben geschützt. Die Gräben sind bis zu 30 Meter breit, und die Wälle haben eine Höhe von bis zu 6 Metern. Der Burgstall war sicher seit dem 12. Jahrhundert besiedelt und in dieser Zeit wohl auch schon befestigt. Das Fehlen jeglicher Mauersteine lässt darauf schließen, dass das östliche und das mittlere Plateau wahrscheinlich mit Holz- bzw. Fachwerkhäusern bebaut waren.” Werner Schmidt hat bestimmt ordentlich recherchiert, aber vor Ort blieb mehr ein Ahnen als ein Verstehen.
Aber wer hat wann dort gehaust? Weder das Zeit+Raum Museum in Germering noch das Museum Fürstenfeldbruck konnten Auskunft geben. So irrlichtern Hinweise auf eine “keltische Viereckschanze” oder eine “nachgewiesene römische Fortifikation” durch die Niederschriften. In Germering und Umgebung befinden sich tatsächlich Spuren aus der Urnenfelder- und Hallstattzeit. Hobbyarchäologen und Fachleute stießen beim erwähnten Germeringer Stadtteil Nebel im Sommer 2017 auf Funde, die sogar 35 000 Jahre alt sind. Deshalb ist es verständlich, dass im Volksmund der Burgstall fälschlicherweise als Kelten- und Römerschanze benannt und bekannt ist, obwohl hier weder keltische noch römische Funde zutage kamen.
Daher dürfte beides sicherlich falsch sein. Durch eine 1993 durchgeführte archäologische Grabung war es möglich, die Wallanlage in ihrer zeitlichen Stellung auf das hohe Mittelalter festzulegen. Der festgestellte Schutt datiert ins 12./13. Jahrhundert. In dieser Zeit war der Burghügel besiedelt und befestigt. Aufgefundene Keramikbruchstücke deuten darauf hin, dass der Platz mindestens bis ins 14. Jahrhundert genutzt wurde.

Im Nebelwald
Wessen Ansitz die Burg war ist nicht geklärt. Wer war der Lehnsherr? Die Herzöge von Bayern, die Grafen von Andechs, die Bischöfe von Freising? Man weiß es nicht. Ebenso im Nebel der Geschichte liegt, ob die Burgherren dem Ortsadel von Puchheim oder Germering zuzurechnen sind. Einige aufgefundene Pfeil- und Armbrusteisen könnten in Zusammenhang mit der Schlacht bei Alling stehen, die 1422 in der Nähe geschlagen wurde. Herzog Ludwig VII. von Bayern-Ingolstadt führte im Bayerischen Krieg (1420-1422) durch einen Vorstoß auf München diese Schlacht herbei. Ein Aufgebot der Herzöge von Bayern-München besiegte ihn und beendete damit die Kriegshandlungen.Ob die Burg damals unterging? Auch das bleibt im Nebel der Geschichte.
Aber was auftaucht ist überraschend, jedenfalls für den Laien, zu denen ich mich zähle. Der Burgstall Parsberg ist kein Einzelfall. Das ganze Land ist voll von “abgegangenen” Burgen und Schlössern. So zählt die Liste der Burgen und Schlösser alleine im Landkreis Fürstenfeldbruck auf. 1. Schlösser: Esting, Geiselbullach, Grunertshofen, Günzlhofen, Holzkirchen, Nannhofen, Spielberg, Türkenfeld, Weyhern. 2. Burgen: Alling, Aufkirchen, Dünzelbach, Engelsberg, Gegenpoint, Haldenberg, Roggenstein, Rottbach, Wildenroth, Hegnenberg. 3. Burgställe: Parsberg, Turmhügel Stefansberg, Sunderburg, Adelshofen, Biburg, Abschnittsbefestigung im Burgholz, Abschnittsbefestigung Landsberied, Ringwall Mittelstetten, Oberschweinbach, Abschnittsbefestigung Puch, Purk, Abschnittsbefestigung Schöngeising, Wenigmünchen. Und hinzu kommen noch die Wehrkirchen.
Wo sind ihre Bewohner hin? Warum hat man ihre Sitze eingeebnet? Aus Hass auf ihre Herrschaft, aus Nachlässigkeit, oder weil man das Baumaterial oder den Grund “gut brauchen” konnte?
Auf dem Weg vom Parsberg zurück zum Parkplatz am Germeringer See fällt mir keine schlüssige Antwort ein. Die Sonne hat sich hinter den Wald und wohl auch hinter die Alpen zurückgezogen. Der Nebel-Wald geht in einen Nachtwald übrig. Auch ohne Antwort auf die eine Frage, entstehen andere Fragen: Warum lässt man wichtige Ereignisse und Denkmale im Nebel der Geschichte verschwinden? Der Mensch lebt nicht nur von den Produkten der Hofläden, von Eiern, Kartofffeln, Brot und Milch allein. Er braucht auch den Bezug zur Geschichte, wenn er den Nebel verlassen will.



