Qingdao – Deutsche Spuren in Fernost

 

In Kaiser Wilhelms chinesischer Musterkolonie

Von Katrin Groth

Rituale stärken Bindungen. Das weiß auch Reiseleiter Franz. Deshalb beginnt jeder Morgen mit einem Sprachkurs. „Was heißt Guten Tag?“, fragt Franz, der eigentlich Jun Chen heißt, in die Runde. „Ni hao“, schallt es zurück. Franz lächelt. Doch eins ist ihm noch wichtig: „Bitte nicht die Silben zusammenziehen. Das bedeutet Sie brauchen eine Pinkelpause.“

Weil es für deutsche Gäste einfacher ist haben sich Jun Chen und sein Kollege Jun Xia deutsche Namen zugelegt: Franz und Josef. Die beiden Chinesen zeigen uns Qingdao (dt.: Grüne Insel). In der Hafenstadt am Gelben Meer fanden 2008 die Segelwettbewerbe der Olympischen Spiele statt.

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„Qingdao hat acht Millionen Einwohner, es ist die siebtgrößte Hafenstadt Chinas und die neuntgrößte der Welt und Qingdao hat die längste Brücke über das Meer – dabei war die Stadt 1891 noch ein Fischerdorf“, zählt Josef nicht ohne Stolz auf. Zeit zum Luftholen bleibt kaum.

Trotzdem, vom Massentourismus wie in Peking oder Shanghai ist die Stadt mit den langen Sandstränden weit entfernt. Josef: „Es ist eine Gegend, die noch entdeckt werden muss.“

Dabei ist Qingdao enger mit Deutschland verbunden als nur durch die deutschen Namen unserer Reiseleiter.

Ende des 19. Jahrhunderts waren die Preußen unter Kaiser Wilhelm II. auf der Suche nach einem Stützpunkt für ihren Handel mit China. Fünf Wochen dauerte damals eine Seefahrt von Deutschland nach Tsingtao, wie die Stadt damals hieß. Heute reichen schon zwölf Stunden Flug.

Mit einem geschickten Schachzug rissen sich die Preußen Tsingtao unter den Nagel. China gab nach, am 6. März 1898 wurde der Pachtvertrag unterzeichnet. Angelegt auf 99 Jahre.

k-China (5)Aber schon 17 Jahre später endete die deutsche Besatzung, die Japaner nahmen Tsingtao im Ersten Weltkrieg ein. Noch heute aber stehen der alte Bahnhof, Schulen, Krankenhäuser, evangelische und katholische Kirche und Villen in wilhelminischem Stil.

Dazwischen: Frauen in weißen Kleidern oder in roten Kleidern. In lila oder rosa, lang oder kurz, mit Spitze oder Volants. Und dazu: Männer in Anzügen. Blau-grau kariert, orange, mit Blume im Knopfloch oder bunten Socken.

k-China (4)Junge Paare nutzen die historische Kulisse aus Kolonialzeiten für ihre Hochzeitsfotos. Es wird zurecht gezupft, mit Blumen geworfen und an Schleppen gewedelt. Ganze Teams aus Stylisten und Fotografen inszenieren hier das perfekte Foto.

Nur ein paar Schritte weiter schieben sich Wohntürme ins Bild. Ein Hochhaus reiht sich ans andere. Allein die Provinz Shandong, in der Qingdao liegt, hat 95 Millionen Einwohner – ist aber nicht einmal halb so groß wie Deutschland.

Franz testet unsere Sprachkenntnisse: „Was heißt ‚Hallo, Danke, Wie geht’s?“, fragt er ab. Und dann lernen wir die vielleicht wichtigsten Worte: Alkohol, Rotwein, Weißwein. Dabei trinkt man in Qingdao viel lieber Bier.

Zwischen grün blinkenden Bierflaschen, mitten in einer Art Biermeile, steht Chinas größte Brauerei: Tsingtao. 1903 von Deutschen als Germania-Brauerei gegründet. Ein originaler Siemens-Motor steht noch in der alten Produktionshalle, vor über 100 Jahren aus Deutschland importiert.

Tsingtao exportiert in 90 Länder, auch ein chinesisches Oktoberfest gibt es. Das allerdings findet schon im August statt. Und auch sonst läuft in China einiges anders.

Besichtigungen zum Beispiel. Egal ob im Tsingtao-Museum oder auf der Burg Penglai, chinesische Gruppen legen ein derartiges Tempo vor, dass wir nur staunen können. Über die tragbare Mikrofonanlage rattert der Guide Daten und Fakten herunter.

Gruppe um Gruppe zieht vorbei. Immer wieder aber bleiben sie stehen um Fotos zu machen. Beliebtestes Motiv: Unsere Reisegruppe. Manchmal werden wir öfter fotografiert als historische Gäranlagen und religiöse Stätten.

„Wir müssen weiter“, drängelt jetzt auch Josef. Ihm knurrt der Magen. Denn Chinesen essen pünktlich: 6.30 Uhr Frühstück, 12 Uhr Mittag, 18 Uhr Abendessen. Als unsere Gruppe erst um 19 Uhr im Restaurant aufschlägt, ernten wir entsetzte Gesichter.

k-China (6)Essen bekommen wir dann aber doch. Gebratenes Gemüse, Meeresfrüchte und Nudeln. Wir gucken überrascht. Isst man in China nicht Reis? „Nein“, erklärt Franz lächelnd, „Nord- und Südchina sind geteilt. Im Süden isst man Reis, nördlich des Jangtse kommen Nudeln auf den Tisch.“

Dazu muss man wissen: Sowohl Nudeln als auch Reis sind Sättigungsbeilagen. Wer gut essen geht, bekommt davon nur wenig auf den typisch runden Tisch mit der Drehplatte gestellt.

Mit Stäbchen essen ist an sich schon eine Herausforderung, aber Nudelsuppe mit Stäbchen? Na klar, Schlürfen ist mehr als erlaubt.

Am Abend zieht Nebel auf. Wo eben noch Häuser standen, ist im nächsten Moment nichts mehr. So schnell wie sich der dichte Schleier über die Stadt legt, endet auch die Reise. Franz: „Weil Sie den Sprachkurs erfolgreich bestanden haben, bekommt jeder einen chinesischen Namen.“ Und so wird aus Katrin die chinesische Ting.

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+++ Info +++

Allgemeine Infos
Qingdao
www.chinatours.de/shandong-entdecken/qingdao-kuesten

Provinz Shandong
www.travelshandong.com

Beste Reisezeit
Frühjahr bis Herbst, voll wird es im Juli/August wenn die Chinesen Urlaub machen
China Tours berät bei Fragen rund um China-Reisen
www.chinatours.de

Hinkommen
Air China fliegt ab Frankfurt nach Shenzen, von dort Flug nach Qingdao; Lufthansa fliegt ab Frankfurt auch direkt nach Qingdao

Unterkunft
Copthorne Hotel
www.millenniumhotels.com/en/qingdao/copthorne-hotel-qingdao

Ansehen
Tsingtao-Brauerei mit Bier-Museum
www.tsingtaomuseum.com

Laoshan-Nationalpark
www.qdlaoshan.cn/en/

Burg Penglai
www.plg.com.cn/enplg/index.htm

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